Sie sind hier:

Nach den Krawallen in Stuttgart - Das "Pulverfass" Jugend ohne Perspektive

Datum:

Wie konnte es zu den Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt kommen? Warum greifen Jugendliche Polizisten und Geschäfte an? Erklärungsversuche zweier Streetworker.

Polizisten in Stuttgart.
Polizisten in Stuttgart.
Quelle: Simon Adomat/dpa

Die Ereignisse in der Stuttgarter Innenstadt in der Nacht zum Sonntag schlagen weiterhin hohe Wellen. Heute besucht Innenminister Horst Seehofer den Ort des Geschehens. Für Ihn gehe es um die "Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats", und er fordert "harte Strafen" für überführte Täter.

Bleibt die Frage, wie es zu den erschreckenden Szenen rund um den Schlossplatz kommen konnte? Wie die Kontrolle eines 17-Jährigen zu einer wütenden Menge von bis zu 500 Personen führen konnte, die sich gegen die Polizei stellte und mehrere Dutzend Geschäfte beschädigte und plünderte.

"In erster Linie junge Menschen, die feiern wollen"

Simon Fregin und Anna Krass arbeiten als Streetworker in Stuttgart. Sie kennen die Gegend um Rotebühl- und Schlossplatz und wissen, was Jugendliche am Wochenende hier suchen. "Das sind in erster Linie junge Menschen, die feiern wollen," meint Fregin. Es treffen sich Menschen mit verschiedenen Nationalitäten, Schulabschlüssen und Geschichten.

Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie jung sind und Spaß haben wollen
Anna Krass, Streetworkerin

Zukunftsangst und Perspektivlosigkeit

Immer wieder wird auch der Migrationshintergrund der Beteiligten und auch der Festgenommenen thematisiert. 13 der 24 Festgenommenen haben laut der Polizei einen Migrationshintergrund. Eine Augenzeugin erklärt gegenüber ZDFheute, dass es sich bei der Personenmenge "überwiegend" um junge Ausländer gehandelt habe. Für Streetworker Fregin spielt das jedoch nur eine Nebenrolle: "Es ist eher die Frage: Welche Perspektive habe ich, was kann ich mit meinem Leben anfangen, was für ein Bild habe ich gerade vom Staat oder der Polizei, was für Erfahrungen habe ich gemacht."

Eva Schiller aus dem ZDF-Studio in Stuttgart und Shakuntala Banerjee aus dem ZDF-Studio in Berlin zu den Ausschreitungen in Stuttgart.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Es sei wichtig für die Jugendlichen, einen klaren Plan für ihr Leben zu haben. Wenn dieser fehle, gepaart mit Langeweile und den Einschränkungen der Corona-Krise in den letzten drei Monaten:

Dann entsteht dieses explosive Pulverfass, was wir jetzt gesehen haben und was uns in diesem Ausmaß auch überrascht hat.
Simon Fregin, Streetworker

Aggressivität wächst in der Corona-Zeit

Simon Fregin war vor drei Wochen zuletzt unterwegs auf dem Platz. Auch damals waren Jugendliche unterwegs, tranken Alkohol und feierten. Als die Polizei die Gruppe dann aufforderte zu gehen, verlief das nicht ohne Widerstand.

Da haben sich die jungen Menschen auch durchaus mal aufgebaut und gesagt‚ nein, ich gehe jetzt nicht, ich war drei Monate zu Hause, ich habe keinen Bock zu gehen.
Simon Fregin, Streetworker

Auch damals sei schon mehr Aggression zu spüren gewesen. Die Intensität und die Qualität der Randale habe aber trotzdem alle überrascht.

Auch die Proteste in den USA tragen ihren Teil bei

Es seien auch die Bilder der Proteste aus den USA, die auf die Jugendlichen wirken. Die Jugendlichen sehen, dass man sich dort gegen Repressionen durch die Polizei wehrt. "Und das ist glaube auch etwas, was solche Geschehnisse verstärkt. Vielleicht gar nicht, weil man mitmachen will, sondern weil man das beste Video haben will." Plötzlich stehe da eine Menschenmasse, die mit dem Handy filmt, und das stachele dann die an, die gewalttätig sind. "Niemand käme auf die Idee, wenn hier ein Streifenwagen langfährt, die Scheibe einzuschlagen. Aber wenn 20 Kameras auf mich gerichtet sind und ich angefeuert werde. Dann kann das schnell hemmungslos werden." Alkohol sei dabei ein Katalysator.

Können sich die Ereignisse in Stuttgart wiederholen?

Die beiden Streetworker hoffen, das Polizei und Stadt jetzt die richtigen Schlüsse aus den Ereignissen ziehen. Sicherlich werde es am nächsten Wochenende mehr Polizeistreifen geben. Man müsse jetzt gesamtgesellschaftlich sehen, wie man sich gegenseitig unterstützen könne und müsse mit den Jugendlichen die Ereignisse aufarbeiten.

Zu einer Wiederholung könne es nur kommen, wenn die Ereignisse weiter hochgeschaukelt werden, meint Fregin:

Also wenn jetzt alle anfangen, sich noch mehr gegenseitig die Schuld zu geben. Dann wird auch die Agressivität wiederkommen. Wir müssen jetzt eher nach dem Warum fragen und da gemeinsam ansetzen.
Simon Fregin, Streetworker
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.