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Vormarsch der Taliban - Russland als Schutzmacht Zentralasiens?

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Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan hat Konsequenzen für die gesamte Region. Wie geht Russland damit um? Über geopolitische Gedankenspiele, Militärübungen und Terror-Sorgen.

Konflikt in Afghanistan.
Konflikt in Afghanistan.
Quelle: Sidiqullah Khan/AP/dpa

Ihre Häme können Moskaus Mächtige derzeit kaum verbergen. Dass die USA Afghanistan verlassen und das Land innerhalb kürzester Zeit in die Hände der Taliban fällt, beweist aus Moskauer Sicht: Amerika habe seine Position als weltpolitische Ordnungsmacht verloren, sei schwach, scheitere - und mit ihm der Westen und seine Demokratien.

Doch: Wirklich recht sein kann es Russland nicht, wenn sich die Lage in Afghanistan weiter destabilisiert und radikale Gruppierungen an Einfluss gewinnen. Das unterstreichen die Militärmanöver, die das Land gemeinsam mit Tadschikistan und Usbekistan Anfang August in der Nähe der afghanischen Grenze abgehalten hat. Ziel: Stärke demonstrieren, abschrecken, den Taliban das Signal schicken: Hier geht's nicht weiter.

Tadschikistan in Sorge vor der Taliban

1.300 Kilometer lang ist allein die Grenze zwischen Afghanistan und der Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan. Sie schlängelt sich durchs Hochgebirge, und wird auf afghanischer Seite zum überwiegenden Teil von der Taliban kontrolliert. Bereits im Juli warnte der tadschikische Außenminister deswegen: "So gefährlich, beunruhigend und unvorhersehbar wie jetzt war die Situation an der afghanischen Grenze für Tadschikistan in den ganzen 40 Jahren des Konflikts in Afghanistan bisher nicht. Die Grenze muss verstärkt werden."

"Diese neue Geheimdiensteinschätzung, 30 Tage bis Kabul fällt, hat alle Alarmglocken schrillen lassen", so ZDF-Korrespondetin Claudia Bates. US-Soldaten würden mobilisiert.

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Russland erhört den Hilferuf. Der stellvertretende russische Außenminister Oleg Syromolotow sagte diese Woche in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Interfax, das russische Militär beobachte die Situation an der afghanisch-tadschikischen Grenze mithilfe elektronischer Systeme und Luftüberwachung.

Der russische Stützpunkt in Tadschikistan wurde zudem mit neuen Waffensystemen aufgerüstet, und mehr als eine Million US-Dollar sollen in den Bau eines Grenzpostens nahe der Grenze investiert werden, so Syromolotow weiter.

Militäreinsatz käme Kreml nicht gelegen

Russland dominiert die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, kurz: OVKS. Zu den Mitgliedsstaaten der Militärbündnisses gehören, neben Tadschikistan, mit Kirgisistan ein weiteres Land, das an Afghanistan grenzt. Würde eines der Länder angegriffen, wäre Russland zum Beistand verpflichtet. Ein Militäreinsatz, der dem Kreml, kurz vor den Duma-Wahlen und mitten in der Covid-Krise, sicher nicht gelegen käme.

Andererseits: Je unberechenbarer Afghanistan wird, umso gefragter wird Moskau als Schutzmacht der zentralasiatischen Staaten. Und umso weiter kann der Kreml seinen Einfluss in der Region ausbauen, den es in den letzten Jahren zusehends an China abtreten musste.

Die Taliban rücken auf die Hauptstadt Kabul vor - die Regierungstruppen verlieren zunehmend die Kontrolle über den größten Teil des Nordens und Westens.

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Experte: Taliban keine einheitliche Organisation

Moskau hat ein zwiespältiges Verhältnis zu den Taliban. Einerseits ist die Organisation in Russland als Terrororganisation eingestuft. Andererseits empfängt Außenminister Lawrow ihre Vertreter zu Gesprächen.

Die in Moskau weitgehend geteilte Auffassung, dass die Taliban im Gegensatz zu anderen Extremisten keine Expansion anstrebten, sieht Militärexperte Konstantin Siwkow kritisch. Im Interview mit dem ZDF-Studio Moskau mahnt er, man müsse den Zusagen der bei den Gesprächen anwesenden Taliban-Vertreter, dass keine Aggressionen in Bezug auf russische Interessen geplant seien, mit Vorsicht begegnen:

Es handelt sich um eine Organisation, die viele Gesichter hat, und in verschiedene Gruppierungen aufzuteilen ist.
Militärexperte Konstantin Siwkow über die Taliban

Die volle Kontrolle seitens der politischen Führungsorgane der Taliban über die unterschiedlichen Befreiungsbewegungen, die heutzutage unter der Gesamtbezeichnung "Taliban" in Afghanistan kämpfen, gebe es nicht, so der Experte.

Terrorgefahr steigt

Mehr Sorgen als die Taliban bereiten Moskau andere extremistische Gruppierungen, die im Schatten dieses Vormarschs erstarken könnten. Etwa 1.500 bis 2.000 Kämpfer des Islamischen Staates seien derzeit in Afghanistan aktiv, schätzen russische Sicherheitskreise. Sie könnten das Land als Brückenkopf betrachten, um ihr Ziel des "weltweiten Kalifats" in Richtung Zentralasien voranzutreiben, erklärt der stellvertretende Außenminister Oleg Syromolotow.

Und der stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Duma, Dmitry Nowikow äußert gegenüber Interfax noch eine weitere Sorge: Terroristen könnten die Flüchtlingsströme, die eine Herrschaft der Taliban mit sich bringen, ausnutzen, um nach Russland und Europa zu gelangen.

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