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Anschläge, Morde, Hetzjagden - Rechte Gewalt in Deutschland - eine Chronik

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Hanau, Rostock-Lichtenhagen, der Mord an Walter Lübcke: Immer wieder werden Menschen in Deutschland Opfer rechtsextremer Gewalt. Eine Chronik des braunen Terrors.

Schwere Ausschreitungen rechtsradikaler Jugendlicher gab es vom 22. bis 27.08.1992 vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock.
Rechter Mob in Rostock-Lichtenhagen im August 1992: Die größten rechten Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Quelle: AP

Seit der Wiedervereinigung 1990 erfassen die Behörden rechtsextreme Gewalttaten in Deutschland. Basierend auf Angaben des Bundeskriminalamts zählt das Bundesamt für Verfassungsschutz 31.140 Gewalttaten bis 2019.

Betroffene rechter Gewalt sind Ausländerinnen und Ausländer, Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens, aber auch Obdachlose, Aktivistinnen gegen Rechtsextremismus und Vertreter des Staates.

Das Bundesinnenministerium zählt offiziell 107 Todesopfer. Die Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus einsetzt, geht dagegen von 213 Toten aus - und bei allen Angaben zu rechter Gewalt von einer hohen Dunkelziffer. Hier finden Sie einen chronologischen Auszug des braunen Terrors in Deutschland.

1990 bis 1999: Brandanschläge in Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln

6. Dezember 1990, Eberswalde in Brandenburg: Ein rechtsextremer Mob tötet den Angolaner Amadeu Antonio. Etwa zehn Rechtsextreme verfolgen Antonio, schlagen ihn brutal zusammen. Als er am Boden liegt, springt ihm einer mit beiden Füßen auf den Kopf.

Nach elf Tagen im Koma stirbt Antonio am 6. Dezember. Die Täter werden wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge zu maximal vierjährigen Bewährungs- und Haftstrafen verurteilt.

Pass von Amadeu Antonio
Amadeu Antonio: Eines der ersten bekannten Todesopfer rechtsextremer Gewalt nach der Wiedervereinigung.
Quelle: Imago

17. bis 23. September 1991, Hoyerswerda in Sachsen: Rechte Gewalttäter attackieren eine Asylunterkunft. Sie werfen Molotowcocktails und Stahlkugeln. Zahlreiche Anwohnerinnen und Anwohner beobachten das Geschehen ungerührt und applaudieren den Tätern. Bei den Angriffen werden 32 Menschen verletzt.

3. Oktober 1991, Hünxe in Nordrhein-Westfalen: Drei Skinheads zünden in der Gemeinde mit einem Molotowcocktail eine Unterkunft für Aslybewerberinnen und Asylbewerber an. Zwei libanesische Mädchen erleiden schwerste Verbrennungen.

22. bis 26. August 1992, Rostock-Lichtenhagen in Mecklenburg-Vorpommern: Ein Mob aus Hunderten gewaltbereiten Menschen attackiert eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für Vietnamesen. Die rassistisch motivierten Extremisten zünden das Wohnheim an, angefeuert von Tausenden Schaulustigen, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behindern. Die Bewohnerinnen und Bewohner können sich gerade so retten.

Die Bilder aus Rostock-Lichtenhagen gehen um die Welt, die Übergriffe gelten bis heute als die größten rechten Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Schwere Ausschreitungen rechtsradikaler Jugendlicher gab es vom 22. bis 27.08.1992 vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock.
Unter anderem mit Molotowcocktails setzen die Rechtsextremisten das Wohnheim in Brand.
Quelle: picture-alliance / ZB

23. November 1992, Mölln in Schleswig-Holstein: Bei einem Brandanschlag auf zwei von Türkinnen und Türken bewohnte Häuser kommen Bahide Arslan, Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz ums Leben. Neun Menschen werden verletzt. Die Rechtsextremisten werden wegen Mordes verurteilt.

