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Überfüllte Lager, Hunger, Kälte - Syrien erlebt "schlimmste Flüchtlingskrise"

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900.000 Syrer haben sich seit Dezember auf die Flucht begeben. Die Welthungerhilfe warnt: Das Land erlebe gerade die schlimmste Flüchtlingskrise seit Ausbruch des Bürgerkriegs.

In der syrischen Region Idlib zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe unermesslichen Ausmaßes ab: Hunderttausende sind auf der Flucht– doch die Flüchtlingslager sind längst überfüllt.

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Sie suchen Schutz, wo sie ihn nur finden können. In der nordsyrischen Asas hausen die Flüchtlinge sogar auf den Ladeflächen von Lastern, vor Kälte, Wind und Regen nur geschützt durch dünne Plastikplanen, die sie aufgespannt haben. Zum Essen hocken sie sich zwischen Pfützen auf den nassen Boden. "In diesem Lastwagen lebt eine ganze Familie" sagt Rafad Kinnu, Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe in Asas. "Weil sie keine andere Unterkunft haben." Ein paar Meter weiter haben andere im Matsch provisorische Plastikzelte errichtet. Die Flüchtlingslager, die sie aufnehmen könnten, sind längst überfüllt.

Welthungerhilfe: Schlimmste Flüchtlingskrise seit Kriegsbeginn

Den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen gehen langsam die Worte aus, um die Dramatik der Lage im Nordwesten Syriens zu beschreiben. Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien, spricht von der "schlimmsten Flüchtlingskrise" seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor fast neun Jahren, als die ersten Menschen gegen die Regierung protestierten und die Machthaber ihre Sicherheitskräfte losließen.

Geblieben ist von dem Aufstand die letzte große Rebellenhochburg um die Stadt Idlib, die jedoch immer kleiner wird. Seit dem vergangenen Jahr rücken die Truppen von Präsident Baschar al-Assad und deren Verbündete vor, unterstützt von russischen Luftangriffen. Erst in den vergangenen Tagen konnten sie größere Gebiet wieder einnehmen.

Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Idlib - im Norden Syriens - ist die letzte verbliebene Rebellenhochburg.
Quelle: ZDF

Schon jetzt sind nach UN-Angaben seit Anfang Dezember mindestens 900.000 Menschen vor Kämpfen, Bombardierungen und den heranrückenden Assad-Truppen geflohen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Sie versuchen in Gebieten unterzukommen, die wegen früherer Flüchtlingswellen ohnehin schon äußert dicht besiedelt sind. Die Helfer sind oft überfordert. "Wir schaffen es, Hilfe zu bringen", sagt Hegmanns. "Aber es sind unglaublich viele Menschen in kurzer Zeit, da ist es schwierig zu reagieren." So fehlt es an allem: an Unterkünften, Nahrung, Heizmitteln und medizinischer Versorgung.

Kliniken zerstört - mit Absicht?

Auch weil bei Luftangriffen immer wieder Krankenhäuser getroffen werden. Oppositionelle Aktivisten werfen Syrien und seinem Verbündeten Russland vor, gezielt lebenswichtige Infrastruktur anzugreifen, um die Menschen zur Aufgabe zu zwingen.

Archiv: Soldaten der syrischen Armee gestikulieren in ihren Panzerfahrzeugen, aufgenommen am 17.02.2020 in Kafar Hamra, Provinz Aleppo, Syrien.
Syrische Streitkräfte in Kafar Hamra.
Quelle: Reuters

Und als wäre die humanitäre Katastrophe nicht schon groß genug, verschlimmern kalte Wintertemperaturen die Lage noch weiter. Nachts fällt das Thermometer oft unter null Grad. Auf manchen Bildern aus dem Gebiet ist Schnee zu sehen, anderenorts hat Regen den Boden aufgeweicht. Helfer berichten von Kindern, die wegen der Kälte gestorben seien. So wie ein knapp 18 Monate altes krankes Mädchen, das der Vater in ein Krankenhaus in der Stadt Afrin trug, wie ein Arzt der Klinik berichtet: "Als das Mädchen ankam, war sie tot."

Es geht nur noch ums Überleben

Für die Flüchtlinge geht es ums nackte Überleben. Dirk Hegmanns von der Welthungerhilfe sagt:

Die Menschen wissen nicht, wovon sie heute oder am nächsten Tag leben sollen.
Dirk Hegmanns, Welthungerhilfe

Die Region erlebe eine "krasse humanitäre Katastrophe". Viele besitzen nur noch das, was sie bei ihrer Flucht irgendwie mitschleppen konnten.

Satellitenaufnahme vom Flüchtlingslager Heir Hassan, Syrien am 18.02.2020
Satellitenaufnahme vom Flüchtlingslager Heir Hassan.
Quelle: ©2020 Maxar Technologies / Reuters

So wie die Familie von Diab Allusch, 75 Jahre alt, ein Bauer mit Schnauzbart und Zahnlücken, der sich ein rot-weißes Tuch um den Kopf gewickelt hat. Mit seiner Frau und sechs kleinen Kindern ist es aus der Stadt Maarat al-Numan vor Assads Truppen geflohen. Jetzt hausen sie nahe Idlib in einem zerstörten Gebäude, ohne Fenster und Türen, ohne richtige Küche, eine provisorische Toilette draußen. Auf den Gesichtern und Kleidern der Kinder steht der Schmutz. Immerhin, mit gesammelten Holz kann die Familie in einem Raum einen Ofen anheizen. "So etwas (Schlimmes) habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt", sagt Diab Allusch.

Assad triumphiert schon

Die Flucht könnte für ihn wie für viele andere noch nicht zu Ende sein. Assad zeigte sich in dieser Woche in einer Fernsehansprache siegessicher: Seine Truppen würden die Offensive fortsetzen, bis ganz Syrien "befreit" sei. Und die Rebellen waren in der Vergangenheit nicht mehr in der Lage, ihre Gegner aufzuhalten.

Rücken Assads Truppen weiter vor, wird nicht nur die Zahl der Flüchtlinge steigen, sondern das Zufluchtsgebiet immer kleiner. Die Türkei hat ihre Grenzen geschlossen, weil sie schon mehr als 3,5 Millionen Syrer aufgenommen hat. Rafad Kinnu befürchtet das Schlimmste. Er prophezeit:

Wenn das Assad-Regime kommt, bedeutet das ein Massaker.
Rafad Kinnu

Die Menschen würden dann versuchen, in die Türkei zu kommen. "Aber das wird unmöglich sein."

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