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Tag der deutschen Einheit : Vereint und verdrossen?

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32 Jahre Wiedervereinigung: Grund zum Feiern. Doch der Feiertag fällt auch mitten in eine Krise – und der Umgang damit ist ganz unterschiedlich in Ost und West.

Thüringens Ministerpräsident Ramelow hält anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit eine Rede. Das Ost-West-Verhältnis sei weiterhin nicht spannungsfrei.

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92 Prozent: eine große Mehrheit der Deutschen hält die Wiedervereinigung nach wie vor für richtig, das zeigt das aktuelle ZDF-Politbarometer. Grund genug also zum Feiern? Erfurt richtet dieses Jahr das Fest zum Tag der deutschen Einheit aus, traditionsgemäß, denn der Thüringer Ministerpräsident amtiert gerade als Chef im Bundesrat. "Zusammenwachsen" heißt das Motto. Konzerte, Länderpavillions, Lichtinstallationen - seit Monaten wird das Bürgerfest vorbereitet. Doch nun trübt die Krise auch die Stimmung bei der Einheits-Party.

Angst vor Pleiten und Jobverlust

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Proteste in Ostdeutschland - nicht nur von extremen Gruppierungen

Denn während in Erfurt Infostände und Showbühnen installiert werden, machen im Internet verschiedene Gruppen mobil für eine Großdemo in Gera am 3. Oktober. Es geht gegen Corona-Maßnahmen, gegen Russland-Sanktionen und auch gegen den Staat.

Schon seit Wochen schwellen hier die Proteste an. Anmelder ist ein bekannter Rechtsextremist, in den Protestzügen wehen Reichsbürger-und Russland-Fahnen. Aber es demonstrieren hier und in etlichen anderen Orten im Ostdeutschland eben auch viele, die große Sorgen haben. Der Krieg und seine Folgen: Hier spalten sich die Haltungen in Deutschland. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow sagt:

Ich nehme wahr, dass wir im Moment einen Ost-West-Bruch auch in der emotionalen Wahrnehmung der Bedrohung haben.
Bodo Ramelow

Das alte Grenzgebiet zur DDR bietet eine reichhaltige Geschichte: Entsorgungsort für Atommüll, Geburtsstätte der Grünen - nur zwei Facetten des ehemaligen Zonenrandgebiets.

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Ethnologin: Osten hat Westen Verlusterfahrungen voraus

Auch im Westen ist die Zufriedenheit mit der politischen Situation deutlich gesunken, das belegt der diesjährige Bericht zum Stand der deutschen Einheit des Ostbeauftragten. Doch im Osten, wo weniger verdient wird und weniger Rücklagen da sind, ist die Angst viel größer.

Dass viele Ostdeutsche ihren Frust über die derzeitige Krise auf die Straße tragen, wundert Juliane Stückrad nicht. Die Eisenacherin hat als Ethnologin den deutschen Osten erforscht und gerade ein Buch darüber veröffentlicht: 'Die Unmutigen, die Mutigen'.

Die Ostdeutschen haben sich mit sehr viel Mühe etwas aufgebaut und haben eben auch die Erfahrung, wie schnell so etwas auch wieder verloren ist. Die Verlustängste sind möglicherweise in Ostdeutschland größer und deswegen auch die gewisse Gereiztheit, wenn man dieses Bedrohungsszenario vor sich sieht.
Juliane Stückrad, SPD-Stadträtin

"Das ist eine Erfahrung, die sie vielleicht den Westdeutschen schon voraus haben und wo sie keine Lust haben, jetzt schon wieder mit so einem Wandel umgehen zu müssen", erklärt Stückrad weiter.

Wahrnehmung über Gemeinsamkeiten und Unterschiede weicht in Ost und West deutlich ab

Zu wenig, sagt sie, habe man über die frühen Jahre der Transformationen im Osten gesprochen, zu wenig die Verwerfungen in den 90ern diskutiert und aufgearbeitet – auf beiden Seiten. Stattdessen hätten sich Haltungen verfestigt. Das lässt sich auch im aktuellen Politbarometer nachlesen.

Bei der Frage, ob uns mehr eint als trennt, überwiegen für 57 Prozent der Befragten im Westen die Gemeinsamkeiten. Im Osten dagegen ist es anders herum: Für 57 Prozent stehen die Unterschiede im Vordergrund.

Der Verzicht auf russische Energielieferungen ist vor allem für ostdeutsche Bundesländer mit Raffinerien eine Herausforderung. Dazu berieten heute die Ministerpräsident:innen.

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Ethnologin: Mehr über das reden, was verbindet und funktioniert hat

Juliane Stückrad würde sich deshalb wünschen, dass auch mehr über das Gelingende in Ostdeutschland und bei der Wiedervereinigung gesprochen wird. "Weil viele das Gefühl haben, dass sie, weil sie in Ostdeutschland in der Provinz leben und nicht weggegangen sind, als Deppen angesehen werden."

Das sind sie aber nicht, das sind mutige, engagierte Menschen, die unseren Respekt verdient haben und das würde vielleicht auch etwas zur Heilung beitragen.
Juliane Stückrad, Ethnologin

In Erfurt soll das auch Thema sein. Der Bundespräsident trifft sich mit Ehrenamtlichen aus allen Bundesländern. Über das Wochenende bis zum 3. Oktober werden in der thüringischen Landeshauptstadt rund 120.000 Besucher erwartet. Betreut übrigens auch von Dutzenden Freiwilligen. Miteinander ins Gespräch kommen – auch nach 32 Jahren immer noch wichtig.

Archiv: Polizeibeamte versperren den Teilnehmern an der "Friedenswanderung" in Magdeburg den Weg. Aufgenommen am 08.01.2022

Montagsdemos und Energiekrise - Wird es einen Protest-Herbst geben? 

Der Ostbeauftragte der Linkspartei ruft zu Montagsdemos gegen steigende Energiepreise auf. Die werden derzeit jedoch von Corona-Kritikern besetzt. Kommt der Herbst der Proteste?

von Julia Klaus
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