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Interview

Verwirrung bei Duma-Wahl - Warum der Kreml Oppositionskandidaten klont

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Bei der Duma-Wahl dürfen viele Oppositionskandidaten nicht antreten. Oder es gibt Doppelgänger, wie bei Boris Wischnewskij. Im Interview spricht er über das bizarre Verwirrspiel.

Doppelgänger von Boris Vishnevsky auf einem Handydisplay
Doppelgänger von Boris Wischnewskij
Quelle: Reuters

Neben Druck auf Oppositionskandidaten und Repressionen hat der Kreml noch andere Möglichkeiten gefunden, der Regierungspartei bei der Duma-Wahl, die an diesem Freitag begonnen hat, zum Sieg zu verhelfen.

In St. Petersburg fand man zwei Kandidaten, die bereit waren, ihren Vor - und Nachnamen zu ändern und sich einen Bart wachsen zu lassen. So sind sie nur schwer vom Oppositionellen Boris Wischnewskij zu unterscheiden. Und sollen ihm potenzielle Wählerstimmen streitig machen.

ZDFheute: Die Situation mit Ihren Doppelgänger - wie konnte es dazu kommen?

Boris Wischnewskij: Früher hat man tatsächlich Personen mit identischen Familiennamen ins Rennen geschickt, jetzt macht man sich die Sache einfacher und hat Personen gefunden, die ihre Vor- und Nachnamen geändert haben. Um die Wähler zu verwirren, die drei Wischnewskijs auf dem Stimmzettel vorfinden, alle mit dem Vornamen Boris. Wie soll sich der Wähler da zurechtfinden?

Meine Hauptaufgabe besteht jetzt darin, Orientierungshilfe zu leisten, wie man den echten Boris Wischnewskij unterscheiden kann.

ZDFheute: Zumal auch äußerliche Ähnlichkeiten bestehen…

Wischnewskij: Natürlich. Der Wähler muss zunächst die Partei Jabloko im Hinterkopf haben, das ist ein Unterscheidungsmerkmal, ein weiteres ist mein Vatersname Lasarjewitsch. Rein theoretisch hätten sie den Vatersnamen auch anpassen können, aber dann hätten laut Gesetz auf dem Stimmzettel auch ihre früheren Namen aufgeführt werden müssen, und das wollten sie vermeiden.

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ZDFheute: Wie haben Sie darauf reagiert?

Wischnewskij: Mit einem Lächeln. Ich sehe darin eine hohe Einschätzung meiner Verdienste.

Wenn man mich mit solchen Mitteln bekämpft, dann können meine Chancen wohl nicht unerheblich sein.

Und dann wirkt die ganze Situation einfach wie ein Witz, man erzählt sich schon Anekdoten über mich, mein Name ist in aller Munde, was vorher nicht der Fall war. Das Entscheidende aber ist, dass sich die Information über die Situation verbreitet. Lachen ist die mächtigste Waffe gegen das Böse, das habe ich immer gesagt.

ZDFheute: Warum sind Sie Ihrer Meinung nach zu einem Ziel für Attacken dieser Art geworden?

Wischnewskij: Ich bin unbequem. Ich wirke als Störfaktor mit meinen offiziellen Anfragen, mit deren Beantwortung man sich sehr schwertut. Ich stelle unbequeme Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Ich halte gefährliche Reden, die nicht mehr gehalten werden sollen. Wie kann das angehen? Niemandem soll es erlaubt sein, an der Richtigkeit der Politik des nationalen Führers zu zweifeln oder an der Politik des Gouverneurs, an der Treue zu Jedinaja Rossija und an ihrer Politik. Einen Abgeordneten kann man ja nicht einfach mundtot machen, man muss sich mit ihm auseinandersetzen, irgendwie reagieren auf seine Anfragen. Das will man für die Zukunft verhindern.

ZDFheute: Ist die Geschichte mit den Doppelgängern nicht ein Betrugsdelikt?

Wischnewskij: Es ist ein politischer Betrug, der aber rein juristisch nicht strafbar ist. Er kann aber politisch abgestraft werden durch die Wähler während der Stimmabgabe.

ZDFheute: Wenn es in juristischer Hinsicht nicht strafbar ist, was können Sie noch dagegen unternehmen?

Wischnewskij: Es den Bürgern zur Kenntnis bringen, ihnen erklären, dass sie für dumm verkauft und betrogen werden sollen. Damit die Organisatoren dieser Aktion politisch abgestraft werden und dadurch ihr Ziel nicht erreichen, und die Doppelgänger meinen Wahlerfolg nicht verhindern.

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ZDFheute: Haben Sie diese Leute mal getroffen?

Wischnewskij: Nein. Von einem von ihnen habe ich gehört, dass er Kommunalabgeordneter auf Bezirksebene in Petersburg sei und Assistent des Vizevorsitzenden des Parlaments, Solowjow. Solowjow ist Mitglied von Jedinaja Rossija, mein direkter Konkurrent für den Abgeordnetensitz in der Staatsduma. Es ist nicht schwer, hier den Zusammenhang zu erkennen, nämlich zwischen seiner Person und dem Auftauchen dieses Doppelgängers.

ZDFheute: Wie schätzen Sie Ihre Wahlchancen ein?

Wischnewskij: Ich mache mir keine Gedanken über meine Chancen, sondern ich tue alles dafür, damit sie Wirklichkeit werden. Je höher die Wahlbeteiligung, desto größer auch meine Chancen. Denn das verringert den Spielraum für Wahlfälschung, und Versuche in dieser Richtung wird es geben. Beispielsweise dadurch, dass tagsüber in die Urne geworfene Wahlzettel während der Nacht ausgetauscht werden. Das alles ist absolut möglich.

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ZDFheute: Wie bewerten Sie die Repressionen, die jetzt während des Wahlkampfes stattfinden?

Wischnewskij: Das ist sehr schlecht, wie soll man es sonst bewerten?! Einigen Kandidaten ist die Teilnahme von Anfang an verwehrt worden, einige meiner Kollegen sind später aus der Kandidatenliste entfernt worden, weil sie angeblich unter Extremismusverdacht stehen, obwohl das völliger Unsinn ist.

Wir spüren den starken Widerstand, der uns entgegenschlägt.

Aber wir waren auch nicht der Meinung, dass es leicht werden würde, wir haben das alles erwartet.

ZDFheute: Von welcher politischen Idee lassen Sie sich leiten für die Zukunft Russlands, was wollen Sie erreichen?

Wischnewskij: Ich möchte, dass in unserem Land den Menschen mit Respekt begegnet wird. Der Mensch sollte im Mittelpunkt stehen und nicht der Staat. Es darf keine Repressionen geben, dafür aber freie Massenmedien und unabhängige Rechtsprechung. Dass Russland ein normales Land wird, wie Deutschland, Schweden, Großbritannien, Frankreich. Warum leben wir schlechter und weniger frei? Das will mir nicht einleuchten. Ich meine, wir müssen ebenfalls ein solch freies, unabhängiges und demokratisches Land werden, in dem kein Platz ist für Doppelgänger und Betrug an den Bürgern.

Das Interview führte das ZDF-Studio Moskau.

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