Sie sind hier:
Interview

Russen auf der Flucht : "Will nicht sterben, ohne zu wissen wofür"

Datum:

Zehntausende Russen sind auf der Flucht, seit Putin die Teilmobilisierung angeordnet hat. ZDF frontal konnte exklusiv mit einem geflohenen russischen Lokalpolitiker sprechen.

Andrej Moisejkin
Vor Putins Krieg geflohen: Der russische Lokalpolitiker Andrej Moisejkin
Quelle: ZDF

ZDF frontal: Sie haben Russland verlassen, warum haben Sie das gemacht?

Andrej Moisejkin: In Russland hat die Mobilisierung angefangen, offiziell eine Teilmobilisierung, aber de facto ist es eine vollständige Mobilisierung, die keinerlei Einschränkungen hat. Und ich will an keinen Kampfhandlungen teilnehmen, die mein Land außerhalb seiner Grenzen gerade führt.

Niemand hat uns angegriffen, ich verstehe also den Sinn der Sache nicht. Ich will nicht sterben, ohne zu wissen wofür.

ZDF frontal: War es schwer für sie wegzufahren?

Moisejkin: Ja, natürlich. Moralisch gesehen war es schwer, weil all meine Freunde und Bekannte in St. Petersburg sind, mein ganzes Leben ist in St. Petersburg. Und man selbst fährt ins Nichts, die Zukunft ist komplett ungewiss, unklar ist, was man tun soll, wie man arbeiten und Geld verdienen soll. Es gibt sehr viele offene Fragen, deswegen war es schwer, diese Entscheidung zu treffen und wegzufahren - aber es musste sehr schnell gehen.

Immer mehr Menschen verlassen Russland, um der Einziehung in die Armee zu entgehen. Droht die Teilmobilmachung an der Logistik zu scheitern?

Beitragslänge:
7 min
Datum:

ZDF frontal: Wie reagieren die Menschen in St. Petersburg auf diese Teilmobilisierung?

Moisejkin: Also, in Russland allgemein und in St. Petersburg konkret, spürt man Panik: Die Menschen haben Angst, verstehen nicht so genau was passieren wird. Ich würde aber auch sagen, dass in St. Petersburg nicht alle den Ernst der Lage verstehen, denn die ganze Zeit über sind nicht viele Männer aus St. Petersburg als Soldaten in den Krieg gefahren.

Das heißt, es sind auch nicht viele Särge nach St. Petersburg zurückgekommen. Deswegen verstehen die Menschen den Ernst der Lage einfach nicht und versuchen, sich auch psychologisch davon abzuschotten, denken, dass das morgen wieder alles vorbei ist. 

Viele Russen haben seit der Teilmobilmachung das Land in Richtung Kasachstan verlassen. Fast 100.000 russische Staatsbürger seien bereits eingereist, so die kasachischen Behörden.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDF frontal: Glauben Sie, dass es auch weiterhin Proteste in Russland geben wird?

Moisejkin: Ich denke, es wird auch weiterhin Proteste geben. Die finden ja vor allem in den nationalen Republiken statt, in Dagestan, in Buratien - genau aus diesen Republiken sind davor schon viele als Soldaten zur Armee gegangen. Und genau dort gibt es mittlerweile schon viele Menschen, die entweder Freunde oder Verwandte haben, die bereits im Krieg gefallen oder verletzt worden sind und die verstehen, was die Konsequenzen sind.

Was St. Petersburg oder Moskau anbetrifft, da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, dort wird erst protestiert, wenn die ersten Särge da ankommen.

Angst vor der Armee - Darum fliehen junge Russen nach Kasachstan 

Immer mehr Russen fliehen aus Angst vor der Armee ins Ausland. Besonders beliebtes Ziel: Die Nachbar-Republik Kasachstan. Doch nicht alle sind auf der Flucht vor Putins Regime.

