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"Es geht nur ums blanke Überleben"

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Idlib-Flüchtlinge berichten - "Es geht nur ums blanke Überleben"

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Assads Militäroffensive um Idlib bringt Hunderttausende Zivilisten in eine verzweifelte Lage. An der Grenze zur Türkei fordern Flüchtlinge freien Weg: "Von Idlib nach Berlin."

Syrische Regierungstruppen haben in der umkämpften Rebellenprovinz Idlib die strategisch wichtige Stadt Sarakeb eingenommen. Derweil hat die Türkei ihre Truppen in der Region verstärkt – sie unterstützt im Syrien-Konflikt die aufständischen Kräfte.

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Amal ist 20, klug, gebildet und voller Tatendrang; ihr stünden in Friedenszeiten viele Wege offen. Aber es gibt keinen Frieden in Syrien und Amals Leben ist in eine Sackgasse geraten. Derzeit harrt die junge Frau mit ihrer Familie in einer Kleinstadt im Norden der umkämpften Metropole Idlib aus. "Wir leben in einem Haus ohne fließend Wasser, ohne Strom und Heizung - und gehören trotzdem noch zu den Glücklicheren", sagt Amal im Telefongespräch.

Unglaublich viele Familien haben hier mitten im Winter überhaupt kein Dach über dem Kopf, sie haben nicht einmal Zelte, sie leben und sterben auf der Straße.
Amal

Fluchtroute führt an geschlossene syrisch-türkische Grenze

Seit Syriens Machthaber Baschar al-Assad mit Hilfe russischer und iranischer Alliierter die Offensive auf Idlib, die letzte verbliebene Rebellenhochburg, verstärkt hat, sind nach Angaben der Vereinten Nationen Hunderttausende Menschen auf der Flucht - in einer Region, in der zuvor bereits etwa 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge nur notdürftig versorgt werden konnten.

In der nordsyrischen Provinz griffen Regierungstruppen türkische Stellungen im Rebellengebiet an. Am Montag dann der Gegenangriff der Türkei. Ankara spricht von 76 getöteten syrischen Soldaten.

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Nachrichtenbilder zeigen chaotische Szenen auf den Straßen, die weg vom Kampfgeschehen führen. Auch Amal und andere Augenzeugen berichten von unüberschaubar großen Wagenkolonnen auf dem Weg zur syrisch-türkischen Grenze. Dort versammelten sich am vergangenen Wochenende Tausende Syrer zu einer Demonstration. Ihre Botschaft: Wir wollen nach Deutschland! "Von Idlib nach Berlin", war auf großen Transparenten zu lesen.

Hilferuf an Europäer: "Lasst uns nicht völlig im Stich!"

"Die Menschen sind verzweifelt, sie treibt die Angst um ihre Kinder und um ihr eigenes Leben", sagt Amal. Ihr Bruder Ali war bei den Protesten an der Grenze, auch wenn er derzeit keine Chance sieht, dass die Türkei syrischen Flüchtlingen den Weg frei gibt.

Es ging eher darum, einen Hilferuf an Deutschland und die Europäische Union zu senden, uns hier nicht völlig im Stich zu lassen.
Ali
Archiv: LKW transportieren Habseligkeiten von vertriebenen Syrern an 30.01.2020 in Idlib
Tausende Menschen machen sich auf den Weg and die syrisch-türkische Grenze.
Quelle: Reuters

Denn in den Flüchtlingslagern an der Grenze zur Türkei herrscht Elend. "Die Menschen haben oft kaum etwas zu essen, kein sauberes Wasser, sie schlafen unter freiem Himmel, Kälte und Regen ausgesetzt", berichtet Ali. Die Türkei und die Europäische Union haben zwar Hilfe versprochen. Die stark steigende Zahl der Hilfsbedürftigen überfordert die Helfer jedoch.

Krieg verfolgt Amal schon ihr halbes Leben

"Die Not ist zu groß, es bricht einem das Herz", sagt Amal, die vor einigen Jahren selbst ihr Zuhause im zerstörten Homs verlor. Ein Mensch von geschätzt sechs Millionen in Syrien, die dieses Schicksal teilen. Amal war noch ein Kind, als syrische Oppositionelle im Frühling 2011 für mehr Rechte auf die Straße gingen und das Regime mit Gewehrschüssen antwortete. Gewalt und Elend verfolgten Amal fast ihre gesamte Teenagerzeit. Nun droht der Krieg sie wieder einzuholen.

Die Geräusche von Luftangriffen und Explosionen machen mich völlig nervös und ängstlich, sie rauben mir den Schlaf.
Amal

Amal sagt, sie versuche trotz aller Unsicherheit klare Gedanken zu bewahren. Noch habe sie ihren Optimismus nicht völlig verloren und manchmal erlaubt sie sich diesen Traum: "Ich möchte reisen, am liebsten in den USA oder England mein Studium fortführen, als Dolmetscherin oder Lehrerin arbeiten und das Leben in der Gesellschaft aktiv mitbestimmen", sagt sie in fließendem Englisch.

Nothelfer in Not

Der Sanitäter Bilal Makhzom aus Maaret an-Numan hat dagegen alle guten Träume verloren. "Es geht nur noch ums blanke Überleben", sagt der kräftige Mann mit gebrochener Stimme. Er berichtet von schweren Luftangriffen auf seinen Wohnort.

Mein ganzes Herz hängt an Maaret an-Numan, ich wollte nie von dort weg, aber am Ende sind wir Hals über Kopf raus aus der Feuerhölle, wie alle anderen auch.
Bilal Makhzom, Sanitäter in Syrien

Seine Worte gehen fast unter im lauten Autohupen um ihn herum.

Makhzom filmt die Szene in seinem aktuellen Zufluchtsort Ma'arrat Misrin wenige Kilometer nördlich von Idlib: Die Straßen sind verstopft von Geländewagen und Transportern, auf die Menschen ihr ganzes Hab und Gut geschnallt haben. Trotz Hupen und Sirenengeheul - nichts geht dort mehr vorwärts.

"Eine Chance, nach Europa zu kommen?"

Der Sanitäter hat heute.de in den vergangenen Jahren regelmäßig von der Situation in der Region Idlib berichtet. Als Nothelfer war er es gewohnt, nach Bombardements mit einem Ambulanzwagen zu Orten des Grauens zu rasen und den Verwundeten beizustehen. Der großgewachsene Mann wirkte beinahe unerschütterlich. Jetzt aber stehen ihm Tränen in den Augen. "Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll", sagt er, bevor er sich mühsam wiederaufrichtet und fragt:

Haben wir eine Chance, irgendwie nach Europa zu kommen?
Bilal Makhzom
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