ZDFheute

Ein Spiel, das niemand gewinnen kann

Sie sind hier:

Über den Zustand der Weltpolitik - Ein Spiel, das niemand gewinnen kann

Datum:

Die Münchner Sicherheitskonferenz offenbart, wie weit Europa und die USA mittlerweile auseinanderklaffen. Längst droht mehr als nur das Ende des Westens, wie wir ihn kennen.

Bild von Elmar Theveßen und einer Rede von Mike Pompeo auf der Münchner Sicherheitskonferenz
Elmar Theveßen ist ZDF-Korrespondent in Washington - und kommentiert die Münchner Sicherheitskonferenz.
Quelle: ZDF/ap

Wir treffen uns in einer Ecke des Hotels, in dem die Münchner Sicherheitskonferenz stattfindet, dann geht es die Treppe hoch, einen dunklen Gang entlang, als würde man in einen Bunker geführt. Das passt eigentlich recht gut, denn für die nächste Viertelstunde sitze ich in einem virtuellen Bunker unter dem Weißen Haus, bin der amerikanische Präsident und muss entscheiden, ob ich zwei Millionen, 20 Millionen oder gar mehr als 100 Millionen Menschen töte - nicht, weil ich es will, sondern weil ich es angeblich muss, denn der Feind hat gerade 299 Interkontinentalraketen gegen mein Land gestartet.

20 Millionen Menschenleben auf meinem virtuellen Gewissen

Genau 15 Minuten, um zwischen den drei Optionen zu entscheiden, bombardiert mit Informationen, die längst nicht reichen, um das Chaos in meinem Kopf zu ordnen.

Ich will wissen, ob Verbündete den Angriff bestätigen können? Bisher keine Meldung darüber. Ob ich mit dem Feind telefonieren kann? Da meldet sich keiner.

Bei Minute 8 oder 9 wähle ich die mittlere Option, nur um zu sehen, ob mich doch noch jemand an dieser katastrophalen und unmoralischen Entscheidung hindert, weil wir ja noch ein paar Minuten haben. Ein Offizier in meiner virtuellen Welt hält den Zettel mit den Startcodes hoch. Aus dem Kommandozentrum kommen die Schlüsselworte, die ich mit dem Gegenschlüssel beantworte. Keiner stoppt mich, das war’s - 20 Millionen Menschenleben auf meinem virtuellen Gewissen.

Simulieren, wie viel wirklich auf dem Spiel steht

Es ist eine Simulation, die den Teilnehmern an der Münchner Sicherheitskonferenz zeigen soll, wieviel auf dem Spiel steht. Ein Atomkrieg mag unvorstellbar erscheinen, aber ist er es auch? Die USA produzieren neuerdings wieder "low yield nuclear weapons", also Atombomben mit "niedriger" Sprengkraft, zur Abschreckung, so heißt es. Andere Großmächte haben sowas auch.

Könnte dann nicht ein militärischer Schlagabtausch wie der mit dem Iran vor einigen Wochen doch mal in den Einsatz einer taktischen, auf ein bestimmtes Gebiet begrenzten, Nuklearwaffe eskalieren? Die Macher des virtuellen Planspiels, die Nichtregierungsorganisation Global Zero, halten das für nicht ausgeschlossen. Auf ihrer Broschüre steht der Satz:

Ein seltsames Spiel. Die einzige Methode, um zu gewinnen, ist, nicht zu spielen.

Zunehmend destruktive Dynamik der Weltpolitik

Genau das möchte man allen Beteiligten auf dieser Münchner Sicherheitskonferenz sehr ans Herz legen. Denn es wird immer dann besonders gefährlich, wenn die Wahrnehmungen voneinander und vom Zustand der Welt dramatisch auseinanderklaffen. So zu besichtigen an diesem Wochenende: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht von einer "zunehmend destruktiven Dynamik der Weltpolitik" und kritisiert, selten wie nie, nicht nur Russland und China, sondern vor allem den transatlantischen Partner:

Die USA erteilen der Idee einer internationalen Gemeinschaft eine Absage
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Prompt stürzt sich US-Außenminister Pompeo auf dieses Zitat des deutschen Präsidenten und sagt: "Ich bin an diesem Morgen hier, um ihnen die Fakten zu geben." Im Umkehrschluss - hart formuliert - 'Steinmeier lügt', solche Äußerungen hätten "nichts mit der Wirklichkeit zu tun", "der Tod des transatlantischen Bündnisses ist weit übertrieben. Der Westen gewinnt, wir gewinnen gemeinsam".

Probleme mit dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit

Deutlicher könnten die Anzeichen für das Ende des Westens, wie wir ihn kennen, nicht sein. Ein amerikanischer Außenminister, der in seiner Rede die Freiheit und Menschenwürde für unverzichtbar erklärt; dessen Regierung aber innen- und außenpolitisch ausschließlich den eigenen Vorteil und Sieg um jeden Preis, auch zu Lasten genau dieser Werte verfolgt; dessen Präsident offensichtliche Probleme mit dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit hat - so ein Außenminister leidet unter Wahrnehmungsverlust.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat US-Außenminister Pompeo Kritik an einem Rückzug der USA aus der internationalen Gemeinschaft zurückgewiesen. Frankreichs Präsident Macron sagte hingegen, der Westen sei in der globalen Weltordnung geschwächt.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Gleiches gilt aber für andere Staaten des sogenannten Westens, auch in der EU, die mit den gleichen Methoden das Interesse einer nationalistischen und nativistischen politischen Überzeugung über international anerkannte Werte und Rechtsnormen setzen. Die Veranstalter der Konferenz haben dafür ein Wort erschaffen: "Westlessness", also Westlosigkeit. Dass manche Teilnehmer der Tagung damit gar nichts anfangen können, ist noch mehr Anzeichen dafür, dass der Westen ein Stück weit vergisst, auf welcher Grundlage in den vergangenen Jahrzehnten Freiheit, Frieden, Fortschritt, Sicherheit und Wohlstand wachsen konnten.

Den Ruckreden müssen nun Taten folgen

Vor diesem Hintergrund ist der schöne Wunsch des französischen Präsident Macron "von einem Europa, dass sich auf der Basis eigener Souveränität schützen kann, von einem Europa, das mehr Lebenskraft hat, von einem Europa, das sich für seine Zukunft begeistert", eine wunderbare Vorstellung.

Aber sie hat nur dann eine Chance darauf, Wirklichkeit zu werden, wenn den Ruckreden von Macron und Steinmeier auch endlich der entsprechende Ruck und dann auch die notwendige Tat folgt. Der Bundespräsident hatte es ähnlich poetisch beschrieben: "Wenn wir es ernst meinen mit der Idee von Europa, dann darf in der Mitte Europas kein ängstliches Herz schlagen."

Mehr Unsicherheit in einer gefährlichen Welt

Wenn es bei der Verzagtheit bleibt, wenn es keinen neuen Anlauf gibt, wieder Gemeinsamkeit in den universalen Werten zu finden, dann bleibt von dieser Sicherheitskonferenz nur noch mehr Unsicherheit in einer polarisierten und gefährlichen Welt. Dann scheint das Schrecklichste wieder möglich, das "seltsame Spiel", das man hier virtuell erleben, aber in der Wirklichkeit niemals gewinnen kann.

Elmar Theveßen ist USA-Korrespondent und Leiter des ZDF-Studios in Washington.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.