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"Das ist Instrumentalisierung von Geschichte"

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Ramelow postet Hitler-Vergleich - "Das ist Instrumentalisierung von Geschichte"

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Bodo Ramelow hat mit seinem Tweet die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen mit dem Aufstieg Hitlers verglichen. Das sei "zu alarmistisch", meint die Historikerin Christina Morina.

Bodo Ramelow bei der Landtagssitzung in Thürigen wie er einen Ordner mit Unterlagen aufgeklappt in der Hand hält
Bodo Ramelow (Die Linke) wurde in Thüringen überraschend abgewählt - und reagiert mit harter Kritik auf Twitter.
Quelle: dpa

Es ist ein Post, der innerhalb eines Tages tausende Likes, Retweets und Kommentare einsammelt: Bodo Ramlows Hitler-Zitat. Bodo Ramelow (Die Linke), bisheriger Ministerpräsident von Thüringen, hat die Wiederwahl gerade gegen Thomas Kemmerich verloren, als er zum Handy greift. Kemmerich, der mit auch mit den Stimmen der AfD gewann.

Ein "Tabubruch", ein "Desaster", eine "Schande" titeln die Medien - und Ramelow selbst setzt keine zwei Stunden nach der Vereidigung des neuen Ministerpräsidenten einen Tweet ab, der es in sich hat.

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Er zitiert Hitler im Jahr 1930: "Den größten Erfolg erzielten wir in Thüringen. Dort sind wir heute wirklich die ausschlaggebende Partei. [...] Die Parteien in Thüringen, die bisher die Regierung bildeten, vermögen ohne unsere Mitwirkung keine Majorität aufzubringen."

Darunter ein Foto von zwei Handschlägen: Einmal Hitler und Hindenburg, darunter Kemmerich und Höcke in derselben Pose. Provokation oder tatsächlich Parallele? Christina Morina ist Professorin für Geschichte an der Uni Bielefeld und Co-Autorin des Buches "Zur rechten Zeit" über den Aufstieg der AfD. Sie findet den Hitler-Vergleich zwar nachvollziehbar, aber "nicht sehr sinnvoll".

Lieber 30 Jahre als 90 zurückblicken

"Das Interesse an Zuspitzung hilft weder die Lage zu beurteilen, noch zu einer Lösung zu kommen", sagt Morina. "Das ist Instrumentalisierung von Geschichte." Der Blick 90 Jahre zurück mache uns weniger aufmerksam, was wirklich Ursache und Wirkung sei. "Der Hitler-Vergleich verstellt mehr, als er erklärt." Eine Erklärung sei eher in der Zeit seit den 1990er Jahren zu finden als in den 1930ern.

Was bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen passiert ist, sei "unhaltbar" und "unsäglich". Aber da heize der Hitler-Vergleich nur weiter auf. "Ich würde mir eher wünschen, dass endlich die politische Realität in Thüringen anerkannt und ernst genommen würde."

FDP-Landeschef Kemmerich ist mit den Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Damit ist Kemmerich der erste Politiker, der Dank der AfD Regierungschef eines Bundeslandes wird. Grüne, SPD und Linke kritisieren das als Tabubruch.

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Der Schaden der "Rote-Socken-Rhetorik"

Die Parteienlandschaft in Ostdeutschland habe sich anders entwickelt als im Westen - mit eigenen politischen Traditionen und auch Erwartungen an die friedliche Revolution zum Ende der DDR. Die Linke sei dort eine Volkspartei und Bodo Ramelow ein Demokrat und Gewerkschafter. "Es ist nicht nachvollziehbar, dass die CDU-Bundespartei ihr Zusammenarbeitsverbot mit der Linken für diese Region so starr aufrechterhält", sagt Morina.

Eine "Rote-Socken-Rhetorik" aus den 1950er Jahren, so die Historikerin, verkenne die politische Lage in Thüringen. Wer sich frage, warum in Ostdeutschland so viele Menschen die AfD wählen, müsse eher bei dem Unverständnis Westdeutschlands gegenüber der besonderen politischen Kultur in den neuen Bundesländern anfangen als bei Hitler. "Das spielt sonst denen in die Hände, die mit Frust Politik machen", warnt Morina.

"Unangemessene Aufwertung" von Höcke

Unter den über tausend Kommentaren unter Ramelows Tweet findet sich viel Zustimmung mit dem Hashtag #SolidaritaetMitBodo, einige linke Gruppierungen schreiben "Jetzt erst recht" oder "Antifaschista". Aber auch "völlige Entgleisung" ist da zu lesen, der Hitler-Vergleich sei eine schreckliche Verharmlosung der Diktatur.

Historikerin Morina findet, dass die Verharmlosung gar nicht das größte Problem sei, sondern viel mehr die Überhöhung von Björn Höcke, des Fraktionsvorsitzenden der AfD in Thüringen. Höcke lebe davon, sich als eine Art Gesandter der Geschichte zu sehen, den eine Mission antreibt. Und dann werde er mit einem Reichskanzler verglichen. "Auch wenn man damit eigentlich warnen möchte, schenkt man ihm damit eine unangemessene Aufwertung", meint Morina.

Wiederholt sich die Geschichte?

Trotzdem, die Angst vor einer Wiederholung der Geschichte scheint groß, einige Kommentare zur Wahl in Thüringen verweisen auf 1924, als erstmals völkische Abgeordnete einer Regierung in Thüringen zur Mehrheit verhalfen. Morina hält das aber für "zu alarmistisch" - diese Geschichte zu kennen sei wichtig, sie wiederhole sich aber nicht einfach. Sie könne helfen, die richtigen Fragen an die Gegenwart zu stellen und daran zu erinnern, dass die Dinge auch ganz anders hätten laufen können - und auch heute offen, also gestaltbar, seien.

Alle aktuellen Entwicklungen zur Wahl in Thüringen lesen Sie hier:

Thüringen, Erfurt: Der frühere Ministerpraesident und erneute Kandidat für das Amt, Bodo Ramelow (Die Linke).

Liveblog - Thüringen: Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt

Bodo Ramelow hat es im zweiten Anlauf geschafft: Der Linken-Politiker ist in Thüringen zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Hier in Livestream und Liveblog.

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