Videolänge
von Nina Niebergall

ZDF frontal: Wenn wir uns nochmals Dagestan und Buratien zuwenden: Was wissen sie über die Lage jetzt dort?

Moisejkin: Dagestan und Buratien sind in erster Linie sehr arme Republiken, deswegen sind auch schon davor sehr viele dort als Soldaten zur Armee gegangen, weil man ihnen für ihre Verhältnisse sehr viel Geld geboten hatte. Im Monat ein Gehalt, was man dort sonst im Durchschnitt in zehn verdienen würde.

Zudem werden die Burjaten in der breiten Masse der russischen Bevölkerung als Einwohner von Zentralasien wahrgenommen. Man vermietet ihnen auch zum Beispiel keine Wohnungen in Moskau, deswegen ist die Reaktion der russischen Gesellschaft darauf, dass von dort so viele eingezogen werden, auch nicht so negativ.

ZDF frontal: Und wie geht es nun bei Ihnen persönlich weiter?

Moisejkin: Ich bin zurzeit in Usbekistan, bislang ist mein Plan hier zu bleiben, mich hier einzurichten, eine Möglichkeit zu finden, auch hier weiterzuarbeiten, irgendwie auch Geld zu verdienen, weil ich meiner Einschätzung nach in den nächsten Jahren wohl kaum nach Russland zurück kann, vielleicht sogar noch länger. Also muss ich mich nun hier irgendwie sesshaft machen.

Das Interview führte Joachim Bartz aus der ZDF-Redaktion frontal.

Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

Ukrainische Soldaten schießen mit einem Bureviy-Mehrfachraketensystem auf eine Position in der Region Donezk, während Russlands Angriff auf die Ukraine weitergeht, Ukraine, 29. 11. 2022.
Liveblog

Russland greift die Ukraine an - Aktuelles zum Krieg in der Ukraine 

Russlands Angriff auf die Ukraine dauert an. Es gibt Sanktionen gegen Moskau, Waffen für Kiew. Aktuelle News und Hintergründe zum Krieg im Blog.

Aktuelle Nachrichten zur Ukraine

Die Karte der Ukraine zeigt, welche Gebiete im Osten des Landes von russischen Truppen besetzt sind. Zudem sind die Separatistengebiete und die annektierte Krim hervorgehoben.

Nachrichten | Politik - Der Ukraine-Krieg im Zeitraffer 

Vor neun Monaten hat Russland die Ukraine überfallen und Teile des Landes besetzt. Doch nun gewinnt Kiew Territorium zurück. Eine Chronologie.

Putin auf Landkarte mit Russland, Ukraine, Georgien und Syrien
Story

Nachrichten | Politik - Putins Kriege, Putins Ziele 

Tschetschenien, Georgien, Syrien, Ukraine: Russland hat unter Putin schon in mehreren Ländern gekämpft. Zwischen den Kriegen gibt es Parallelen – hier die Hintergründe verstehen.

Ukraine, Donezk: Ein ukrainischer Soldat steht an der Trennlinie zu pro-russischen Rebellen in der Region Donezk. In der Ukraine-Krise haben die USA und Russland bei Gesprächen in Genf zunächst auf ihren bekannten Standpunkten beharrt.
Thema

Nachrichten & Hintergründe - Alles zum Russland-Ukraine-Konflikt 

Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Es gibt zahlreiche Sanktionen des Westens gegen Russland und in der Nato abgestimmte Waffenlieferungen an die Ukraine. Alle Nachrichten und Hintergründe.

Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Zur Altersprüfung

Du bist dabei, den Kinderbereich zu verlassen. Möchtest du das wirklich?

Wenn du den Kinderbereich verlässt, bewegst du dich mit dem Profil deiner Eltern in der ZDFmediathek.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Möglicherweise hast du einen Ad/Script/CSS/Cookiebanner-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert. Falls du die Webseite ohne Einschränkungen nutzen möchtest, prüfe, ob ein Plugin oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus.