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Wunsch nach Unabhänigkeit - Ganz schön schottisch - ganz schön eigen

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Durch den Brexit fühlen sich viele Schotten von Großbritannien betrogen, Stolz auf Unterschiede zu England gab es schon immer. Mündet das Jahr 2021 in der Unabhängigkeit?

Ganz schön schottisch, ganz schön eigen: Mehr als sonst denken die Menschen am Ende Britanniens in diesen Tagen darüber nach, was es eigentlich heißt, schottisch zu sein.

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Kaum war der Brexit-Deal am Heiligen Abend endlich spruchreif, meldete sich die Erste Ministerin Schottlands. Der Handelsvertrag mit der EU könne den Verlust, den Schottland durch den Brexit erfahre, nicht wieder gut machen, sagte Nicola Sturgeon.

Schottland, das den Brexit nie gewollt habe, sehe sich künftig als eine "unabhängige europäische Nation". Eine klare Kampfansage, die dem Premier die gute Laune verhageln sollte und seine Triumph-Meldungen unsanft unterbrach. Er werde den Brexit liefern, hatte Boris Johnson versprochen und genau das hat er tatsächlich getan.

Doch so sehr er auch wünschen mag, das Thema werde nun verschwinden und eine geeinte, vorwärts blickende Nation nicht weiter peinigen, so unwahrscheinlich ist das. Der Brexit hat gerade erst angefangen.

Schwierige Dreharbeiten in Schottland

Am unglücklichsten über das Ganze sind die Schotten, und so sind wir trotz aller ständig neuen Corona-Einschränkungen durch das nördliche Ende Britanniens gereist, um mit ein paar der 5,5 Millionen Schotten zu sprechen. Es waren schwierige Dreharbeiten, trotz unfassbaren Glücks mit dem Wetter.

Die Landschaft immer wieder ein Trost, wenn auch wegen Corona alles mühsamer war als sonst. Natürlich gab es keine Veranstaltungen, und wir konnten nur diejenigen an ihren Arbeitsplätzen filmen, die im Freien tätig sind: Sophie Gault, eine junge Jägerin in den Highlands, die Trommlerin Joyce in ihrem Garten.

Das ZDF-Team in Schottland
Das ZDF-Team in Schottland: Steven Cassidy, Martin Skorik, Diana Zimmermann, Julia Belgutay.
Quelle: ZDF/Steven Cassidy

Schotten wollen sich von Engländern unterscheiden

Und doch ist das Bild, das unsere Begegnungen mit den ganz schön eigenen Schotten zeichnen, eindeutig. Die meisten glauben fest an eine Identität, die sie von den Engländern unterscheidet. Kulturell, vor allem aber politisch. Ihr Verständnis von Gesellschaft, Gerechtigkeit, Gemeinschaft sei ein anderes, so beteuerten sie uns und meinen: ein sozialeres.

Nicht alle ziehen daraus den Schluss, dass die Unabhängigkeit der richtige Schritt sei, tatsächlich aber wirkt der Brexit nicht als abschreckendes Beispiel für den Abschied einer Nation aus einem politischen Verbund, er hat vielmehr dafür gesorgt, dass die Schotten befremdeter denn je über ihre "Borders" nach Süden blicken und sich in London, vor allem aber in der Regierung von Boris Johnson nicht wiedererkennen. 

Schotten fühlen sich durch Brexit betrogen

Janey Godley ist Kabarettistin. Beim Referendum 2014, so erzählt uns die Glasgowegian, hätten die Engländer ihnen gesagt, sie sollten gegen die Unabhängigkeit stimmen, damit sie in der EU bleiben könnten. "Das ist, wie wenn Dir Deine Eltern sagen: Wenn Du schön früh schlafen gehst, bekommst Du morgen früh ein Pony. Du gehst also brav ins Bett, aber am nächsten morgen ist da kein Pony, sondern ein Katzenkissen. Und es ist nichtmal ne gute Katze." 

45 Prozent der Schotten hatten 2014 beim ersten Indy-Referendum für die Unabhängigkeit gestimmt. Dank Brexit und dem sehr kritisch gesehenen Corona-Krisenmanagement von Westminster liegen die Unabhängigkeitsbefürworter nun seit Monaten vorn in den Umfragen, bei bis zu 58 Prozent.

Briten, die im Ausland leben, haben oft wenig Verständnis für den Brexit. Einige haben den deutschen Pass beantragt, um EU-Bürger zu bleiben. Zwei Beispiele.

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Shetlandinseln wollen doppelte Unabhängigkeit

Zu denjenigen, die ihre Meinung seit 2014 geändert haben, gehört auch der deutsche Journalist Hans-Jürgen Marter, der auf den Shetlandinseln lebt und Schottland einfach für ein viel demokratischeres Land hält.

Die Shetlandinseln haben sich vom Virus des Separatismus anstecken lassen. Ihr Gemeinderat fordert die Unabhängigkeit von Schottland und Großbritannien. Und das, während der Chef des wichtigsten wirtschaftlichen Projekts, dem ersten Weltraumbahnhof Großbritanniens auf der nördlichsten der Inseln, Unst, wünschte, er könne weiter von der Freizügigkeit der EU profitieren.

Sturgeon will Mehrheit für Referendum nutzen

So unterschiedlich die Stimmen Schottlands natürlich sind, voraussichtlich am 6. Mai wird es Wahlen für das Schottische Parlament geben. Und in den jüngsten Umfragen kommt die Schottisch-Nationale Partei auf 55 Prozent. 20 Prozent bleiben für die Konservativen und nur 14 für Labour. Nicola Sturgeon setzt also an, eine überwältigende absolute Mehrheit einzufahren (anders als in England gilt in Schottland übrigens das Mehrheitswahlrecht).

Sie wird ihren Sieg als klaren Wunsch der 5,5 Millionen Schotten nach einem weiteren Unabhängigkeitsreferendum interpretieren. Dem müsste London zustimmen und natürlich sträubt sich Boris Johnson nach Kräften. Doch das Argument, der Brexit habe die Lage grundsätzlich verändert, ist kaum von der Hand zu weisen.

Und, je länger London sich wehrt, desto größer wird vermutlich die Wut der Schotten, die sich schon jetzt in der 300 Jahre alten Union mit England missverstanden und fremdbestimmt fühlen.

Diana Zimmermann ist Leiterin des ZDF-Studios in London.

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