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Diakonie: Bargeld ist effektivere Hilfe

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Syrien-Geberkonferenz - Diakonie: Bargeld ist effektivere Hilfe

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Vera-Magdalena Voss leitet das Syrien-Büro der Diakonie-Katastrophenhilfe. Im Interview spricht sie über verheerende Armut und weshalb sie lieber Bargeld als Lebensmittel verteilt.

Situation in Idlib
Situation in Idlib
Quelle: dpa

Unter dem gemeinsamen Vorsitz der Europäischen Union und der Vereinten Nationen findet derzeit die vierte Konferenz zur Unterstützung Syriens und seiner Nachbarländer statt. Angesichts der Corona-Pandemie geschieht dies zum ersten Mal als eine Art "virtueller Gipfel".

In den vergangenen drei Jahren kam die internationale Gemeinschaft jeweils in Brüssel zusammen, um finanzielle Mittel in Milliardenhöhe zur Finanzierung der von den Vereinten Nationen erstellten Hilfspläne für Syrien und die Region einzuwerben. Bei der Geberkonferenz 2019 kam wurden rund sieben Milliarden Euro für humanitäre Hilfen zugesagt.

ZDFheute: Nach neun Jahren Krieg in Syrien sind elf Millionen Menschen im Land von humanitärer Hilfe abhängig. In welcher Verfassung erleben Sie die Menschen?

Vera-Magdalena Voss: Sehr viele sind völlig verzweifelt. Ihr Leben ist nach so vielen Kriegsjahren ohnehin schon schwer, etwa 80 Prozent der syrischen Bevölkerung gelten inzwischen als arm. Und der Verfall der syrischen Währung macht alles noch schlimmer.

Die Lebensmittelpreise steigen stark, die Preise für Medikamente in einigen Teilen des Landes gar um bis zu 600 Prozent.

Hinzu kommen neue Kämpfe in Idlib und die kürzlich wiedererstarkte Terrororganisation IS. Die Corona-Gefahr sorgt für zusätzliche Unsicherheit. Wir mussten die Arbeit in unseren Projekten für mehrere Wochen unterbrechen und dürfen erst seit Anfang Juni weitermachen.

ZDFheute: Die USA haben ihre Sanktionen gegen Syrien zuletzt noch einmal verschärft. Wie wirken sich diese aus?

Voss: Ich denke, der starke Währungsverfall ist eng damit verbunden. Im Vergleich zum US-Dollar hat die syrische Lira inzwischen quasi keinen Gegenwert mehr.

ZDFheute: Sie setzen sich für Bargeldtransfers für dringend Hilfsbedürftige ein. Wollen Sie mit großen Geldkoffern durchs Land reisen und Dollar oder Lira verteilen?

Voss: Um Gottes Willen, nein! Das Geld senden wir an bestimmte und von uns ausgewählte Empfängerkonten. Wir denken: Mit Bargeld können wir gezielter und effektiver Hilfe leisten. Jede Familie weiß selbst, was sie gerade am dringendsten braucht: Schulbücher, Nahrungsmittel, Medikamente. Außerdem wollen wir die lokale Wirtschaft unterstützen.

Wenn wir in einem Dorf Bargeld verteilen, gehen die Menschen zum lokalen Bäcker und Gemüsehändler.

Wenn wir dagegen zentral Lebensmittelpakete beschaffen, haben in der Regel nur wenige große Anbieter etwas davon.

ZDFheute: Wie stellen Sie sicher, dass das Geld bei den Bedürftigen ankommt und nicht etwa bei politischen Organisationen oder Kriegsbeteiligten?

Voss: Wir arbeiten mit Partnerorganisationen zusammen, die lokal stark verwurzelt sind und genau wissen, wer die Hilfe am nötigsten braucht. Bei der Entscheidung, wer wie viel Geld bekommen soll, helfen uns auch Gespräche mit lokalen Verantwortungsträgern und Besuche bei den Bedürftigen daheim. Dort sehen wir, unter welchen Bedingungen die Menschen leben, ob die Angaben stimmen.

Das heißt: Wir prüfen genau, dass das Geld in die richtigen Hände kommt - und nicht Waffen, sondern wichtige Dinge für den Lebensunterhalt gekauft werden.

ZDFheute: Um viel Geld geht es auch bei der aktuellen, vierten Syrien-Geberkonferenz, die zum ersten Mal virtuell veranstaltet wird? Welche Ergebnisse erwarten Sie?

Vor dem Oberlandesgericht Koblenz hat der Prozess gegen zwei mutmaßliche Ex-Geheimdienstfunktionäre des Assad-Regimes begonnen.

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Voss: Finanzielle Unterstützung für die Opfer des Krieges ist das eine. Daneben gibt es den politischen Aspekt: Der Syrien-Konflikt kann nicht militärisch, sondern nur politisch gelöst werden. Doch auf diesem Terrain scheint alles festgefahren.

Wir erwarten deshalb ein stärkeres Engagement der Europäischen Union und dass die Stimmen der Zivilgesellschaft gehört werden. Also dass alle Syrerinnen und Syrer die Chance erhalten, miteinbezogen zu werden, wenn es um das Erarbeiten einer Zukunftsidee für Syrien geht.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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