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Lehrer unter Druck - "Gefahr, dass Unterricht zur Mutprobe wird"

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Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger spricht im Interview über versuchte Einflussnahme von Islamisten an deutschen Schulen – und was die Politik dagegen tun muss.

Unterricht in der 10b der Martinschule, aufgenommen am 09.05.2018
Gewalt und Drohungen gegen Lehrer nehmen zu - auch an deutschen Schulen.
Quelle: dpa

ZDFheute: Vergangene Woche haben Schüler und Lehrer in ganz Frankreich und vielerorts auch in Deutschland des ermordeten Geschichtslehrers Samuel Paty gedacht. In jüngster Zeit haben sich vermehrt Kolleginnen und Kollegen besorgt bei Ihnen gemeldet. Mit welchen Anliegen?

Heinz-Peter Meidinger: Unsere Lehrkräfte sind zutiefst betroffen über die abscheuliche Gewalttat und ihre Hintergründe. Wir haben zwar Gott sei Dank noch keine Verhältnisse wie in manchen französischen Vorstädten, aber auch an deutschen Schulen versuchen bestimme Gruppen, Lehrer massiv zu beeinflussen oder einzuschüchtern. Auch vor Drohungen wird an bestimmten Brennpunktschulen nicht mehr zurückgeschreckt.

ZDFheute: Was berichten Ihre Kolleginnen und Kollegen genau?

Meidinger: Es gibt offenbar einzelne Schüler, die sagen: "Wer den Propheten Mohammed beleidigt, begeht ein todeswürdiges Verbrechen." Da werden dann auch die Lehrkräfte einbezogen, die solche Karikaturen zeigen. Aber auch unabhängig davon gibt es auch in Deutschland immer wieder Versuche der Einflussnahme auf Lehrer, dass bestimmte Inhalte nicht behandelt werden.

ZDFheute: Zum Beispiel?

Meidinger: Ein Musterbeispiel ist der Holocaust. Dieses Thema wird zum Teil vehement abgelehnt, Schüler werden krankgemeldet von den Eltern, wenn klar ist, dass das Thema im Unterricht behandelt werden soll. Es herrscht mitunter der Tenor: "Schlimm, was die Nazis damals den Juden angetan haben, aber das macht heute der Staat Israel mit den Palästinensern." Da wird dann gefordert, dass statt "Schindlers Liste" Filme etwa über das Leid der Palästinenser im Gaza-Streifen gezeigt werden. Zum Teil sind die Anfeindungen massiv; manche Lehrer weichen zurück.

ZDFheute: Was heißt das?

Meidinger: Mir sagen Lehrkräfte, dass sie streitigen Diskussionen und Themen aus dem Weg gehen, weil sie fürchten, dass das im Unterricht Besprochene nach außen in soziale Netzwerke getragen wird und es da vielleicht irgendwelche Wahnsinnigen gibt, die dann brutal zuschlagen.

Schweigeminute an französischen Schulen – im Gedenken an Samuel Paty. Der Lehrer hatte Schülern beim Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt.

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1 min
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ZDFheute: Braucht es heute also eine Portion Mut der Lehrer, im Unterricht bestimmte Themen anzusprechen?

Meidinger: Es besteht zumindest die Gefahr, dass Unterricht zur Mutprobe wird, weil an Schulen in bestimmten Regionen die Erziehung zu demokratischen Werten angefeindet wird. Dabei geht es aber um einen Kernauftrag von Schule, bei dem wir nicht zurückweichen dürfen. Viele Lehrer haben mir geschrieben, dass sie das Gefühl haben, ohne Rückdeckung dazustehen.

Manche haben sogar den Eindruck, dass Konflikte von den Behörden und Schulleitungen bewusst unter der Decke gehalten werden.
Heinz-Peter Meidinger

ZDFheute: Was also muss sich grundlegend ändern?

Meidinger: Die Landesregierungen müssen das Thema endlich aus der Tabuzone holen und ihre Angst davor ablegen, dass das Problem instrumentalisiert werden könnte von Rechtspopulisten und Rechtsextremen. Natürlich muss man das Thema mit Sensibilität anfassen und darf keinesfalls alle Muslime über einen Kamm scheren. Es ist ein Minderheitenphänomen: Der Druck kommt meist von Gruppen, die aus aktiven Konflikt- und Kriegsgebieten kommen, wo Leiderfahrungen und strenge Gläubigkeit eine große Rolle spielen.

ZDFheute: Welche konkreten Schritte schlagen Sie vor?

Meidinger: Alle Bundesländer sollten zunächst eine anonymisierte Umfrage unter den Lehrkräften durchführen, um die wahre Dimension des Problems zu erfassen. Es reicht keinesfalls, nur Schulleitungen zu befragen. Betroffene Lehrkräfte brauchen zudem konkrete Hilfe, etwa durch Ombudsstellen, die rund um die Uhr erreichbar sind, und durch Experten sowie erfahrene Kollegen, die vor Ort Unterstützung geben oder auch mal mit in die Klassen gehen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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