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Thailand: Warum eine Eskalation drohen könnte

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Schüler- und Studentenproteste - Thailand: Warum eine Eskalation drohen könnte

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Seit Monaten fordern junge Demonstrierende in Thailand gesellschaftliche Veränderung. Heute gehen erneut Tausende auf die Straße. Nach offener Kritik am König droht die Eskalation.

Regierungsfeindliche Protestler und Studenten protestieren während einer Demonstration am 15.09.2020 in bankok (Thailand)
Schüler und Studierende protestieren in Thailand seit Monaten gegen fehlendes Demokratiebewusstsein und überalterte Schulstrukturen.
Quelle: Reuters

Morgenappell in einer thailändischen Schule: adrette Schuluniformen und geflochtene Zöpfe, am Ende mit einem weißen Band zusammengebunden. Was so ordentlich und gehorsam aussieht, ist in Wirklichkeit politischer Protest.

Mit den weißen Bändern wollen die Schülerinnen ihre Solidarität mit verhafteten Anführern der seit Monaten anhaltenden Studentenproteste im Land ausdrücken.

Demonstrierende in Thailand fordern neue Verfassung

Seit Juni finden in Thailand fast täglich Demonstrationen junger Menschen statt. "Die Forderungen der jungen Demokratieaktivisten: eine neue Verfassung, Auflösung des Parlaments durch den seit einem Militärputsch im Jahr 2014 amtierenden Premierminister Prayuth Chan-o-cha und ein Ende der Verfolgung von Regimegegnern", erläutert Termsak Chalermpalanupap, Politikforscher am Institute of South East Asian Studies in Singapur.

Der «Lauf gegen die Diktatur».

Größte Demonstration seit Jahren -
Lauf gegen thailändische Regierung
 

Die Wahl 2019 sollte die Rückkehr zur Demokratie einleiten. Die Wahlgesetze regeln eine Bevorzugung der promilitärischen Partei. Die Thailänder protestieren im Januar 2020.

Mit Harry Potter und "Tribute von Panem" für Demokratie

Die jungen Thailänder zeigen bei ihren Protesten viel Kreativität: Süßschmeckende Demokratie-Kekse werden verteilt, Demonstranten kommen als Harry Potter verkleidet - mit Magie für Demokratie -  und viele Schüler zeigen beim Morgenappell den Drei-Finger-Salut aus dem Film "Die Tribute von Panem". Widerstand.

"Ich habe Gänsehaut, denn nach sechs Jahren gibt es heute den ersten großen Protest gegen das Militärregime. Die Menge geht weit über meine Erwartungen hinaus, ich bin happy und auch sehr zuversichtlich", berichtete Tattep Ruangprapaikitseree, einer der Anführer der Studentenproteste, nach der bisher größten Demonstration am 16. August dieses Jahres, die - nomen est omen - am Demokratie-Denkmal in Bangkok stattfand.

Demonstranten, angezogen wie Harry Potter Charaktäre, bei einer Demo in Bangkok.
Protestierende in Thailand verkleideten sich für einen Protest als Harry Potter.
Quelle: Reuters

Protest gegen Lehrpläne und Erziehungssystem

Ein paar Wochen später kamen zwar weniger Teilnehmer zu einer weiteren Kundgebung und waren jünger, aber nicht weniger entschlossen, Veränderung und, wenn nötig, Widerstand zu erkämpfen.

"Schafft überalterte Lehrpläne ab, reformiert das Erziehungssystem. Wenn der Erziehungsminister das nicht kann, soll er gehen", fordert Issadorn Kulsantao, die mit anderen die Gruppe der "Ungehorsamen Schüler" gegründet hat.

Junge Menschen rütteln an den Grundfesten des Landes

Politische Forderungen, gesellschaftliche Veränderungen, Schulreformen. Es ist eine sehr weite Bandbreite von Themen, die diskutiert werden. "Im Unterschied zu den Protesten von 2010 und 2013, bei denen die Opposition gegen die Regierungspartei gekämpft hat, ist dies eine Jugendrevolte", sagt der Politologe Chalermpalanupap.

Klingt harmlos, aber die jungen Menschen fordern nicht nur politische Veränderungen, sondern rütteln auch an den Grundfesten des Landes, der Monarchie.

Prayuth Chan-ocha.

Wahlsieg von Ex-Armeechef Prayut -
Tausende Thailänder protestieren
 

Nach dem umstrittenen Sieg von Ex-Armeechef Chan-O-Cha sind 2019 tausende Menschen in Bangkok auf die Straße gegangen. Sie folgten dem Aufruf einer neuen Opposition.

Tabubruch: Kritik an Monarchie

Drakonische Strafen, die auf Majestätsbeleidigung stehen, schrecken sie nicht ab. Kritik an der Monarchie, ein Tabuthema der Generationen vor ihnen, wird offen angesprochen. Sie zeigen ihre Verdrossenheit über die starren alten Systeme, die geschürt durch Corona auch wirtschaftlich Schatten auf ihre Zukunft werfen.

Ihre größte Kritik richtet sich gegen fehlendes Demokratiebewusstsein und überalterte Schulstrukturen. König Maha Vajiralongkorn, der die Belange seines Landes mehr aus den bayrischen Alpen als seinem Heimatland zu lenken scheint, hat bislang die Parole ausgegeben, Gnade vor Recht walten zu lassen.

Warnung vor Gewalt

"Bisher ist die Regierung cool geblieben. Einige der Anführer sind zwar verhaftet worden, aber immer wieder schnell gegen Kaution freigelassen worden", erläutert Termsak Chalermpalanupap. "Doch die nächste große Demo ist am 19. September in der Thammasat Universität geplant, in unmittelbarer Nähe zum Königspalast".

In einem offiziellen Schreiben sind vergangenes Wochenende die Rektoren der Universitäten im Land darauf hingewiesen worden, dass Kritik an der Monarchie ein heißes Eisen ist und zu Gewalt führen kann. Eine unverhohlene Warnung. Zweimal schon, 1976 und 1992, sind Proteste gegen die Regierung an thailändischen Universitäten blutig niedergeschlagen worden.

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