ZDFheute

"Wissenschaft spielt nicht die erste Geige"

Sie sind hier:

Suche nach Atomendlager - "Wissenschaft spielt nicht die erste Geige"

Datum:

Endlich raus: Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt" ist froh, dass Gorleben bei der Standortesuche für ein Atomendlager nicht dabei ist. Aber er befürchtet neue Fehler.

Lange galt der Salzstock Gorleben als Favorit für ein Atommüll-Endlager. Nun wurde der Standort endgültig ausgeschlossen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Gorleben ist raus, ein Triumph für alle Bürgerproteste in den vergangenen Jahrzehnten?

Jochen Stay: Es ist auf jeden Fall ein Erfolg und erfreulich, dass ein 43 Jahre alter Fehler jetzt geheilt ist. Die Kehrseite ist, dass ich mir nicht sicher bin, dass mit dem aktuellen Verfahren nicht wieder neue Fehler passieren.

ZDFheute: Welche?

Stay: Dass am Ende wieder ein Standort ausgewählt wird, der eben nicht der am besten geeignete ist.

ZDFheute: Alle versichern, dass jetzt nur rein wissenschaftliche Kriterien gelten. Was macht Sie misstrauisch?

Stay: Die Kriterien sind nicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern festgelegt worden, sondern politisch von Landesministerinnen und -ministern in der Atommüllkommission. Da hatte jedes Land Kriterien reinverhandelt, die das eigene schützt. Der Kompromiss am Ende hat dazu geführt, dass sie nun relativ unspezifisch sind, die so oder so ausgelegt werden können.

ZDFheute: Politischer Streit ist programmiert?

Stay: Am Ende entscheidet der Bundestag. Nicht nur Bayern, auch schon viele andere Länder und Landkreise haben angekündigt, dass sie Mehrheiten im Bundestag organisieren werden, wenn ihre Region vorgeschlagen werden sollte. Dieses Verfahren ist nicht davor gefeit, dass die wissenschaftlichen Kriterien eben nicht die erste Geige spielen.

Am Ende könnte das Bundesland den Standort bekommen, das die geringste Hausmacht im Bundestag hat.

ZDFheute: Sie fordern nun auf, dass die Betroffenen in den Teilgebieten, die Daten überprüfen sollen.

Stay: Das Problem ist, dass es die versprochene Transparenz nicht gibt. Es ist nicht möglich, alle Daten einzusehen und in der jetzigen Phase bleiben noch sehr viele geheim. Eine unabhängige Überprüfung der Ergebnisse ist nicht machbar. Das führt zu Misstrauen.

90 Teilgebiete in Deutschland sind nach rein geologischen Kriterien für eine Endlagerung geeignet. Insgesamt sind es damit 54 Prozent der gesamten Landesfläche.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Lügt dann die Bundesgesellschaft für die Endlagerung, die heute ständig gesagt hat, alle Daten seien offen und nachvollziehbar?

Stay: Wenn sie das sagt, dann lügt sie. Im Geologiedatengesetz steht, dass nicht alle Daten offen sind. Die BGE stellt sehr viele Informationen zur Verfügung, aber das ist nicht gleich Transparenz.

Man kann Menschen auch mit Informationen zuschütten und wesentliche geheim halten.

ZDFheute: Rechnen Sie mit Protesten in den Teilgebieten, eine Art Gorleben II?

Stay: Zum jetzigen Zeitpunkt sind viele überrascht, dass es sehr große Gebiete sind. Das kann dazu führen, dass viele sagen, jetzt warten wir erst einmal ab. Interessant wird es im zweiten Teil der ersten Phase, wenn die BGE für die obertägige Erkundung auf sehr wenige Regionen eingrenzen muss. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie das gehen soll.

Die Bundesregierung sucht nach einem Endlager für Atommüll. Gorleben scheidet aus, 90 andere Gebiete sind noch auf der Liste.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDFheute: Warum?

Stay: Weil die BGE an vielen Stellen keine eigenen geologischen Daten hat, weil es keine gibt. Es wurde mit Referenzdaten gearbeitet. Also Ton zum Beispiel verhält sich normalerweise so, also auch so in dieser Region. Dann wurde mit Drei-D-Modellen gearbeitet, um zwei Punkte zu verbinden: Hier ist das Gestein so tief, also da auch.

Das ist alles extrem ungenau.

Mit dieser gleichen Datengrundlage wie jetzt soll die viel strengere Auswahl getroffen werden, bevor es überhaupt eine Bohrung gibt. Wie das funktionieren soll, ist mir wirklich ein Rätsel.

ZDFheute: Hat Sie überrascht, dass die Nordsee auch ein geeignetes Teilgebiet für ein Endlager ist?

Stay: Ja, schon. Aber das ist alles natürlich auch eine taktische Frage. Die BGE hat erst einmal nur die Gebiete ausgeschlossen, wo es wirklich eindeutig ist und hat auch die drin gelassen, über die man wenig weiß. Jetzt kann man das so machen. Beim nächsten Schritt wird das umso problematischer.

ZDFheute: Und der Protest umso größer?

Stay: Wenn es dann nur noch acht bis zwölf Regionen gibt, wie viel genau steht ja nicht im Gesetz, dann ist das angreifbar. Dann werden diejenigen, die im Verfahren drin bleiben, sagen: Warum wir und die nicht? Wenn man das dann nicht nachweisen kann und keine eigenen geologischen Daten hat, ist das extrem strittig. Die noch drin sind, werden viele Punkte finden, um die Entscheidung anzuzweifeln.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

Während in Deutschland wieder über die sichere Endlagerung von Atommüll diskutiert wird, blicken wir in unsere Nachbarländer Finnland, Tschechien und Frankreich. Wie gehen sie mit radioaktiven Abfällen um? Und was läuft dort anders?

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.