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Wir sind weiß und privilegiert

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Rassismus-Debatte - Wir sind weiß und privilegiert

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In der Debatte um Rassismus in Deutschland geht es auch um Privilegien, die Weiße haben. Der Versuch einer Selbstbefragung.

Demonstration gegen Rassismus in Stuttgart.
Demonstration gegen Rassismus in Stuttgart (Archivbild) - nach dem Tod von George Floyd sind weltweit Proteste entbrannt.
Quelle: Christoph Schmidt/dpa

Acht Minuten und 46 Sekunden lang drückte ein weißer Polizist sein Knie auf den Nacken von George Floyd. Der Schwarze Amerikaner hatte mehrfach gesagt, dass er keine Luft bekommt, bevor er das Bewusstsein verlor. In der Notaufnahme des Krankenhauses in Minneapolis stellte man später den Tod des 46-Jährigen fest.

Weltweit demonstrieren seitdem Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. In einem Beitrag im Spiegel und auf Twitter ruft der in München lebende Journalist Malcolm Ohanwe dazu auf, dass sich weiße Menschen kritisch mit ihrem Weißsein auseinandersetzen.

Zieht euch als Weiße gegenseitig zur Verantwortung und besprecht die Vorteile, die ihr qua Aussehen genießt (...).
Malcolm Ohanwe, Journalist (Beitrag im Spiegel)

Eine ähnliche Debatte hat die in Berlin lebende Aktivistin Josephine Apraku auf Instagram gestartet, wo sie täglich eine Frage "zur rassismuskritischen Selbstreflexion" stellt.

Wir, die JournalistInnen Julia Klaus und Kevin Schubert, sind weiß - und wollen hier zumindest einen Anfang wagen, unsere Privilegien sichtbar zu machen. Nicht, weil wir uns in die Debatte drängen wollen. Zumal wir vielleicht auch Fehler machen, sehr wahrscheinlich sogar. Aber wir möchten uns als weiße Menschen selbst kritisch hinterfragen - und damit Ohanwes und Aprakus Aufruf folgen:

Schafft einen Diskurs von kritischem Alman-Sein, entdeckt eure innere Kartoffel (...).
Malcolm Ohanwe

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Wann ist uns das erste Mal bewusst gewesen, dass wir weiß sind?

Julia Klaus: Wann es das erste Mal war, kann ich gar nicht sagen, aber eingeprägt hat sich mir eine Faschingsparty. Das Dorf, aus dem ich komme, hat 2015 Asylbewerber aufgenommen. Zum ersten Mal bin ich ihnen beim Fasching in unserer Mehrzweckhalle begegnet. 400 Verkleidete, bunte Girlanden an der Decke, Schlager aus den Boxen.

Julia Klaus
Julia Klaus.

Die Geflüchteten saßen still auf einer Bank und haben sich womöglich gefragt, was das nun soll. Da ist mir aufgefallen: Sie sind wahrscheinlich die einzigen in dieser Halle, die nicht weiß sind. Und ich bin - obwohl ich nicht mehr auf dem Land wohne - kaum mit Menschen in Kontakt, die als nicht-weiß gelesen werden.

In dem Moment habe ich nicht so gut reagiert. Ich habe nichts getan, um sie zu integrieren und ihnen das "still auf der Bank"-Gefühl zu nehmen. Wahrscheinlich habe ich sie mit derselben Mischung aus Überraschung und Neugier angeschaut, wie die anderen in der Halle.

Kevin Schubert: Ich weiß auch nicht mehr, wann mir meine Hautfarbe das erste mal bewusst geworden ist. Aber ich musste erst sehr weit reisen, um zu realisieren, dass ich weiß bin.