29. Mai 1993, Solingen in Nordrhein-Westfalen: Vier Neonazis stecken das Haus einer türkischen Familie in Brand. Gürsün Inçe, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç, Hatice Genç und Saime Genç sterben - die jüngste, Saime, ist gerade einmal vier Jahre alt. Acht weitere Menschen werden schwer verletzt, drei von ihnen lebensgefährlich.

Das nach dem Anschlag ausgebrannte Haus in Solingen mit Fahnen Deutschlands, Nordrhein-Westfalens, Solingens und der Türkei
Gedenken an die Opfer des Brandanschlags von Solingen. (Archivbild)
Quelle: dpa

12. Mai 1994, Himmelfahrtskrawalle in Magdeburg: Rechtsextremisten jagen mehrere Ausländer durch die Innenstadt, stundenlang. Sie greifen auch eine Bar an, in die sich mehrere Schwarze geflüchtet haben. Es gibt mehrere Verletzte.

13. Februar 1999, Guben in Brandenburg: Eine Hetzjagd von rechtsextremen Jugendlichen endet mit dem Tod des 28-jährigen Algeriers Farid Guendoul. Das Landgericht Cottbus verurteilt einige Jugendliche anschließend zu Bewährungs- und Haftstrafen von bis zu drei Jahren. Der Haupttäter tritt im Herbst 2008 bei den Kommunalwahlen in Guben und im Landkreis Spree-Neiße für die NPD an.

Mahnwache für den zu Tode gehetzten Flühtling Farid Guendoul am 14.02.1999
Mahnwache für den zu Tode gehetzten Algerier Farid Guendoul. (Archivbild)
Quelle: Imago

2000 bis 2009: Anschläge und die Mordserie des NSU

2000 bis 2001, Brandenburg: Eine selbst ernannte "Nationale Bewegung" verübt eine Serie von mindestens 16 Anschlägen. Sie zünden etwa türkische Imbisswagen an und verüben einen Brandanschlag auf den jüdischen Friedhof in Potsdam. Dabei hinterlassen sie Bekennerschreiben. Der Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen. Der oder die Täter werden nie überführt.

9. September 2000 bis 25. April 2007, deutschlandweit: Mehr als sechs Jahre mordet die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund in Deutschland. Die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschießen zehn Menschen:

  • 9. September 2000: Enver Şimşek, Nürnberg
  • 13. Juni 2001: Abdurrahim Özüdoğru, Nürnberg
  • 27. Juni 2001: Süleyman Taşköprü, Hamburg
  • 29. August 2001: Habil Kılıç, München
  • 25. Februar 2004: Mehmet Turgut, Rostock
  • 9. Juni 2005: Ismail Yaşar, Nürnberg
  • 15. Juni 2005: Theodorus Boulgarides, München
  • 4. April 2006: Mehmet Kubaşik, Dortmund
  • 6. April 2006: Halit Yozgat, Kassel
  • 25. April 2007: Michèle Kiesewetter, Heilbronn

13 Jahre lang kann die Terrorgruppe unerkannt bleiben. Erst nach einem Banküberfall im November 2011 droht der NSU aufzufliegen. Böhnhardt und Mundlos begehen daraufhin Suizid. Gegen Beate Zschäpe und drei weitere Angeklagte beginnt ein fünf Jahre langer Prozess. An dessen Ende wird Zschäpe im Juli 2018 als Mittäterin zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die zehn Opfer des NSU
Die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds.
Quelle: AP

2003 und 2004, Brandenburg: Die "Kameradschaft Freikorps" verübt im Havelland mehrere Brandanschläge gegen Imbissbuden asiatisch- oder türkischstämmiger Besitzer, die sie aus Brandenburg vertreiben wollen. Elf Neonazis werden als Rechtsterroristen verurteilt.

9. Juni 2004, Köln in Nordrhein-Westfalen: Die Terroristen des NSU verüben einen Nagelbomben-Anschlag in der Keupstraße in Köln-Mülheim, in der viele türkischstämmige Menschen wohnen. Als Vorbild der Tat dient die britische Terrorgruppe Combat 18. 26 Menschen werden verletzt.

