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Berufungsprozess - Nächste Runde: Streit über "Judensau"-Relief

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Erfüllt das Wittenberger Schmährelief "Judensau" aus dem 13. Jahrhundert den Tatbestand der Beleidigung? Der juristische Streit darüber geht heute in die nächste Runde.

Antijüdisches Relief an Luthers Kirche.
Die sogenannte "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche.
Quelle: Hendrik Schmidt/zb/dpa

Als "Mutterkirche der Reformation" hat die Stadtkirchengemeinde in Wittenberg ein reiches Erbe angetreten. Doch zu diesem Erbe der einstigen Predigtkirche des Reformators Martin Luther (1483-1546) gehört auch ein sehr verstörendes Schmährelief aus dem 13. Jahrhundert an der Fassade des Gotteshauses: eine "Judensau".

Seit Jahrzehnten wird der Umgang mit dem vergleichsweise unscheinbaren, aber in seiner historischen Bedeutung und Aussage doch größerem Sandsteinrelief thematisiert. Vor dem Hintergrund einer Zunahme des Antisemitismus im Land häuften sich zuletzt die Stimmen, die sich klar für eine Abnahme der Figur aussprechen.

Erste Instanz: Tatbestand der Beleidigung nicht erfüllt

Von heute an wird sich das Oberlandesgericht in einem Berufungsprozess mit diese Frage beschäftigen. Der Kläger, Mitglied einer jüdischen Gemeinde, fühlt sich von dem Schmährelief beleidigt und verlangt die Entfernung.

In der Vorinstanz hatte das Landgericht Dessau-Roßlau im Mai 2019 seine Klage abgewiesen. Das Relief sei Bestandteil eines historischen Gebäudes und befinde sich nicht unkommentiert an der Stadtkirche. Den Tatbestand der Beleidigung sah das Gericht nicht als erfüllt an. Das Relief verbleibt somit vorerst Bestandteil des Gotteshauses.

Ein antisemitisches Relief an der Predigtkirche von Martin Luther. Die einen wollen die sogenannte "Judensau" aus dem 14. Jahrhundert im Lutherjahr endlich entfernt haben, andere sehen darin Kulturgeschichte.

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Im Mittelalter sollte das Relief Juden vertreiben

Das Relief an der Stadtkirche St. Marien ist als "Judensau" weithin bekannt, ein Schimpfwort an sich. In der Debatte ist auch von "Luthersau" die Rede, wegen einer nachträglich ergänzten Inschrift, die Bezug nimmt auf eine antisemitische Schrift Luthers.

Die Skulptur, in einigen Metern Höhe an der Fassade, zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein. Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter davon abgeschreckt werden, sich in der Stadt niederzulassen.

Gedenktafel soll Schmährelief einordnen

Ähnliche Spottskulpturen finden sich an mehreren Dutzend weiteren Kirchen in Deutschland - aber die zum Unesco-Welterbe gehörende Stadtkirche steht nicht zuletzt wegen ihrer Bedeutung besonders im Fokus. Die Kirchengemeinde hatte sich bereits in den 1980er Jahren umfassend mit dem Relief befasst und sich damals für den Verbleib an der Fassade entschieden.

Es wurde damals eine "Stätte der Mahnung" vor der Südfassade der Kirche eingerichtet: eine Gedenktafel, eine Hinweistafel und eine Zeder als Symbol des Friedens sollen das Relief einordnen und zeigen, dass sich die Gemeinde klar von Antisemitismus und Antijudaismus distanziert habe.

Landesbischof für Abnahme der Schandplastik

Ein Modell, das aus Sicht des Landesbischofs der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Friedrich Kramer, heute aber nicht mehr funktioniert. Er plädiert für die Abnahme des Schandreliefs und für ein neues Denkmal vor Ort, aber eben nicht dafür, dass die "Luthersau" im Museum verschwindet.

Wir können Erinnerungsfragen nicht juristisch klären.
Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland


Mit Blick auf die juristische Auseinandersetzung sagt Kramer: "Wir können Erinnerungsfragen nicht juristisch klären." Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sprach sich für die Entfernung der umstrittenen Sau-Figur aus. "Die Judensau gehört ins Museum", sagte er am Dienstag in Berlin. An die Stelle an der Stadtkirche solle eine größere Hinweistafel, die die Abnahme des Reliefs einordnet. "Das wäre ein guter Beitrag, den die Evangelische Kirche zur Überwindung des Antisemitismus leisten könnte."

Fronten verhärtet durch den Streit vor Gericht

"Niemand in der Stadtkirchengemeinde ist glücklich über dieses Erbe", sagt Stadtkirchenpfarrer Johannes Block, der sich in der Position sieht, die Entscheidung des Gemeindekirchenrates zum Erhalt der "Wittenberger Judensau" am Originalort immer wieder erläutern und verteidigen zu müssen.

"Die Stadtkirchengemeinde Wittenberg bedauert ausdrücklich, wenn Menschen sich von der antijüdischen Schmähplastik verletzt oder beleidigt fühlen", hieß es in einer am Samstag veröffentlichen Erklärung der evangelischen Kirchengemeinde.

Durch die gerichtliche Auseinandersetzung scheinen sich die Fronten verhärtet zu haben, beobachtet Block. Auch er möchte eine Weiterentwicklung der Gedenkkultur vor Ort, mehr Versöhnung und den Blick nach vorn schärfen. Nun müsse aber zunächst abgewartet werden, wie das Oberlandesgericht Naumburg entscheidet. Ein rasches Urteil wird nicht erwartet. Unabhängig vom Ausgang des Gerichtsverfahrens werden die Gespräche zum Umgang mit dem schwierigen Erbe wohl weitergehen.

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