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Umsturzpläne gegen Putin? : Putsch-Theorien sind vor allem "Wunschdenken"

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Ukrainische Geheimdienste berichten von einem geplanten Putsch gegen Putin. Experten halten das zurzeit für unwahrscheinlich. Der Kremlchef sitze weiterhin "fest im Sattel".

Wladimir Putin am 07.02.2022 in Moskau
Geheimdienstexperten sehen die Macht von Wladimir Putin kaum in Gefahr.
Quelle: Reuters

Das Posting des ukrainischen Militärnachrichtendienstes bei Facebook hat es in sich: "Vergiftung, plötzliche Krankheit, Unfall - russische Elite erwägt die Möglichkeit, Putin zu entfernen" heißt es dort. Eine "Gruppe einflussreicher Personen" in Putins Umfeld würden den russischen Präsidenten schnellstmöglich absetzen wollen.

Damit sollen auch "die durch den Ukraine-Krieg zerstörten wirtschaftlichen Verbindungen zum Westen" wiederhergestellt werden. Als möglicher Nachfolger wird ausgerechnet der Putin-Vertraute Alexander Bortnikow genannt, der Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Russische Offiziere und Generäle abgesetzt

Tatsächlich scheint es im Kreml hinter den Kulissen schon länger zu brodeln: Putins Sonderberater Antoli Tschubais trat erst am Mittwoch zurück. Medienberichten zufolge wurden hochrangige russische Offiziere und Generäle in den vergangenen Wochen abgesetzt oder sogar verhaftet. Einer der Vorwürfe: Sie sollen den Kreml nicht richtig über die Lage in der Ukraine informiert haben. Aus diesem Grund gilt auch der FSB-Chef Bortnikow als angeschlagen.

Putin regiere durch die Angst von Eliten und Bevölkerung in Russland, sagt der Investigativjournalist Andrej Soldatow. In dieser Atmosphäre sei ein Umsturz äußert schwierig.

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Doch trotz dieser Berichte: Ein Putsch gegen Putin ist kaum zu erwarten - das erklären Experten übereinstimmend gegenüber ZDFheute.

"Die meisten Theorien zum Schicksal Putins sind vor allem vom Wunschdenken derjenigen getrieben, die hoffen, dass sich in Russland etwas im Machtgefüge ändert", sagt ZDF-Russland-Korrespondent Christian Semm. Aber das Kreml-Orakel liege meistens daneben, "weil man immer erst hinterher erfährt, was sich hinter den Kreml-Mauern abspielt".

Seitdem ich Korrespondent in Moskau bin, wird auch immer wieder über Putins Gesundheitszustand spekuliert und dass der Machttransfer schon geregelt sei. Bewahrheitet haben sich diese Theorien nie.
ZDF-Russland-Korrespondent Christian Semm

Geheimdienstexperte: Putin "fest im Sattel"

Andrej Soldatow, russischer Investigativjournalist, Kremlkenner und Geheimdienstexperte, sieht die Macht Putins kaum in Gefahr und zweifelt an der Einschätzung des ukrainischen Geheimdienstes zu möglichen Putschplänen.

Die Geheimdienste würden Putin zwar intensiv beschützen, sie misstrauen einander aber auch extrem, erklärte er bei ZDFheute live. Das mache es praktisch unmöglich, eine Bewegung entstehen zu lassen, die Putin stürzen könne. Zudem gebe es bereits seit Jahren Repressalien, nicht nur gegen Oppositionelle, sondern auch gegen Mitglieder der Eliten.

Enttäuschte Erwartungen, geplatzte Träume, das Ende der Illusionen: Seit der Invasion der Ukraine hat sich das Bild von Präsident Putin und seiner Politik grundlegend verändert.

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Damit sei ein Klima der Angst geschaffen worden, dem sich nur wenige widersetzen. Das sei auch daran zu erkennen, dass zahlreiche Gouverneure oder Geheimdienstmitarbeiter unter Hausarrest stehen oder anders bestraft wurden.

Stalin als Vorbild für Putin

Ähnlich beurteilt das auch der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom:

Ich fürchte, Putin bleibt der russische Präsident, weil er in seinem Umfeld das in Gang setzt, was Stalin einmal 'die Säuberung' genannt hat.
Erich Schmidt-Eenboom, Geheimdienstexperte

Das seien vor allem "mörderische Säuberungen" gewesen, fügt er hinzu.

Stalin habe Militärs und Führungskräfte in den Nachrichtendiensten gegeneinander ausgespielt, um zu verhindern, dass sie ihn absetzen können. Die damalige Armee sei "de facto enthauptet" und etliche Offiziere in Lager gesteckt worden. "Putin wird versuchen, in ähnlicher Weise zu agieren", so Schmidt-Eenboom.

Beide Experten, Soldatow und Schmidt-Eenboom, sind sich einig: Auch ein direktes Attentat auf Putin sei äußerst schwierig. Putin habe zwei Sicherheitsdienste, einer sei nur dafür verantwortlich, dass ihm persönlich nichts passiere, erklärt Soldatow. Nach eigener Aussage hat der Präsident bereits mehr als zehn Attentate überlebt. Schmidt-Eenboom weist darauf hin, dass Putin aus Angst vor einem Giftanschlag seinen eigenen Leibkoch hat und nur das isst, was der ihm vorsetzt.

"Keine Anzeichen für eine Spaltung" innerhalb der Eliten

"Es gibt keine Anzeichen für eine Spaltung", sagt auch Tatiana Stanovaya, Gründerin des Thinktanks "R.Politik". Weder das Entsetzen des Westens und die harten Sanktionen noch die Kritik einzelner Oligarchen scheinen die Loyalität der Eliten gegenüber dem Staatschef grundsätzlich zu erschüttern.

"Es gibt einen vollständigen Konsens, wenn auch möglicherweise mit Unterschieden in der Taktik", sagt Stanovaya. Es müsse unterschieden werden zwischen Vorbehalten gegen den Krieg und der Bereitschaft zum Handeln.

Die Menschen sind schockiert und viele glauben, dass die Invasion ein Fehler ist. Aber niemand ist in der Lage zu handeln. Jeder ist auf sein eigenes Überleben konzentriert.
Tatiana Stanovaya, Thinktank "R.Politik"

Vorsichtige Stimmen für den Frieden - keine Kritik an Putin

Praktisch der einzige Insider, der aus der Reihe tanzt, ist der frühere Kreml-Berater und ehemalige Vize-Ministerpräsident Arkady Dworkowitsch, der auch Chef des Weltschachverbandes ist. In einem Interview mit einer US-Zeitschrift sprach er sich gegen den Krieg aus und trat von seinem Posten als Leiter einer Unternehmer-Stiftung zurück.

Oligarchen wie Oleg Deripaska und Michail Fridman, die die Sanktionen hart treffen, sprachen sich vorsichtig für Frieden aus. Auch der Vorstand von Lukoil, dem größten privaten Energieunternehmen Russlands, forderte ein Ende des Krieges. "Aber es ist eine Sache, zum Frieden aufzurufen", sagt der Londoner Politikwissenschaftler Ben Noble. "Eine ganz andere ist es, Putin direkt zu kritisieren."

mit Material von AFP

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