2010 bis 2019: Hass auf Geflüchtete und der Mord an Walter Lübcke

2015, deutschlandweit: Als die Zahl der Geflüchteten in Deutschland zunimmt, häufen sich die Angriffe auf Ausländerinnen und Ausländer sowie Asylbewerberunterkünfte. Eine Auswahl:

  • Februar, Escheburg in Schleswig-Holstein: Einen Tag bevor eine irakische Flüchtlingsfamilie in einer leeren Doppelhaushälfte einziehen soll, legt ein Finanzbeamter ein Feuer.
  • September, Heidenau in Sachsen: Rechtsextreme Jugendliche schlagen mit Bierflaschen auf vier Asylbewerber aus Pakistan ein. Die geplante Unterbringung von bis zu 600 Geflüchteten in einem ehemaligen Baumarkt sorgt für tagelange, rassistisch motivierte Ausschreitungen. Rechte Gruppen und Anwohner verletzen mehr als 30 Polizisten mit Böllern und Steinen.
  • Juli bis November, Freital in Sachsen: Die achtköpfige "Gruppe Freital" verübt in Freital und Dresden fünf Sprengstoffanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Die Rechtsterroristen hatten sich innerhalb kürzester Zeit radikalisiert.

Insgesamt erfassen die Behörden 2015 1.051 Angriffe auf Asyl- und Flüchtlingsunterkünfte. Im Jahr 2014 waren es 201 - ein Anstieg von mehr als 500 Prozent.

22. Juli 2016, München in Bayern: Ein 18 Jahre alter Schüler tötet im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen - Chousein Daitzik, Selçuk Kılıç, Sabina Sulaj, Armela Segashi, Giuliano Josef Kollmann, Can Leyla, Sevda Dağ, Janos Roberto Rafael und Dijamant Zabërgja. Anschließend erschießt der Schüler sich selbst.

Die bayerischen Sicherheitsbehörden sprechen zunächst von einem Amoklauf. Trotz vieler Hinweise dauert es mehr als drei Jahre, bis die Tat als rechtsextremistisches Attentat eingestuft wird.

2. Juni 2019, Wolfhagen-Istha in Hessen: Ein Rechtsextremist erschießt den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke auf dessen Veranda. Der CDU-Politiker hatte sich Geflüchtete stark gemacht, wurde deshalb angefeindet und hatte anonyme Morddrohungen erhalten. Der Rechtsextremist wird im Januar 2021 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Im Juni 2019 wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen. Der Kasseler Regierungspräsident ahnte zuvor nicht, dass er im Visier von Neonazis stand.

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30 min
Datum:

9. Oktober 2019, Halle in Sachsen-Anhalt: Am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versucht ein Rechtsterrorist die Synagoge zu stürmen. Er will ein Massaker anrichten, doch die Eingangstür hält seinen Brand- und Sprengsätzen sowie Schüssen stand - er gelangt nicht aufs Gelände. Vor der Synagoge ermordet er die Passantin Jana L., in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss Kevin S.. Auf der Flucht verletzt er weitere Menschen.

Im Dezember 2020 verurteilt das Oberlandesgericht Magdeburg den Rechtsextremen zur höchstmöglichen Strafe wegen zweifachen Mordes und des versuchten Mordes in 62 Fällen. "Dieses Verfahren stellt alles in den Schatten", sagt die Richterin. "Sie sind antisemitisch, ausländerfeindlich. Sie sind ein Menschenfeind."

Lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wegen zweifachen Mordes und vielfach versuchten Mordes – so das Urteil im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag auf die Synagoge in Halle. Der Attentäter erhält damit die Höchststrafe.

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2 min
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Seit 2020: Anschlag in Hanau

19. Februar 2020, Hanau in Hessen: Ein Rechtsterrorist erschießt an mehreren Tatorten neun Menschen - Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu und Vili Viorel Păun. Anschließend tötet er seine Mutter und sich selbst.

Andreas Wunn
Update

Update am Morgen - Hanau, ein Jahr danach 

Sich überall gegen Rassismus zur Wehr setzen - Trauerbeflaggung allein reicht nicht, schreibt Andreas Wunn im ZDFheute Update.

von Andreas Wunn
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