Ausrüstung im Ukraine-Krieg: Schaufel als "bester Freund"

    Ausrüstung im Ukraine-Krieg:"Mein bester Freund - das ist meine Schaufel"

    von Dara Hassanzadeh, Odessa
    |

    Seit Kriegsbeginn laufen die Diskussionen um Waffenlieferungen. Doch ein großer und wichtiger Ausrüster der ukrainischen Armee ist die eigene Bevölkerung.

    Ukrainische Soldaten in der Region Donezk
    Ukrainische Soldaten werden auch durch die Zivilbevölkerung mit Ausrüstung versorgt.
    Quelle: picture alliance / AA

    Jeder der inzwischen über 1,2 Millionen ukrainischen Soldaten hat Verwandte und Freunde, die ihm bei der Beschaffung der Ausstattung unterstützen. Durchschnittlich wird Ausrüstung im Wert von 2.000 Euro aus dem sozialen Umfeld organisiert, wenn ein Soldat zur Front ausrückt. Es beginnt bei den Stiefeln, geht über kugelsichere Westen bis hin zu Helmen oder Gasmasken.
    Es ist nicht so, dass die ukrainische Armee ihre Soldaten nicht ausstatten würde. Doch allein bei ballistischen Helmen kosten die Top-Modelle bis zu 400 Euro mehr als die von der Armee bereitgestellte Einheitsware. Und wer zur Front geht, will nicht am Helm sparen, wenn er über bessere Alternativen verfügen kann.

    Wunschliste der Soldaten: Lieblingsessen, Glücksbringer, Funktionsunterwäsche

    Und so hat sich ein zweites Versorgungsnetz in der Ukraine ausgebildet. Freunde und Verwandte versorgen direkt einzelne Einheiten und Soldaten. Und das seit über acht Monaten. "Die Wunschlisten sind lang, von Lieblingsspeisen über Glücksbringer bis zu Funktionsunterwäsche für den Winter", sagt Wolodymyr Wolyk, ein Germanist, der nun die 85. Panzerbrigade unterstützt. Sie ist im Donbass im Einsatz.
    Besonders beliebt und schwierig zu besorgen, sind VW-Busse. Sie dienen den Soldaten auch für den schnellen Abtransport von Verletzten. Und fast jede Einheit hat Bedarf an diesen Fahrzeugen. Ihre Verweildauer im Fronteinsatz beträgt oft nur wenige Wochen. Dann sind die Busse kaputt und zerschossen.
    Seit Wochen sucht Wolodymyr die Automärkte um Kiew ab. Den letzten Bus, den er noch finden konnte, hatte einen Motorschaden. Jetzt überlegt er, einen kostengünstigen Mechaniker zu suchen.
    Ukraine - Zerstörung in Kiew
    Wie bereitet sich die Ukraine mitten im Krieg auf den bevorstehenden Winter vor? 27.10.2021 | 14:52 min

    Schaufel als wichtiges Ausrütungsmittel zum Ausheben von Schützengräben

    Doch oft brauchen Soldaten einfachere Dinge. Ein Soldat, der an der Südfront bei Mykolaiv dient, erzählte uns:

    Mein wichtigstes Ausrüstungsteil - mein bester Freund - das ist meine Schaufel.

    Ukrainischer Soldat

    Was wie ein Witz klingt, beschreibt doch recht zutreffend, den Alltag vieler Soldaten an der Front: Sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit dem Ausheben von Schützengräben. Gerät ein Frontabschnitt durch russische Angriffe unter Druck, muss es Rückzugspositionen geben.
    Wurden diese nicht zuvor angelegt, dann ist es im Ernstfall meist zu spät, um eine ernsthafte Verteidigungslinie aufzubauen. Die Einheit wäre dem vorrückenden Feind schutzlos ausgeliefert. Die Bedeutung von guten Militärspaten muss nicht weiter betont werden. Auch sie sind in ukrainischen Militärshops schwer zu finden.

    Ukrainische Soldaten müssen lange auf Nachschub warten

    Häufig dauert es Soldaten zu lange, bis der Nachschub die benötigten, im Vergleich zu Munition und Waffen eher nachrangig eingeschätzten Dinge, liefert. Sie bitten lieber Familie und Freunden dies zu besorgen. Die Übergaben finden meist fernab der Stellungen im Hinterland statt.
    Sergij, der für seine kämpfenden Freunde ein spezielles Modell der Firma Lowa sucht, sagt:

    Mein größtes Problem zurzeit ist das Beschaffen von festen, modernen Stiefeln.

    Sergij

    "In den Farben beige und dunkelgrün gibt es in der Ukraine keinen einzigen Schuh mehr in den gängigen Größen", meint Sergij. Er habe Freunde und Verwandte im Ausland um Hilfe gebeten, doch auch sie hätten bei Händlern nur leere Lager vorgefunden, sagt er. "Alles in der Ukraine" lautete die Antwort.
    Gerade jetzt im Herbst ist der Bedarf an gutem Schuhwerk in den Schützengräben groß und nicht jeder Fuß passt in die Einheitsstiefel, die von der Armee ausgegeben werden.

    Ukrainische Soldaten brauchen Stiefel, Unterwäsche und Winterjacken

    So sind Millionen von Ukrainern jetzt auf der Suche nach Stiefeln, Unterwäsche oder Winterjacken. Kosten scheuen sie dabei selten, obwohl viele von ihnen sich gerade selbst in schwieriger finanzieller Lage befinden. Doch wenn eigene Angehörige im Kriegseinsatz sind, dann wird versucht an anderer Stelle zu sparen.
    Und diese private Hilfsbereitschaft ist ein echter Faktor bei der Versorgung der ukrainischen Armee geworden.
    Dara Hassanzadeh berichtet als ZDF-Reporter aus der Ukraine
    Thema

    Aktuelle Nachrichten zur Ukraine