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Warum sterben so viele an einer Sepsis?

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94.000 Tote jährlich - Warum sterben so viele an einer Sepsis?

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Mehr als 250 Menschen sterben täglich an einer Sepsis in deutschen Krankenhäusern. Es fehlt an Aufklärung und Qualität. Experten kritisieren die Untätigkeit der Politik.

Reagenzien zur Untersuchung von Blutproben bei einer Sepsis
Wie kann man Sepsis-Erkrankungen besser vorbeugen?
Quelle: dpa

Täglich sterben durchschnittlich 257 Patienten in deutschen Krankenhäusern an einer Sepsis. Das sind circa 94.000 Tote pro Jahr, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervorgeht, die ZDFheute vorliegt. Bei jährlich 300.000 Erkrankten endet damit fast jede dritte Infektion tödlich.

Nach Einschätzung von Experten sind 15.000 dieser Todesfälle vermeidbar. Und die Regierung räumt - ohne Zahlen zu nennen - ein, dass die Sterblichkeit bei Sepsis in Deutschland höher liegt als bei anderen Industriestaaten. Doch warum wird der Krankheit in Deutschland so wenig Beachtung geschenkt? Fragen und Antworten.

Was ist eine Sepsis?

Allgemein versteht man unter Sepsis eine Infektion - zum Beispiel mit Bakterien oder Viren - die vom Körper nicht beherrscht werden kann, außer Kontrolle gerät und auf die Blutbahn übergreift. Die Sepsis war früher auch vereinfacht unter dem Begriff Blutvergiftung bekannt.

Eine Sepsis kann aber nicht nur durch eine Blutinfektion ausgelöst werden, sondern häufig auch durch Durchfall, Lungenerkrankungen oder Tropenkrankheiten. Wenn das Immunsystem dann überreagiert, kann das zu multiplem Organversagen und damit zum Tod führen.

Blutvergiftung ist in Deutschland die dritthäufigste Todesursache. Wie kann man eine Sepsis vermeiden und wann sollte man zum Arzt gehen?

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Warum sterben in deutschen Krankenhäusern so viele an einer Sepsis?

Deutschland habe - im Gegensatz zur Behauptung der Gesundheitsminister - kein gutes, sondern nur ein mittelmäßiges Gesundheitssystem, kritisiert Konrad Reinhart, Vorsitzender der Deutschen Sepsis-Gesellschaft. Gerade beim Thema Sepsis fehle es an Aufklärung, Struktur und Qualitätsbewusstsein.

Gebe man beispielsweise bei der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Sepsis ein, erscheine kein Eintrag zu dem Thema. Durch den Mangel an Informationen würden Bürger oft Frühsymptome nicht erkennen. Zudem sei eine niedrige Impfquote ein weiterer Faktor, warum in Deutschland die Zahlen so hoch sind, erklärt Konrad Reinhart. Je seltener Infektionskrankheiten auftreten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, eine Sepsis zu bekommen.

Warum kriegen die Krankenhäuser das Problem nicht in den Griff?

Laut der Deutschen Sepsis-Stiftung entstehen dreißig bis vierzig Prozent der Sepsisfälle im Krankenhaus aus behandlungsassoziierten Infektionen. "Durch unser Vergütungssystem werden falsche Anreize gesetzt", kritisiert Konrad Reinhart. Die Krankenhäuser würden mengen- statt qualitätsorientiert arbeiten. Es gebe kaum externe Kontrolle und Qualitätsindikatoren.

Das wäre so, wie wenn man die Luftfahrtsicherheit alleine den Airlines und den Piloten überlassen würde.
Konrad Reinhart

Das Thema Sepsis werde zudem im Studium stark vernachlässigt. Schulungen zur Früherkennung seien für das Krankenhauspersonal im Gegensatz zu vielen anderen angelsächsischen Ländern in Deutschland keine Pflicht und würden nur selten durchgeführt.

Wie könnte die Politik eingreifen?

2013 hat die Deutsche Sepsis-Stiftung bereits ein Memorandum für einen nationalen Sepsis-Plan erstellt. Dieses wurde 2017 noch einmal aktualisiert und von über 30 medizinischen Fachgesellschaften unterstützt.

Dort werden Maßnahmen zur Stärkung der Wahrnehmung, Prävention, Qualitätssicherung und Behandlung vorgeschlagen. Auf eine Koordination durch die Politik warten die Unterzeichner, zu denen auch das Aktionsbündnis für Patientensicherheit gehört, aber bis heute vergeblich. In ihrer Antwort auf die Linken-Anfrage verweist die Bundesregierung auf die Zuständigkeit der Länder.

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"Das Gesundheitssystem und die medizinischen Fachgebiete sind extrem zersplittert und jeder Akteur vertritt seinen eigenen Interessen. Deshalb brauchen wir die Mitwirkung der Politik, um diese Silos zu überwinden", erläutert Intensivmediziner Reinhart die Notwendigkeit eines runden Tisches. Eine Bitte ans Gesundheitsministerium, im Robert-Koch-Institut eine Expertenkommission zu dem Thema einzusetzen, sei von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn laut Reinhart aber "abgebügelt" worden.

Sind Maßnahmen zur Sepsis-Prävention geplant?

In der Antwort auf die Linken-Anfrage heißt es von Seiten der Regierung, dass es bereits Maßnahmen zur Prävention und Aufklärung gebe. Aber "es ist derzeit weder seitens des Bundes noch seitens der Länder erkennbar, man schiebt sich gegenseitig die Verantwortung zu", bilanziert Reinhart.

Und das obwohl weltweit 20 Prozent aller Todesfälle im Krankenhaus auf eine Sepsis zurückzuführen seien - ein Wert, der durch falsche codierte Diagnosen oft noch unterschätzt werde.

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