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NS-Vernichtungslager - Fotos geben neuen Einblick ins KZ Sobibor

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Nachfahren eines SS-Manns haben dafür gesorgt, dass bislang noch unbekannte Bilder aus dem KZ Sobibor an die Öffentlichkeit gelangen. Die Fotos wurden jetzt erstmals gezeigt.

Deutsche Soldaten, Zollgrenzschutzbeamte und Küchenhilfen.
Die Bilder zeigen deutsche Soldaten bei ihrem Alltag im KZ Sobibor.
Quelle: United States Holocaust Memorial Museum / DPA

Harmlos mutet das Schwarz-Weiß-Foto auf den ersten Blick an: Ein Tor - umgeben von einer Hecke - gibt den Blick auf ein dörflich aussehendes Haus frei. Die Inschrift auf dem schwarzen Schild darüber macht indes klar, dass die Idylle trügerisch ist: "SS Sonderkommando" steht dort, daneben wehen schwarze Fahnen mit Hakenkreuz und "SS" in Runenschrift.

Der Eingang zum NS-Vernichtungslager im damals von Deutschland besetzten polnischen Sobibor, so sah er im Frühjahr 1943 aus. Juden aus der Region wurden durch das Tor zu Fuß, auf Lkw oder Pferdefuhrwerken hineingetrieben. Für Juden aus anderen Ländern endete die Fahrt direkt im Inneren des Lagers - bis hierhin führten die Gleise.

Bis zu 250.000 Juden starben in Sobibor

In Sobibor wurden nach Schätzungen bis zu 250.000 Juden in Gaskammern ermordet, darunter rund 33.000 aus den Niederlanden. Nur etwa 50 Inhaftierte überlebten den Krieg. Das Foto des Lagertors ist eines von insgesamt 361 erstmals öffentlich gezeigten Bildern des Buches "Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus". Es ziert seinen Einband. Am Dienstag wurde es in der "Topographie des Terrors" in Berlin vorgestellt.

Übersicht über das Lager Sobibor und das Vorlager im Hintergrund.
Übersicht über das Lager Sobibor und das Vorlager im Hintergrund.
Quelle: United States Holocaust Memorial Museum / DPA

Die Sammlung bebildere nicht nur die NS-Verbrechen, "sondern bietet eine neue Quelle" zum Aufbau des Lagers Sobibor, sagte der wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Martin Cüppers.

Nazis zerstörten Lager nach Aufstand 1943

Die "Brenner" Karl Pötzinger, Johann Niemann und Siegfried Grätschus.
Johann Niemann (M.) und seine Kameraden am Zaun der "t4"-Anstalt in Brandenburg.
Quelle: United States Holocaust Memorial Museum / DPA

Sie sei ein "Quantensprung" in der bisherigen Überlieferung. Da es keine baulichen Überreste gebe, sei man bisher vornehmlich auf Zeitzeugen angewiesen gewesen: Die Nazis zerstörten das Lager nach einem Aufstand der Häftlinge 1943, um ihre Spuren zu verwischen. Johann Niemann, der einstige stellvertretende Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor, dokumentierte in zwei Alben und weiteren Einzelfotos seine ganze Karriere in der SS.

So ist er auf einem Teil der Fotos während seiner Tätigkeit in den Tötungszentren Grafeneck, Brandenburg und Bernburg im Zusammenhang mit der Tötung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen zu sehen, Aktion "T4" genannt.

Bilder sollen Iwan Demjanjuk zeigen

Die Fotos aus dem Lager Sobibor, die auf den ersten Blick unverdächtig scheinen, zeigen etwa die deutschen Täter unter anderem bei der Freizeitgestaltung, auf der Terrasse, beim Essen oder Schachspielen. Vom Tötungsbereich selbst existierten keine expliziten Fotos in der Sammlung, so die Forscher. Jedoch seien am Rande oder im Hintergrund teilweise Häftlinge oder Gebäudeelemente zu erkennen, die zum Mordbereich gehörten, etwa der Schornstein der Gaskammern.

Eine kleine Sensation der Sammlung - wenn auch nicht zu 100 Prozent gesichert: "Wahrscheinlich" zeigen zwei Bilder den 2011 in München verurteilten ehemaligen Wachmann in Sobibor, Iwan Demjanjuk, auf dem Lagergelände. Zu diesem Schluss sei das Landeskriminalamt Baden-Württemberg gekommen, das eine vergleichende Analyse zwischen einem Porträt Demjanjuks und einem Mann auf einem Bild der Sammlung vorgenommen habe, erläuterte Cüppers.

Pressekonferenz zur Bildersammlung aus dem Vernichtungslager Sobibor.
Auf diesem Bild soll der KZ-Wachmann Iwan Demjanjuk zu sehen sein.
Quelle: DPA


Mit dem bisher unbekannten SS-Mann Niemann werde durch die Bilder "ein Spotlight" auf einen wichtigen Täter gesetzt, so Cüppers. Sein Lebenslauf zeige beispielhaft, "wie der NS-Vernichtungsplan funktionieren konnte. Nur durch solche Niemanns war das möglich."

Holocaust-Nachfahrin nennt Bilder "atemberaubend"

Cüppers bedankte sich auch ausdrücklich bei den Nachfahren Niemanns für die Veröffentlichung. Es gebe vermutlich "heute noch ähnliche Überlieferungen, wo sich die Nachfahren bewusst anders entscheiden".

Für Jetje Manheim, niederländische Angehörige von Holocaust-Opfern, sind die Bilder des Lagers auf ganz persönliche Weise "atemberaubend". Damit habe sie erstmals "vor Augen gehabt, was meine Großeltern zu sehen bekamen, als sie nach 72 Stunden im Waggon in Sobibor ankamen. Noch am selben Tag endete ihr Leben", sagte Manheim.

Niemann, den einige der wenigen überlebende Zeitzeugen als "kalt und grausam" schilderten, überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht: Am 14. Oktober 1943 wurde er beim Aufstand der Häftlinge in Sobibor getötet. Für die Forscher ein möglicher Grund, warum seine Fotos heute noch existieren - es bestand kein Interesse, sie als Beweismittel vernichten zu müssen.

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