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"Wie eine Art Gift"

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Forscher über Rassismus - "Wie eine Art Gift"

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Rassismus wird nicht mehr so offen gezeigt wie etwa zur NS-Zeit, doch er ist noch weit verbreitet. Extremismusforscher Oliver Decker über einen Rassismus, der immer subtiler wird.

Freiheit, Gleichheit, Sicherheit: In Deutschland für die meisten Menschen selbstverständlich. Aber nicht für alle. Wie fühlt es sich an, hierzulande scheinbar fremd zu sein?

Beitragslänge:
43 min
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Immer häufiger klagen Menschen anderer Herkunft, Religion oder Hautfarbe über Beleidigungen, Geringschätzung oder gar Übergriffe. Laut einer aktuellen Studie des Sachverständigenrats für Integration und Migration berichten 48 Prozent der Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund über entsprechende Erfahrungen in Deutschland.

Bei ausländerfeindlichen Attacken oder antisemitischen Pöbeleien ist Rassismus leicht zu erkennen. Doch oft kommt er sehr subtil daher, versteckt hinter scheinbar harmlosen Formulierungen. Wo fängt Rassismus an? Welche Formen gibt es? Und was können wir dagegen tun? Der Leipziger Rechtsextremismusforscher Oliver Decker dazu im Interview:

ZDFheute: In welchen Bereichen des alltäglichen Lebens lassen sich vermehrt rassistische Beleidigungen, Herabwürdigungen oder gar Übergriffe finden?

Oliver Decker: Rassistische Diskriminierung findet in allen Ebenen der Gesellschaft statt. Das kann auf dem Amt sein, das kann auf der Straße sein, das kann im familiären wie betrieblichen Kontext sein. Es ist dementsprechend mal mehr und mal weniger sichtbar. Für die Betroffenen ist es immer sichtbar und erfahrbar. Das ist auch etwas, das Menschen, die das bagatellisieren, nicht mitdenken: Dass es für die Betroffenen wie eine Art Gift wirkt.

ZDFheute: Die Grenzen des politisch Sagbaren haben sich in den vergangenen Jahren verschoben. Hat sich denn auch die Tonlage im Alltag verschärft? Und heißt das, dass wir nachweislich rassistischer geworden sind?

Decker: Ich würde nicht sagen, dass Deutschland in den letzten Jahren rassistischer geworden ist. Ich würde sagen, dass das rassistische Denken sich sichtbarer manifestiert seit fünf bis zehn Jahren. Und damit meine ich nicht den schlagenden Nazi auf der Straße, sondern der extrem rechts denkenden Menschen, die bestimmte Elemente unserer Demokratie ablehnen, die in der Mitte der Gesellschaft leben und die sich jetzt lauter äußern.

Grafische Darstellung Rassismus

Nachrichten | Panorama -
Was man über Rassismus wissen sollte
 

Unsere interaktive Story zeigt einige Beispiele, wie Rassismus in bewussten - aber auch häufig unbewussten - Formen vorkommt.

ZDFheute: Inwieweit führen rassistisches Denken und fremdenfeindliche Vorurteile auch zu einer möglichen rassistischen Handlung? Gibt es dazu Erkenntnisse?

Decker: Es gibt einige wissenschaftliche Experimente, die durchaus darauf hindeuten, dass Alltagsrassismus sehr verbreitet ist und dass er sich auch in Handeln übersetzt. Es ist nicht nur das Denken. Es ist auch das Handeln, was dann rassistisch wird.

Die Anti-Rassismus-Beraterin Tupoka Ogette.

Interview mit Tupoka Ogette -
Warum wir rassismuskritisch denken müssen
 

Tupoka Ogette bringt weißen Menschen bei, rassistische Denkweisen und Sprache zu erkennen. Ein Gespräch über lebenslanges Lernen und Rassismen, die immer noch allgegenwärtig sind.

ZDFheute: Erkennen Sie Parallelen zwischen dem heutigen Alltagsrassismus und den Formen der Diskriminierung, des Antisemitismus und der Hetze der NS-Zeit?

Decker: Kein Mensch will heute mehr Antisemit sein, kein Mensch mehr Rassist. Das klingt überraschend. Aber man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass es durchaus Zeiten gab, in denen es große Mengen an überzeugten Rassisten und Antisemiten gab. Die das auch bekennend waren. Das haben wir heute nicht mehr. Man sagt nicht mehr, die sind mindere Rassen, oder verwendet das N-Wort. Aber man sagt, deren Kultur passt nicht zu der unseren. Sie ist rückständig und nicht sehr aufgeklärt. Und sie gehört deswegen auch nicht hier hin.

ZDFheute: Was können wir dieser subtilen Art des Rassismus entgegensetzen?

Decker: Zivilcourage gegen Rassismus hilft dem Opfer und hilft, dass man selber auch in einer Gesellschaft lebt, die human ist. Man schützt das Opfer davor, zum Opfer zu werden und mit dieser Vergiftung danach auch leben zu müssen, und man schützt sich auch selber davor, zum Mittäter zu werden oder selbst zum Opfer zu werden.

Rassismus begleitet Schwarze in Deutschland jeden Tag, ein Leben lang. Auch bedingt durch die Strukturen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Das Interview führte Andrea Schäffler.

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