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Kommentar zu Holocaust-Gedenktag - Steinmeiers schwieriges Versprechen

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In Yad Vashem kann man schnell sprachlos werden. Bundespräsident Steinmeier hat heute richtige Worte gefunden. Aber auch ein Versprechen erneuert, das noch gar nicht gehalten wird.

In deutlichen Worten erinnert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die ermordeten Juden in NS-Konzentrationslagern und an die Schuld der Deutschen. In einer Gedenkfeier senden auch andere Staatsgäste ein Signal: Es dürfe keinen Schlussstrich geben.

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Wer in Yad Vashem war, kennt dieses Gefühl. Man tastet sich in die stockdunkle Glaskuppel, sieht die Kerze und den Sternenhimmel am Kuppeldach, der durch das brechende Licht in den Glasscheiben entsteht. Für jedes ermordete Kind ein Stern, deren Namen in Endlosschleife vom Tonband vorgelesen werden. Und wer es nicht mehr aushält und die Kuppel verlässt, steht im Garten der Gerechten. Für jeden Menschen ein Baum, der Juden im Nationalsozialismus versteckt, gerettet oder das zumindest versucht hat. Egal, ob es einer war oder viele. Wer sich davon nicht anrühren lässt, ist ein Klotz. Wer sich nicht fragt: Was hätte ich damals gesagt, gefühlt, getan, ist ein noch viel größerer.

Es ist verständlich, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier heute an diesem Ort sagt: Er stehe dort zuerst als Mensch. "Ich stehe vor ihrem Denkmal. Ich lese ihre Namen. Ich höre ihre Geschichte. Und ich verneige mich in tiefer Trauer." 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, nach dem Ende des Holocausts mit Millionen Toten, darf Steinmeier als erster deutscher Bundespräsident dort sprechen. Steinmeier, der Mensch. Aber eben auch: Steinmeier, der Deutsche.

"Bösen Geister in neuem Gewand"

Der Bundespräsident spricht von der Dankbarkeit, dass Israel und die Welt Deutschland wieder vertraut. Dass es in Deutschland wieder jüdisches Leben gibt. "Ich bin beseelt vom Geist der Versöhnung", sagt Steinmeier. Und muss doch zugestehen: Antisemitismus ist kein Randphänomen in diesem Land heute. Steinmeier nennt ihn: Jüdische Kinder werden auf dem Schulhof bespuckt, jahrhundertealte Vorurteile über den "Juden an sich" auf Facebook und Co. gepostet, der Anschlag auf die Synagoge in Halle. "Die bösen Geister zeigen sich in neuem Gewand", sagt Steinmeier. Deutschland werde "sich selbst nur dann gerecht, wenn es seiner historischen Verantwortung gerecht wird". Also, sagt er beim Holocaust-Gedenkforum vor 50 Staats- und Regierungschefs, wolle er "vor den Augen der Welt" ein Versprechen erneuern: "Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben!"

Sehen Sie hier Steinmeiers ganze Rede.

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Für den Augenblick mag dieses Versprechen genügen und eingebunden in ein Gebet des Alten Testamentes, von ihm vorgetragen in hebräischer Sprache, auch anrühren. Es ist die Selbstverständlichkeit jüdischer Traditionen, die seit dem Holocaust nicht mehr Teil deutschen Alltags sind. Und wir halten diese Versprechen an vielen Stellen im Januar 2020 in diesem Landd nicht. Der Anschlag in Halle wurde möglich, weil die Synagoge nicht ausreichend geschützt wurde. In den vergangenen zwei, drei Jahren sind die antisemitischen Straftaten jedes Jahr in zweistelliger Prozentzahl gestiegen. Mehr als 2.000 im vorigen Jahr. Angesichts von - zum Beispiel - geschätzt 90.000 bis 100.000 Einbrüchen mag das relativ wenig sein. Aber eben nur relativ. Denn auch das ist Realität: Juden zeigen Vorfälle nicht an, weil sie kein Vertrauen in deutsche Ermittlungsbehörden haben. Misstrauen und Antisemitismus sitzen sehr tief.

Es gibt so viel zu tun

Steinmeier hält seine Rede an einem Tag, an dem die deutschen Behörden mit Combat 18 eine der übelsten Neonazitruppen verbieten. Gut so. Gewaltbereite Netzwerke rechter Gruppen, sagt der Extremismus-Experte Hajo Funke, gibt es allerdings immer noch zur Genüge. Steinmeier hält seine Rede an einem Tag, an dem "Du Jude" ein Schimpfwort auf den Schulhöfen ist. Und nur zehn von 16 Bundesländer eine Meldepflicht für solche Vorfälle haben. Steinmeier hält seine Rede, während laut einer Studie nur knapp 60 Prozent der 14- bis 16-jährigen Schüler wissen, was Auschwitz war. Und am Tag, an dem ein Münchener Lehrer jüdischen Glaubens auf Twitter schreibt: "Kann nicht schlafen. Freitag dürfen nur 100 Meter von unseren beiden jüdischen Schulen Neonazis aufmarschieren, um gegen jüdische Traditionen zu demonstrieren, oder eher: um uns Angst zu machen." An einem Tag, an dem über das Gesetz gegen Hass im Netz geredet wird, es aber immer noch nicht unterschrieben ist.

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Es gibt so viel zu tun, damit Steinmeier sein Versprechen halten kann. Und es wäre billig, dabei nur auf die AfD zu schielen. Ähnliches haben übrigens auch schon seine Vorgänger in Israel gesagt und gemahnt. Horst Köhler, 2005: "Dabei müssen wir uns vor allem fragen, ob wir unsere jungen Menschen wirklich erreichen, ob Lehrer, Eltern und Journalisten über den Irrweg des Nationalsozialismus wirksam aufklären." Johannes Rau, 2000: "Aus der Geschichte folgt Verantwortung. Sie beginnt mit der Erziehung in den Schulen und mit der Einrichtung und Pflege von Stätten des Gedenkens." Joachim Gauck, 2015: "Vergiss nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften."

Alles hat seinen Anfang, irgendwo

Es ist der tiefe Abgrund menschlichen Leids, der in Yad Vashem zu spüren ist. Und der mit einem Hass-Post auf Facebook seinen Anfang nehmen kann. Renate Lasker-Harpprecht hat Auschwitz überlebt. Heute ist sie 96 Jahre alt. "Es stinkt mir entsetzlich zu sehen, wie in Europa die Rechten wieder auf dem Vormarsch sind, wie Menschen in Afrika verhungern oder im Mittelmeer ertrinken und so viele gleichgültig wegschauen", schreibt sie in der "Jüdischen Allgemeinen". Und fragt: "Was hat die Welt eigentlich aus Auschwitz gelernt?"

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