Prozess-Auftakt: "Attentate haben ganz Belgien erschüttert"

    Prozess-Auftakt in Brüssel:"Attentate haben ganz Belgien erschüttert"

    Isabelle Schaefers zu Gast bei ZDFheute live im Interview.
    von Isabelle Schaefers, Brüssel
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    In Brüssel beginnt der Prozess um die Anschläge von 2016 in der belgischen Hauptstadt. Zehn Angeklagte stehen vor Gericht, 960 Nebenkläger aus 19 Ländern sind bisher registriert.

    Beginnen wir mit einer guten Nachricht: Maylie lebt. Das ist nicht selbstverständlich. Denn sie war am 22. März 2016 in der Metro, in der sich einer der Attentäter in die Luft sprengte - und 16 Menschen mit in den Tod riss. Maylie war damals noch im Bauch ihrer Mutter. Jaana Mettala war im siebten Monat schwanger und wurde durch die Explosion schwer verletzt.
    Wegen schwerer Verbrennungen lag sie tagelang im Koma, musste vier Monate im Krankenhaus bleiben. Heute sagt sie, sie habe nur überlebt, weil sie an ihr ungeborenes Baby gedacht habe. "Ich erinnere mich, dass ich nur wissen wollte, ob mein Baby noch lebt. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schwer verletzt ich selbst bin", erzählt sie - auch 6,5 Jahre danach noch mit Tränen in den Augen.

    "Das ist ein Megaprozess"

    Heute beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Attentäter von Brüssel. Sie sollen verantwortlich sein für die Anschläge vom 22. März 2016. Damals detonierte um 7:58 Uhr in der Schalterhalle des Brüsseler Flughafens Zaventem erst eine Bombe, zehn Sekunden später eine zweite. 16 Menschen wurden getötet. Um 9:11 Uhr explodierte eine dritte Bombe - in der Metrostation Maelbeek mitten im Europaviertel. Weitere 16 Menschen wurden aus dem Leben gerissen.
    Polizist im Gerichtssaal für die Terroranschläge von Maelbeck und Brüssel 2016.
    In Brüssel startet der Prozess um die Brüsseler Anschläge von 2016.
    Quelle: ap

    Insgesamt wurden mehr als 300 Menschen verletzt. Drei Attentäter starben ebenfalls. Gerichtssprecherin Anne Leclercq sagt heute:

    Diese Attentate haben ganz Belgien erschüttert. Das war ein Schock. Und deshalb interessiert sich jetzt auch fast jeder für den Prozess, erwartet Antworten. Das ist ein Mega-Prozess.

    Gerichtssprecherin Anne Leclercq

    Ein Mega-Prozess auf allen Ebenen: Der Brüsseler Justizpalast - einer der größten in Europa - reicht nicht. Das ehemalige Hauptquartier der Nato wurde deshalb zum Hochsicherheitsgericht namens "Justitia" umgebaut. Zehn Angeklagte stehen vor Gericht. Einer von ihnen ist nicht vor Ort, er ist vermutlich in Syrien gestorben. 960 Nebenkläger aus 19 Ländern sind bisher registriert.
    Neben den zwölf Hauptgeschworenen sind 24 Ersatz-Geschworene eingeplant. Die Anklageschrift umfasst 468 Seiten. Sechs bis neun Monate wird der Prozess dauern.
    Ein Jahr nach den Anschlägen von Brüssel gedenkt das Land der Opfer. An den Orten, wo sich drei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten und 32 Menschen in den Tod rissen, versammelten sich die Menschen für eine Schweigeminute. 22.03.2017 | 2:06 min

    Endlich ein neues Kapitel aufschlagen

    Der Prozess beginnt erst sechseinhalb Jahre nach den Attentaten, weil zunächst die Pariser Terror-Prozesse abgewartet wurden. Sechs der zehn Angeklagten waren auch dort involviert, wurden bereits verurteilt.
    Neben Salah Abdeslam müssen sich auch zwei Männer verantworten, die sich im letzten Moment doch nicht in die Luft sprengten: Osama Krayem, der im U-Bahn-Schacht wieder kehrtmachte, und Mohamed Abrini, der seinen Koffer am Flughafen stehen ließ - ohne die Bombe darin zu zünden. Die meisten der mutmaßlichen Täter sind in Belgien geboren oder aufgewachsen.
    Stanislas Eskenazi ist Anwalt. Er vertritt Mohammed Abrini - in Paris bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Für Eskenazi ist es der Fall seines Lebens, wie er sagt. Wegen der Aufmerksamkeit, der vielen Arbeit aber auch weil der Fall ihn selbst emotional belaste.

    Ich bin selbst Brüsseler. Wir alle waren irgendwie von den Attentaten betroffen. Ich verspüre also eine große Verantwortung und Demut.

    Stanislas Eskenazi, Anwalt eines Angeklagten

    Gleichzeitig sei aber klar, dass auch den Angeklagten eine Verteidigung zustehe. Für alle Beteiligten - Opfer und Täter - sei es gut, wenn ein rechtsstaatlicher Prozess nun endlich dazu beitragen könne, ein neues Kapitel aufzuschlagen.
    Ein belgisches Gericht hat den mutmaßlichen Paris-Attentäter Abdeslam des versuchten Mordes für schuldig befunden. Er hatte 2016 bei einer Razzia auf Polizisten geschossen.23.04.2018 | 0:27 min

    Hoffnung auf Gerechtigkeit

    Die zwölf Geschworenen werden am Ende darüber entscheiden müssen, welche Strafe gerecht ist für das Zerstören so vieler Leben. "Das ist ein Prozess der Angeklagten. Am Ende kann keine absolute Gerechtigkeit und auch nicht die absolute Wahrheit stehen. Aber wir müssen sicherstellen, dass die Opfer ausreichend zu Wort kommen, der Prozess auch ein Ort für ihre Aufarbeitung ist", fordert Maryse Alié, Anwältin der Opferorganisation Life4Brussels.
    Die Opfer würden am liebsten auf eine Delete-Taste drücken und alles vergessen. Da das aber nicht gehe, seien die Hoffnungen auf eine heilende Wirkung des Prozesses bei vielen groß.
    Frühestens im Juni, eher später, ist mit dem Urteil zu rechnen. Jaana Mettala wünscht sich, dass der Prozess ihre persönliche Aufarbeitung voranbringt. Deshalb will sie auch auf jeden Fall vor Ort aussagen. Und den Tätern in die Augen schauen. Auch, wenn sie Angst davor hat. "Ich hoffe einfach, dass es durch unser Justizsystem nun irgendeine Form von Gerechtigkeit geben wird", sagt Jaana, während sie Maylie beim Schaukeln zuschaut. Wie genau eine gute Nachricht am Tag der Urteilsverkündung für sie aussehen würde, kann sie noch nicht sagen.