Kevin Schubert
Kevin Schubert.
Quelle: ZDF/Rico Rossival

2018 war ich mit mehreren FreundInnen in Indien. Wir waren zwei Tage in Amritsar, das liegt an der Grenze zu Pakistan. In der Zeit habe ich keinen anderen Weißen gesehen. Ich wurde angeschaut, Menschen haben meine Haut angefasst, meine Haare, mich einfach so im Vorbeigehen berührt - und Sachen gesagt wie "so white". Das war merkwürdig, aber nach zwei Tagen wieder vorbei. Und selbst dort hat es sich aber wie ein Privileg angefühlt, die Menschen waren freundlich.

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Welche weiße Privilegien genießen wir im Alltag?

Kevin Schubert: Ich kann als weißer Mann zu jeder Tag- und Nachtzeit fast überall unterwegs sein, ohne Angst haben zu müssen. Das ist so selbstverständlich für mich, so elementar, dass es mich wütend macht, dass es nicht für alle Menschen gilt.

Ich kann mir außerdem meistens aussuchen, ob ich mich diskriminierenden Angriffen aussetzen möchte. Ich entspreche zum Beispiel nicht den überholten Klischees von "Männlichkeit" und will es auch nicht. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die das erwarten, kann ich mich gezielt mit ihrer toxischen Männlichkeit auseinandersetzen. Aber wenn ich in dem Moment keine Lust oder keine Kraft dazu habe, kann ich den Angriffen aus dem Weg gehen; ich kann so sein, wie ein "weißer Mann" für manche zu sein hat, einfach ein Teil der Mehrheit sein.

Julia Klaus: Ich wurde noch nie von der Polizei kontrolliert, in einem Club an der Tür abgelehnt und als ich im Supermarkt vergessen habe, einen Apfel auf das Kassenband zu legen, wurde ich freundlich gebeten, ihn zu bezahlen. Schwarze Menschen berichten da ganz anderes - Rassismus ist für viele in Deutschland leider alltäglich.

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Haben wir unsere Privilegien schon einmal bewusst genutzt?

Kevin Schubert: Nicht bewusst, aber unbewusst? Andauernd! Als ich das letzte Mal eine Wohnung gesucht habe, habe ich drei Anfragen verschickt. Ich wurde überall eingeladen. Die Wohnung, die ich wollte, habe ich sofort bekommen - mein Vermieter ist mir sogar bei der Gestaltung des Mietvertrags entgegengekommen.

Als ich dann NachmieterInnen für meine alte Wohnung gesucht und People of Colour zur Besichtigung eingeladen habe, haben fast alle erzählt, dass sie bereits seit mehr als einem Jahr auf der Suche sind. Und als ich eine nicht-weiße Frau mit Kopftuch verabschiedet habe, hat mich mein Nachbar aus dem Erdgeschoss abgepasst. Seine Worte: "Die zieht hier aber nicht ein, oder?"

Heute ärgere ich mich, dass ich sie meinem damaligen Vermieter nicht explizit empfohlen habe - sondern nur so schnell wie möglich aus der Wohnung raus wollte.

Julia Klaus: Meine Hautfarbe hat mir bestimmt schon häufig genutzt, auch ohne, dass ich das intendiert hätte. Wenn ich an meine Bildungsstationen denke - Abitur, Studium, Journalistenschule - habe ich fast immer nur weiße Menschen um mich herum gehabt. Auch bei meiner jetzigen Arbeit ist das so.

Meine Hautfarbe hat vielleicht auch Bewerbungsverfahren beeinflusst. Häufig wird neben dem Lebenslauf ein Foto gewünscht, manchmal ist es auch verpflichtend. Da wird dann - ob bewusst oder unbewusst - sicher bereits selektiert. Was ich nicht verstehe: Warum sind anonymisierte Bewerbungsverfahren in Deutschland nicht Standard - so wie etwa in den USA und in Kanada?

Möchten auch Sie Erfahrungen mitteilen oder austauschen? Unter dem Hashtag #KritischesWeißsein können Sie auf Twitter und unter #kritischeweiß_heiten auf Instagram mitreden.

Nicht nur in den USA wird nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd über Rassismus debattiert. Auch in Deutschland machen sich Weiße kritisch über ihre Hautfarbe Gedanken.

Beitragslänge:
3 min
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