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"Was für eine Gnade, dass ich hier sprechen darf"

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Steinmeiers Rede in Yad Vashem - "Was für eine Gnade, dass ich hier sprechen darf"

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Ehre und Bürde zugleich: Bundespräsident Steinmeier hat anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz in der Gedenkstätte Yad Vashem gesprochen - als erstes deutsches Staatsoberhaupt.

Die Rede in voller Länge

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11 min
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In einer historischen Rede in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Deutschen an ihre Verantwortung zum Eintreten gegen Antisemitismus erinnert und vor einem Rückfall in autoritäre Denkmuster gewarnt.

"Wenn Hass und Hetze sich ausbreiten"

"Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt", sagte Steinmeier am Donnerstag aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz. "Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten." Steinmeier sprach auf einer Versammlung von rund 50 Staats- und Regierungschefs in Yad Vashem, wo er als erster Bundespräsident eine Rede hielt. "Weil ich dankbar bin für das Wunder der Versöhnung, stehe ich vor Ihnen und wünschte, sagen zu können: Unser Erinnern hat uns gegen das Böse immun gemacht", sagte er. "Ja, wir Deutsche erinnern uns. Aber manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart."

Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit.
Frank-Walter Steinmeier, Yad Vashem

Steinmeier sprach in seiner Rede eine Warnung aus: "Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit." Der Bundespräsident verwies auf jüdische Kinder, die in Deutschland "auf dem Schulhof bespuckt" würden. Er beklagte, dass "unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht".

"Historischer Verantwortung gerecht werden"

Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte - es wurde von meinen Landsleuten begangen.
Frank-Walter Steinmeier, Yad Vashem

Und er erwähnte den Synagogen-Anschlag von Halle, wo nur eine schwere Holztür verhindert habe, "dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur ein Blutbad anrichtet". Deutschland müsse seiner "historische Verantwortung" gerecht werden, mahnte der Bundespräsident. Diese laute: "Wir bekämpfen den Antisemitismus. Wir trotzen dem Gift des Nationalismus. Wir schützen jüdisches Leben. Wir stehen an der Seite Israels." Die "deutsche Verantwortung vergeht nicht", sagte er vor den Gästen in Yad Vashem. "Ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen."

Steinmeier hob hervor, dass die Lage heute eine andere sei als in der Zeit des Nationalsozialismus. "Natürlich: Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit. Es sind nicht dieselben Worte. Es sind nicht dieselben Täter", sagte er. "Aber es ist dasselbe Böse. Und es bleibt die eine Antwort: Nie wieder! Niemals wieder!" Steinmeier zeigte sich dankbar für die Einladung nach Yad Vashem. "75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld", sagte er. "Welche Gnade, welches Geschenk, dass ich heute hier in Yad Vashem zu Ihnen sprechen darf."

"Die Täter waren Deutsche"

In seiner Rede erneuerte Steinmeier das Bekenntnis zur Schuld der Deutschen: "Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche", sagte der Bundespräsident. "Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte - es wurde von meinen Landsleuten begangen."

An die internationale Gemeinschaft richtete Steinmeier einen Appell: "Im Erschrecken vor Auschwitz hat die Welt schon einmal Lehren gezogen und eine Friedensordnung errichtet, erbaut auf Menschenrechten und Völkerrecht." Deutschland stehe zu dieser Verantwortung, "und wir wollen sie mit Ihnen allen verteidigen". Steinmeier hielt seine Ansprache auf Englisch. Das Bundespräsidialamt legte eine offizielle Übersetzung ins Deutsche vor. Seine Rede eröffnete der Bundespräsident mit einem hebräischen Satz: "Gepriesen sei der Herr, dass er mich heute hier sein lässt."

Welt-Holocaust-Forum

In Yad Vashem findet am Donnerstag das Welt-Holocaust-Forum statt, zu dem sich mehr als 30 Staatsoberhäupter angesagt haben. Es bildet den Auftakt für eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die in den kommenden Tagen an die Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945 erinnern.

Am Montag kommender Woche soll die zentrale Gedenkfeier in Auschwitz stattfinden, auch daran nimmt Steinmeier teil. Von Polen aus fliegt er dann gemeinsam mit Israels Präsident Rivlin nach Berlin, wo die beiden Präsidenten am Mittwoch in der Gedenkfeier des Bundestags sprechen werden.

Für Israel ist die Gedenkveranstaltung am Donnerstag in Jerusalem ein historisches Großereignis. Tausende Sicherheitskräfte sind im Einsatz. Nach Angaben des Präsidialamts ist es die größte internationale Zusammenkunft in der Geschichte des Landes. Gäste sind unter anderem Russlands Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und US-Vizepräsident Mike Pence.

Zeichen gegen Antisemitismus

Von der Gedenkfeier soll nach dem Willen der Veranstalter auch ein machtvolles Zeichen gegen den weltweiten Antisemitismus ausgehen. Die Universität Tel Aviv registrierte für 2018 weltweit einen Anstieg von 13 Prozent bei "größeren gewaltsamen Übergriffen" gegen Juden binnen eines Jahres. Yad-Vashem-Sprecherin Iris Rosenberg wertete die Anwesenheit der Staatsoberhäupter als wichtige Geste der Unterstützung: Dies symbolisiere, "dass Antisemitismus nicht nur ein Problem für Juden ist, sondern für Gesellschaften insgesamt".

Für einen Missklang sorgte im Vorfeld die Absage des polnischen Präsidenten Andrzej Duda. Er reist aus Protest nicht zu dem Forum an, weil ihn die Veranstalter nicht für eine Rede vorgesehen hatten. Duda argumentiert, dass ihm ein Redeauftritt gebührt hätte, weil Polen die meisten Opfer des Holocaust zu beklagen hatte.

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