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"Warum sollen andere vorurteilsfrei sein?"

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Rassismus-Debatte - "Warum sollen andere vorurteilsfrei sein?"

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Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen stehen im Zentrum der Debatte seit dem Tod von George Floyd. Ob Rassismus auch andere Menschen treffen kann, ist umstritten.

Zwei Teilnehmerinnen der Demonstration "Black lives matter" am 27.07.2020 in Berlin
Demonstranten bei den "Black lives matter"-Protesten in Berlin.
Quelle: dpa

"Aus gegebenem Anlass möchten wir gerne eine Sache aus dem Weg räumen: Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße", postet ein ZDFheute-Mitarbeiter Ende Juli in eine Diskussion bei Instagram mit dem offiziellen Account des Online-Nachrichtenangebots. Der Screenshot der Aussage, der klingt wie eine offizielle Stellungnahme des ZDF, macht wenig später bei Twitter die Runde – und ruft eine Fülle von Reaktionen hervor.

Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour, der sich viel mit Extremismus beschäftigt, widerspricht: "Natürlich kann es ihn geben." Weil das menschliche Gehirn kategorisiert, was bei der Informationsaufbereitung hilft, könne jede Gruppe von Rassismus betroffen sein. "Warum sollen andere frei von Vorurteilen sein, frei von diesen Denkmustern?"

Mansour: Es gibt ihn, auch in Deutschland

Natürlich, sagt Mansour, könne dieser Rassismus gegen Weiße an "Intensität und Stärke" nicht mit dem gegen Schwarze in Deutschland verglichen werden. Entscheidend seien die Machtverhältnisse: "Diese können individuell, lokal und gesamtgesellschaftlich sein. Und sind in unterschiedlichen Ländern anders gewichtet. Wir als Gesellschaft haben zwar enorm viel dafür getan, damit strukturelle Benachteiligung nicht mehr existiert", sagt der Deutsch-Israeli. Trotzdem gebe es sie, wie zum Beispiel auf dem Wohnmarkt oder bei der Jobsuche. Aber selbst wenn, so Mansour, sei er dagegen, etwa von strukturellem Rassismus bei der Polizei zu sprechen. "Es gibt keine Anweisungen oder Gesetze: Kontrolliert die Schwarzen!"

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Für ihn ist weißer Rassismus heute in Deutschland auch dieses: Ein Mädchen, vielleicht blond mit deutschstämmigen Eltern, ist in einer Schule in Berlin-Neukölln mit mehrheitlich Jungs mit Migrationshintergrund in der Klasse anderen Machtstrukturen ausgesetzt als in einem oberbayerischen Dorf. Deswegen sagt Mansour:

Wir können nicht die eine Seite kritisch betrachten und die andere Seite ignorieren.
Ahmad Mansour

Arndt: Rassismus ist weiß, aber nicht gegen Weiße

Susan Arndt, Professorin für transkulturelle Anglistik an der Universität Bayreuth forscht zu Rassismus und Diskriminierung. "Es gibt weißen Rassismus, weil Rassismus per se von Weißen ausgeht", sagt Arndt. Die Einteilung der Menschen in Rassen hätten Weiße erfunden, um Kolonialismus, Sklaverei und Herrschaftsstrukturen zu legitimieren. "Rassismus ist immer weiß", sagt Arndt. "Aber wenn damit gemeint ist, dass Rassismus Weiße diskriminieren kann, dann gibt es ihn nicht, weil Rassismus dazu dient, Privilegien zu rechtfertigen."

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Arndt nennt dieses Beispiel: Wer als Weiße beispielsweise in Ghana heute von einer Gruppe schwarzer Personen angesprochen wird, dann ist das in diesem Moment diskriminierend. An der Machtstruktur ändert sich aber nichts, die ihren Anfang im Kolonialismus nimmt: Die Weiße reist wieder nach Deutschland. Die Menschen aus Ghana können aber nicht einfach nach Deutschland reisen. Ebenso hierzulande:

Welche Weißen können behaupten, dass sie tagtäglich aufgrund ihres Weißseins blöd angemacht werden? Aber umgekehrt ist es Alltag für persons of color.
Susan Arndt

Forderung I: Begriff politisch einseitig

Arndt und Mansour fordern beide einen neuen Umgang mit dem Thema Rassismus – und dass die Diskussion nach dem Tod von George Floyd nicht beendet sein sollte. Mansour findet, sie ist zu einseitig: "Was ich beobachte, ist, dass der Begriff Rassismus politisch besetzt wird. Da, wo es uns gefällt, reden wir von Rassismus. Da, wo manche das Phänomen der Benachteiligung in einer bestimmten Richtung werten, nennen wir es verharmlosend Diskriminierung. Das lehne ich ab."

Dass auch in der politisch rechten Ecke von weißem Rassismus gesprochen wird, stört ihn wenig. "Die Rechten sind genauso das Problem wie diejenigen, die nicht bereit sind, ausgewogen über das Problem zu sprechen. Aber deswegen darf man nicht schweigen." Es gehe darum, "den Rassismus gegen jede Gruppe, egal ob gegen Schwarze, Muslime oder auch Deutsche, nicht zu verharmlosen. Das tue ich nicht!"

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Forderung II: Es geht um Strukturen

Arndts Kritik setzt an einem anderen Punkt an: "Wir diskutieren Rassismus nicht strukturell, sondern so, als ob es ausreichen würde zu sagen: Ich bin nicht rassistisch. Es wird keine Arbeit und keine Diskussion reingesteckt." So, wie keiner diskriminiert werden wolle, wolle keiner sagen: Ich diskriminiere, weil böse ist, wer diskriminiert, so Arndt. Dabei müsse man sich klar machen, wie tief die historischen Wurzeln sind.

"Wenn wir jetzt endlich diese Diskussion führen: Wie äußert sich Rassismus, wo kommt er her, warum hält er bis heute die Welt in Atem, dann können wir tiefer darin eindringen, wer hat Privilegien, und wem werden sie auf wessen Kosten verwehrt." Wenn man aber sagt: "Jeder wird irgendwie diskriminiert, dann ist die Diskussion zu Ende, und Rassismus kann weiter wüten."

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