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Frauen in Syrien - Plötzlich Familienoberhaupt

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Der Krieg in Syrien belastet Millionen Frauen mit großem Leid und existenziellen Herausforderungen. Viele Syrerinnen erkämpfen sich aber auch Perspektiven für eine bessere Zukunft.

Junge Frauen holen Trinkwasser am 19.09.2020 in Syrien
Der Krieg in Syrien hat traditionelle soziale Strukturen gesprengt - das birgt auch Chancen für Frauen.
Quelle: Imago

Frauen wie Amal Khair Allah tragen die ganze Last des Krieges auf ihren Schultern. In den vergangenen zehn Jahren hat die junge Syrerin fast alles verloren: ihren Mann, ihr Hab und Gut, ihre Heimat. Geblieben sind ihr drei kleine Kinder - die letzten Funken Hoffnung in ihrem Leben, wie sie sagt.

Frauen kämpfen täglich um Existenz der Familie

Der Krieg hat Amal Khair Allah zum alleinigen Familienoberhaupt gemacht. Ein Schicksal, das sie mit ungezählten Syrerinnen teilt. "In etwa 22 Prozent der syrischen Haushalte steht heute eine Frau an der Spitze; vor dem Konflikt war das nur in vier Prozent der Haushalte der Fall", heißt es in einem Bericht der Vereinten Nationen.

Dabei kämpfen sie tagtäglich mit immensen Herausforderungen. So sind die Preise für Nahrungsmittel im vergangenen Jahr um fast 240 Prozent explodiert. Selbst Brot und sauberes Wasser ist für viele kaum noch bezahlbar.

Pandemie verschlimmert Not der syrischen Frauen

"Unsere Partner sagen uns, dass die ärmsten Familien seit langem ihre täglichen Mahlzeiten reduzieren", berichtet Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. "Hunderttausende Kinder sind mangelernährt - mit verheerenden Folgen für ihre körperliche und geistige Entwicklung."

Das Gesamtbild ist desaströs:

  • Acht von zehn Syrerinnen und Syrern leben heute unterhalb der Armutsgrenze.
  • Insgesamt leiden 12,4 Millionen Menschen in Syrien unter großer Nahrungsunsicherheit.
  • Die Corona-Pandemie hat Hilfsorganisationen zufolge die Lage weiter verschlimmert - vor allem für Frauen und Mädchen.

Zwangsprostitution und Zwangsheiraten nehmen zu

"Covid-19 erhöht sowohl die Armut als auch das Risiko sexualisierter Gewalt", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von zehn international tätigen Hilfsorganisationen. Seit längerem berichten Helfer von stark gestiegenen Fällen häuslicher Gewalt, von Vergewaltigungen, Zwangsprostitution und Zwangsheiraten Minderjähriger in Syrien.

"Viele Familien handeln aus existenzieller Not heraus, wenn sie ihre Mädchen mit wohlhabenderen Männern verheiraten", sagt ein Helfer mit Einsatzerfahrung in Syrien, der nicht namentlich zitiert werden möchte. 

In ihrer Verzweiflung prostituieren sich Frauen auch, um ihre Familien irgendwie durchzubringen.
Helfer

Assads vergessene Opfer

Beitragslänge:
6 min
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Vergewaltigungen als Kriegswaffe

Neben extremer Armut sorgt der seit zehn Jahren andauernde Krieg für körperliches und seelisches Leid bei syrischen Mädchen und Frauen. So berichtet die Journalistin Hannah Wettig in einem Beitrag für das Sachbuch "Ich will frei sein, nicht mutig - FrauenStimmen gegen Gewalt":

"In Syrien wurde, vor allem seit Beginn des Krieges, Vergewaltigung als Kriegsmittel sowohl durch die schiitisch-alawitischen Soldaten als auch durch die sunnitische Opposition eingesetzt, um die gegnerische Seite zu demütigen und zu entehren."

Die wenigsten dieser verletzten, traumatisierten Frauen erhalten professionelle medizinische und psychologische Hilfe in einem Land, dessen Infrastruktur in vielen Zentren in Schutt und Asche gebombt worden ist.

Neue Perspektiven für Frauen in Syrien

Der Dauerkonflikt hat traditionelle soziale Strukturen gesprengt und rüttelt somit auch an innerfamiliären Machtgefügen. Wenn plötzlich Frauen für das Haupteinkommen in der Familie sorgen, können sich männliche Familienmitglieder degradiert fühlen, was wiederum häufig zu Gewalt gegen Frauen führt, wie die Hilfsorganisation Care berichtet.

Gleichzeitig aber eröffnen sich vor allem jüngere Frauen mit Zugang zu höherer Bildung plötzlich auch neue Perspektiven. So berichten Studentinnen aus Nordsyrien ZDFheute, dass ihre Eltern sie nach dem Studium nicht mehr direkt verheiraten wollten.

"Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich mehr zum Familieneinkommen beitragen kann, wenn ich nicht gleich heirate. Es gab einige Diskussionen, aber sie haben es dann akzeptiert", sagt etwa die 21-jährige Sarah, die Fremdsprachen und Wirtschaft studiert.

Im nordsyrischen Azaz lebt sie in einer Studentinnen-WG. Auch das sei lange Zeit undenkbar gewesen. Sarahs Mitbewohnerin Tahira sagt:

Unsere Familien vertrauen uns, setzen auf uns - ich denke, wir werden sie nicht enttäuschen.
Tahira, Studentin in Azaz
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