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Muss Sterbehilfe möglich sein?

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Palliativmediziner im Interview - Muss Sterbehilfe möglich sein?

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Gian Domenico Borasio ist Palliativmediziner. Vor dem Grundsatzurteil sagt er über Sterbehilfe: Die Rechtslage verhindert, dass Todkranke offen über ihre Wünsche sprechen können.

Aktive Sterbehilfe
Wie geht es weiter mit der Sterbehilfe in Deutschland? Das Bundesverfassungsgericht fällt am Mittwoch ein Grundsatzurteil.
Quelle: Picture Alliance

heute.de: Was genau ist assistierter Suizid beziehungsweise passive Sterbehilfe?

Prof. Dr. Gian Domenico Borasio: Beim assistierten Suizid reden wir über eine Hilfe für Menschen, die ihre letzte Lebensphase abkürzen möchten. Weil sie diese Lebensphase als unerträglich qualvoll oder unwürdig betrachten.

Und was unerträglich qualvoll ist, kann natürlich nur derjenige selber sagen, den es betrifft. Dann darf der Arzt - wenn es in seinem Land erlaubt ist - ein Rezept für ein tödliches Mittel ausschreiben, das der Patient selbst nehmen kann.

heute.de: Wer könnte assistierten Suizid in Anspruch nehmen wollen?

Borasio: Es gibt wirklich Sachen am Lebensende, die man sich lieber nicht vorstellen möchte. Und doch gibt es sie. Für diese Patienten sollten wir eine humane Antwort haben. Und die kann nicht lauten: Leiden gehört eben zum Leben dazu.

Wie wollen wir sterben? Noch in den letzten Lebenswochen erfahren viele Patienten strapazierende Behandlungen.

Beitragslänge:
25 min
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heute.de: Wie viele Menschen befinden sich in Deutschland in solch einer Situation?

Borasio: Schätzungen zufolge dürften davon etwa zwei Prozent aller Sterbefälle betroffen sein: immerhin fast 20.000 Menschen. Und das sind so viele, dass wir nicht einfach sagen können: Wir brauchen uns um diese Menschen nicht zu kümmern.

Sterbehilfe - die Rechtslage

heute.de: Warum halten Sie die jetzige rechtliche Regelung für nicht ausreichend?

Borasio: Wer mehr als einmal assistiert, macht sich bislang in Deutschland strafbar, so der Paragraph 217 des deutschen Strafgesetzbuches. Angehörige und Nahestehende ausgenommen. Damit soll kommerzielle Sterbehilfe verhindert werden.

Die Patienten müssen die begründete Angst haben, ihren Arzt in Schwierigkeiten zu bringen, wenn sie das Thema auch nur ansprechen.

Tatsächlich verhindert das Gesetz das Arzt-Patienten-Gespräch über einen eventuellen Suizidwunsch. Denn die Patienten müssen die begründete Angst haben, ihren Arzt in Schwierigkeiten zu bringen, wenn sie das Thema auch nur ansprechen. Wenn aber Patienten nicht mit uns reden, können wir ihnen auch keine Alternativen aufzeigen.

heute.de: Woher kommen die starken Vorbehalte, das Gesetz zu ändern?

Borasio: Dafür gibt es viele Gründe: historische Vorbehalte. Und zum Teil wird bewusst der Unterschied zwischen Tötung auf Verlangen und dem assistierten Suizid verwischt. Die Tötung auf Verlangen ist tatsächlich gefährlich. Aber darum geht es nicht in der deutschen Debatte.

Sterbehilfe - die wichtigsten Begriffe

heute.de: Halten Sie Befürchtungen bezüglich eines Dammbruchs für abwegig?

Borasio: Ich bin persönlich ein strikter Gegner der Tötung auf Verlangen. Ich halte sie für gefährlich, und ich halte die Gefahr eines Dammbruches für absolut realistisch. Aber wenn man sich schützen möchte gegen die Tötung auf Verlangen, kann man das aus meiner Sicht und aus Sicht der wissenschaftlichen Daten nicht tun, indem man einfach alles verbietet.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe live am Mittwoch ab 9.50 Uhr:

Zum Urteil aus Karlsruhe -
ZDF spezial - Urteil zur Sterbehilfe
 

Hat jeder Mensch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod? Wer darf mir beim Sterben helfen? Diese Fragen beantwortet das Bundesverfassungsgericht mit seinem Grundsatzurteil zur Sterbehilfe.

Videolänge:
40 min

heute.de: Was gilt es stattdessen zu tun?

Borasio: Man muss diesen Menschen, die in dieser verzweifelten Lage am Lebensende sind, erstens maximale palliativmedizinische Unterstützung geben. Aber zweitens auch eine ethisch vertretbare Alternative bieten, mit der sie nach einem Beratungsprozess die Möglichkeit haben, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden.

Und das ist nicht die Tötung auf Verlangen, das ist der assistierte Suizid, wie er in Oregon praktiziert wird. Dort gibt es eine staatlich kontrollierte Prozedur, mit der zwei Ärzte unabhängig voneinander kontrollieren, ob die Menschen wirklich frei verantwortlich entscheiden.

Tötung auf Verlangen auch bald in Deutschland?

Beitragslänge:
7 min
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Zusätzlich stellen sie sicher, dass alle Möglichkeiten der Palliativmedizin angeboten und ausgeschöpft wurden. Und am Ende dieses Prozesses steht dann die Verschreibung einer tödlichen Dosis eines Medikamentes.

Interessanterweise nehmen ein Drittel dieser Menschen dann das Medikament nicht und sterben eines natürlichen Todes. Das heißt, eine solche Option kann nachweislich Suizide verhindern - auch gewaltsame Suizide, die natürlich andere Menschen in dieses Leid hineinreißen können: Lokführer, U-Bahn-Schaffner und nicht zuletzt die ganze Familie.

Das Interview führte Barbara Ludewig für die ZDF-Redaktion WISO.

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