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"Ein großer, real existierender Albtraum"

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Flüchtlingsleid in Syrien - "Ein großer, real existierender Albtraum"

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Unicef prangert "abscheuliche" Kriegsverbrechen an Zivilisten in der syrischen Region Idlib an. Heute.de hat mit Geflüchteten über ihr Leid und ihren Überlebenskampf gesprochen.

Archiv: Zivilisten flüchten aus Idlib, aufgenommen am 15.02.2020
Menschen flüchten aus Idlib. Die meisten Kinder kennen kein friedliches Syrien.
Quelle: AP

Amal kann sich kaum noch an ein friedliches Syrien erinnern. Die junge Frau hat beinahe die Hälfte ihres Lebens im Krieg leben und in zahllosen Situationen Todesangst spüren müssen: bei Attacken von Heckenschützen, während Bombenangriffen und in den langen Monaten, als ihr Wohnviertel in Homs durch die syrische Armee abgeriegelt worden war.

Ich höre immer noch die Stimmen der Kinder, die vor Hunger geschrien haben - und ich sehe die Gesichter ihrer Mütter, über die Tränen gelaufen sind, weil sie die Kleinen kaum noch ernähren konnten.
Amal, syrischer Binnenflüchtling

Geflüchtete schutzlos zwischen den Frontlinien

Die schreckliche Zeit des Aushungerns liegt hinter ihrer Familie, die alte Heimat aber ist für sie verloren. Die 20-jährige Amal und ihre Angehörigen zählen zu den circa 6,6 Millionen Binnenflüchtlingen in Syrien. Vorläufige Bleibe hat die Familie in einem Dorf im syrisch-türkischen Grenzgebiet gefunden. Doch auch hier droht Unheil. Denn in der Region wüten seit Monaten heftige Kämpfe, weil Syriens Machthaber Baschar al-Assad mithilfe vor allem russischer Alliierter eine Großoffensive auf Idlib gestartet hat.

Es ist das letzte syrische Rückzugsgebiet verbliebener Teile der oppositionellen Freien Syrischen Armee einerseits und radikal islamistischer Kampftruppen andererseits. Die Türkei unterstützt bestimmte Rebellengruppen und kämpft in der Region inzwischen selbst aktiv gegen Assads Armee. Zwischen den Kampflinien harren nahezu schutzlos mehrere Millionen Zivilisten aus.

Archiv: Zerstörte Gebäude am 15.01.2020 in Idlib

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Unicef: Glaubhafte Berichte über erfrorene Kinder in Idlib

Deren Lage werde von Tag zu Tag schlimmer, berichtete Henrietta Fore, Direktorin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef), zu Beginn dieser Woche dem UN-Sicherheitsrat in New York: "Über 900.000 Menschen, darunter mehr als eine halbe Million Kinder, sind seit Dezember vor der Eskalation der Gewalt im Nordwesten Syriens geflohen - fort von zu Hause und in Gefahr." Zehntausende leben in einfachen Zelten oder gar im Freien, "dicht gedrängt unter Bäumen", so Fore.

Wie Vertreter anderer Hilfsorganisationen berichtet auch die Unicef-Direktorin von erfrorenen Kindern in der Region Idlib. Fore prangerte zudem "die jüngsten Bombardierungen von notdürftigen Lagern und Schulen in Idlib" als "verwerflich und abscheulich" an. Das Leid der Zivilisten im Kampfgebiet sei kaum zu fassen: In den vergangenen zwei Jahren seien bereits 2.000 Kinder in den Kämpfen getötet worden. Fore appellierte eindringlich an die Mitglieder des Sicherheitsrates, endlich die "Kinder Syriens" zu schützen.

Schutzlos Regen, Schnee und Eiseskälte ausgesetzt

Amal sieht tagtäglich mit eigenen Augen, wie viele Geflüchtete schutzlos Regen, Schnee und Kälte ausgesetzt sind. "Es ist ein großer, real existierender Albtraum“, sagt sie. Hilfsorganisationen betrachten die humanitäre Lage in der Region Idlib als "katastrophal“. Für die jüngst hinzugekommenen fast eine Million Geflüchteten gebe es kein funktionierendes Hilfsprogramm.

"Wir müssen uns irgendwie selbst helfen“, bestätigt Bilal Makhzom die Lage. Der 31-jährige Sanitäter musste mit seiner Familie vor einigen Wochen selbst Hals über Kopf seine Heimatstadt Maaret an-Numan verlassen. "Aber die Bombenangriffe waren zu stark geworden – wir mussten raus“, sagt er mit Tränen in den Augen.

Ich habe mir so etwas nie vorstellen wollen, ich liebe mein Zuhause.
Bilal Makhzom, syrischer Binnenflüchtling
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Solidarische Hilfe unter Geflüchteten

Makhzom sagt, dass er sich noch zu den Glücklicheren im Unglück zähle. Die Familie verfüge noch über Ersparnisse, habe eine kleine Wohnung anmieten können und könne befreundete Familien mit beherbergen. "Insgesamt sind wir 25 Leute unter einem Dach", sagt Makhzom. Es gibt kein fließendes Wasser, keine funktionierende Heizung, aber immerhin haben sie Winterkleidung und Wolldecken, um sich und ihre Kinder warm zu halten.

In Eigenregie und mithilfe eines Geschäftsmannes bauen sie im Eilverfahren einfache Unterkünfte aus Stein für jene Familien, die derzeit noch unter freiem Himmel campieren müssen. "Wenn wir es nicht tun, macht es niemand“, sagt Makhzom, müde und gezeichnet von den Strapazen der vergangenen Wochen.

Amals Hoffnung auf eine Zukunft

Das Gefühl permanenter Bedrohung hinterlässt bei allen Spuren. Im Interview mit heute.de berichtet auch Amal, wie sehr ihr das Leben im permanenten Ausnahmezustand an manchen Tagen zusetze. Sie habe dann Mühe, sich zusammenzunehmen. Sie seufzt, bevor ein schüchternes Lächeln auf ihr Gesicht zurückkehrt: "Es gibt zum Glück auch hellere Tage, an denen ich mir sage: Es muss doch irgendwie weitergehen, oder?!"

Am Donnerstagabend (05.03.) haben Russland und die Türkei eine Waffenruhe in Idlib vereinbart. Kurz vor dem Ultimatum feuerten die Parteien noch Raketen ab:

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