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Auf der Flucht vor dem Elend - "In Syrien haben wir keine Zukunft"

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Die Zahl der Syrer, die in der EU Zuflucht suchen, ist dieses Jahr um 70 Prozent gestiegen. "In Syrien haben wir keine Zukunft", erzählt eine Syrerin - sie flüchtete über Belarus.

Flüchtlingsdilemma an der Grenze zu Belarus
Seit Wochen versuchen Tausende Migranten und Flüchtlinge, von Belarus über die EU-Außengrenzen nach Polen oder in die baltischen Staaten zu gelangen.
Quelle: AP

Nach 60 Stunden Fußmarsch durch dunkle feuchte Wälder in Polen verrenkte sich Buschra das Knie. Das war nicht der erste Rückschlag auf ihrem Weg nach Deutschland. Doch die 29-jährige syrische Kurdin gab nicht auf.

Noch zwei Tage humpelte sie mit ihrer Freundin bei Regen und eisigen Temperaturen weiter, bis sie ein polnisches Dorf erreichten. Von dort aus nahm sie ein Auto mit über die deutsche Grenze. "Vor etwas weglaufen ist manchmal das einfachste", sagt Buschra, die jetzt in Gießen lebt und dort ihren Asylantrag gestellt hat.

Flucht vor dem Elend

Buschra, die zur Sicherheit ihren vollen Namen nicht nennen möchte, ist das Gesicht einer neuen Generation syrischer Migranten. Nach mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg in Syrien haben sich die militärischen Auseinandersetzungen zwar etwas beruhigt. Ein Ende des politisch bislang ungelösten Konflikts ist aber nicht in Sicht. 

Syrer fliehen nicht mehr vor den Schrecken des Krieges, die 2015 Hunderttausende nach Europa gebracht haben, sondern vor dem Elend der Nachkriegszeit.

Obwohl die Kampfhandlungen in Syrien nachgelassen haben, die Versorgungslage der Menschen ist schlecht: Viele leben in Flüchtlingslager, dem UN-Welternährungsprogramm reichen die Mittel nicht. Nahrungsmangel - neben flächendeckender Zerstörung.

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Ihre Hoffnung in die Zukunft haben sie verloren. Sie leben in jämmerlicher Armut und inmitten von zügelloser Korruption und einer zerstörten Infrastruktur, von Feindseligkeiten, Unterdrückung durch die Regierung und Vergeltungsangriffen von verschiedenen bewaffneten Gruppen.

Mehr als 78.000 Syrer haben 2021 bisher in der EU um Asyl gebeten. Das sind nach offiziellen Zahlen 70 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Nach Afghanen sind Syrer die größte Gruppe der insgesamt fast 500.000 Asylsuchenden dieses Jahr.

Kälte und Hunger bei Flucht über Belarus

Als Belarus diesen Sommer seine Grenze zu Polen für Migranten öffnete, kam es zum Streit mit der EU. Diese wirft Präsident Alexander Lukaschenko vor, die EU mit illegaler Migration für Sanktionen gegen sein Land bestrafen zu wollen. Buschra gehört zu den mehreren Tausend Menschen, die es aus Belarus hinaus schafften. 15 von ihnen starben bei dem Versuch.

Ende September hatte sich Buschra von Erbil im Irak auf den Weg nach Minsk gemacht. Unterwegs lebte sie tagelang nur von Keksen und Wasser. Einmal schlief sie mit fünf weiteren Migranten sitzend auf einer einzigen Matratze. Ihrer Freundin brach ein Zahn ab, weil sie so vor Kälte zitterte.

Am 12. Oktober kam Buschra in Gießen an. "Ich bin selbst überrascht, wie ich das alles ausgehalten habe", sagt sie. Aber das sei es wert gewesen.

Wenn du die Hoffnung verloren hast, gehst du einen Weg, der gefährlicher ist, als das, was du zurückgelassen hast.
Buschra

Polen hat entlang der gesamten Grenze zu Belarus eine drei Kilometer breite Sperrzone errichtet. Bei eisigen Temperaturen harren dort Tausende Migranten aus und hoffen auf Hilfe.

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Leben in ständiger Angst vor Gewalt

In Syrien war ihr Leben seit Jahren durcheinander geraten. Als der Krieg 2011 begann und die Proteste gegen die Regierung sich ausweiteten, studierte sie gerade in der ostsyrischen Stadt Deir al-Sur. Schnell wechselte sie an eine andere Universität weiter im Norden.

Bald waren Deir al-Sur und der übrige Osten von der Terrorgruppe Islamischer Stadt (IS) besetzt. Buschra und ihre Familie lebten im kurdisch-besetzten Nordosten, immer in Angst vor Gewalt. Zwei Jahre lang ging sie kaum aus dem Haus.

Millionen von Menschen sind im Nordwesten Syriens auf Hilfe angewiesen. Nun droht die Schließung des letzten verbleibenden Grenzübergangs für Lebensmittel und Medikamente. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe.

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Schließlich fand sie Arbeit bei einer internationalen Hilfsorganisation. Seitdem hat sie für ihre Flucht gespart.

Der IS wurde zwar 2019 besiegt, aber Schläferzellen greifen die von Kurden geführten Sicherheitsdienste und Behörden immer wieder an. Nachdem sie die korrupten Machenschaften eines mächtigen Beamten aufgedeckt hatte, wurde auch Buschra bedroht.

Wenn ich in Syrien geblieben wäre, wäre ich mein ganzes Leben lang verfolgt worden.
Buschra

Asyl in Deutschland - ein Tor zur Freiheit

Asyl in Deutschland ist für Buschra das Tor zur Freiheit. Sie will Politikwissenschaften studieren, und sie möchte reisen. "Ich habe genug von Einschränkungen", sagt sie. Zurück nach Syrien kann sie nicht. Falls ihr Antrag in Deutschland abgelehnt wird, will sie es trotzdem weiter versuchen.

Wenn ich nicht dorthin kann, wohin ich möchte, dann gehe ich eben da hin, wo ich leben kann.
Buschra

Doku | ZDFinfo Doku - Zerrissene Familie - Zwischen Syrien und Deutschland 

2015 flüchtete die Syrerin Fteim nach Deutschland, seitdem lebt sie von ihrer Familie getrennt. Als 2018 das "Familiennachzugsneuregelungsgesetz" in Kraft tritt, keimt Hoffnung.

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43 min
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