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Rückkehr der Taliban - Afghanistan: Deals mit den Gotteskriegern?

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Sind diese Taliban, die Afghanistan handstreichartig eingenommen haben, noch die Taliban von früher? Die Antwort entscheidet über die Zukunft des Landes.

Kommentar: Peter Kunz zu Taliban
Kommentar: Peter Kunz zu Taliban
Quelle: ZDF/Reuters

Beim schnellen Marsch auf Kabul half den Taliban ihr schlechter Ruf. Grausame Gesellen ohne Erbarmen, vor denen die am internationalen Tropf ausgebildete afghanische Armee auch aus Angst einknickte. Der Krieg in den Köpfen - von den Gotteskriegern gewonnen. 

Aber sind diese Taliban noch dieselben wie vor 20 Jahren? Wenn man ihnen in den Jahren nach dem Ende ihrer ersten Herrschaft als westlicher Journalist begegnete, dann war ihr Credo: "Ihr mögt Flugzeuge und Drohnen haben - wir aber haben die beste aller Waffen: die Zeit. Irgendwann werdet ihr den Kampf nicht mehr bezahlen können!"

Auch den Krieg gegen die Uhr haben die Taliban jetzt gewonnen. Aber selbst wenn sie dieselbe in Afghanistan nun in vieler Hinsicht zurückdrehen werden, so hat die Zeit doch auch die Taliban verändert.

Die Taliban legen die Regeln des Islam besonders streng aus. Dabei geht es ihnen um eine religiös motivierte Form des politischen Extremismus.

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Die Taliban geben sich bis jetzt zahm

Bisher gibt es trotz einzelner Gräueltaten keine Nachrichten von groß angelegten, systematischen Racheakten, vom Blutvergießen im großen Stil. Im Gegenteil: Taliban-Kommandeure bemühen sich zu versichern, dass sie auf keinen Vergeltungsfeldzug aus seien, dass sogar Frauen im neuen afghanischen Emirat keine "Opfer sein sollen", wie ein Mitglied der Taliban-Kulturkommission zitiert wird.

Die neuen Herren haben außerdem eine Amnestie für Staatsbedienstete ausgerufen. Sie bemühen sich zurzeit, der Welt ein Bild von verantwortungsvollen Siegern zu präsentieren.

Auch wenn die Vereinten Nationen bereits von Einschränkungen der Menschenrechte berichten und UN-Generalsekretär Guterres sich zu Recht vor allem um das Schicksal von Frauen und Mädchen sorgt: Diese Taliban sind in ihrem Gebaren vor den Augen der Welt nicht mehr so steinzeitlich, wie sie es früher einmal waren.

Selbst wenn alles nur Taktik sein sollte, um den Paria-Status abzustreifen: Sie wissen mit Medien umzugehen, kennen und nutzen die Macht der Bilder und verbreiten ihre Botschaft von besseren Taliban via Twitter.

Ein Reporterin interviewt einen Taliban

Im afghanischen Fernsehsender Tolo-News durfte am Dienstag sogar eine Reporterin einen Taliban-Offiziellen interviewen. Undenkbar bei den Gotteskriegern der ersten Stunde. Frauen wurden entrechtet, unterdrückt und aus der Öffentlichkeit entfernt. Fernsehen war Satanszeug, wie Musik und jede Lebensfreude außerhalb der Koranlesung.

Wer weiß, vielleicht fällt Afghanistan ja tatsächlich in dieses Dunkel zurück, wenn die Taliban ihren Griff auf die gesamte Gesellschaft erst runderneuert haben.

Die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan schadet dem Ansehen der USA als Führungsmacht. US-Präsident Biden verteidigte jedoch die Entscheidung, die Soldaten abzuziehen.

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Die Taliban können sich nicht einigeln

Vielleicht hilft international aber auch ein Fünkchen Hoffnung: Sogar die Taliban wollen leben und überleben. Manche Feldkommandeure mögen fehlende Übersicht und analytische Kraft durch Brutalität wettmachen.

Aber die Klugen unter den Anführern wissen sehr wohl, dass ihr Land zuletzt nahezu komplett - sieht man von den Opiumeinkünften ab, die die Taliban in Milliardenhöhe kassieren - von Geldern der internationalen Gemeinschaft abhängig war. 

Die modernen Taliban können es sich kaum leisten, sich ganz und gar vom Gutdünken der Welt abzuschneiden. Und auch ein talibanfreundlicheres China wird nicht alle islamistischen Exzesse mitfinanzieren wollen.

Afghanistan hat eine Generation ohne Arbeit

Afghanistan hat ein Problem: Jahrzehnte Bürgerkrieg und Unsicherheit - kombiniert mit ungebremstem Bevölkerungswachstum - hinterlassen eine Generation ohne Arbeit. Für viele junge Männer ist eine Waffe das beste Betriebsmittel geworden.

In Diensten der Taliban lässt sich etwas verdienen, bei der in Auflösung befindlichen afghanischen Armee inzwischen gar nichts mehr. Hier droht tatsächlich eine der größten Gefahren neuer Alltagswillkür: Viele junge Männer können ohne Einkommen oder Vermögen die Mitgift für eine Braut nicht zahlen.

Die Taliban damals haben sich Frauen einfach mitgenommen. Das frühere Hotel Intercontinental in Kabul war einer der vielen Orte, an denen Mädchen als Sexsklavinnen gefangengehalten wurden. Solches Elend darf sich nicht wiederholen.

Vorsichtig mit den Taliban verhandeln

Wenn die Taliban von heute wirklich klüger und anständiger sind als die von damals - und sei es nur, um an der Macht zu bleiben und sich dafür ein Minimum an Kredibilität zu sichern, dann sollte die internationale Gemeinschaft sie jetzt beim Wort nehmen und kritisches Wohlwollen an klare Forderungen knüpfen.

Die Taliban haben nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan zugesichert, dass es keine Vergeltungsaktionen geben werde. "Jedem ist verziehen", so ein Sprecher.

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Anerkennung der Machtübernahme gegen "safe passage" zum Flughafen für Ausreisewillige - sowie die Garantie für eine fortgesetzte Präsenz der Vereinten Nationen in Afghanistan, um die Einhaltung der Menschenrechte vor Ort zu beobachten.

An der robusten militärischen Absicherung einer solchen UN-Monitormission sollte auch die Bundeswehr beteiligt werden und dem Trauma, das wir gerade erleben, etwas entgegensetzen. Deutschland hat mit den Taliban neuen Stils zuletzt schon verhandelt - warum rollen wir nicht einen Plan zur Hilfe für alle Afghanen mit aus? Um zu retten, was zu retten ist.

Peter Kunz leitet heute das ZDF-Studio Niedersachsen und hat als Süd- und Südostasienkorrespondent zuvor jahrelang aus Afghanistan berichtet.

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