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Der Unbeugsame: Ernesto Cardenal ist tot

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Trauer in Nicaragua - Der Unbeugsame: Ernesto Cardenal ist tot

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Er trotzte Päpsten und Diktatoren. Bis zuletzt. Nun ist der Dichter, Priester und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal im Alter von 95 Jahren gestorben.

Ernesto Cardenal
Christ, Rebell, Marxist, Priester: Ernesto Cardenal ist im Alter von 95 Jahren gestorben.
Quelle: imago/ZUMA Press

Seine Fangemeinde in Deutschland war bis zuletzt groß. Ernesto Cardenal, am Sonntag im Alter von 95 Jahren gestorben, faszinierte die Menschen. Als Christ, Rebell, Marxist und Priester. Vor allem aber als einer, der sich nie vor einen Karren spannen ließ, dem er selbst nicht traute.

In Deutschland bekam der Befreiungstheologe aus Nicaragua 1980 für sein literarisches Werk den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das war ein Jahr nach der sandinistischen Revolution in seinem mittelamerikanischen Heimatland Nicaragua, mit der er später brechen sollte. 2017 bekam er die Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal. Bis zuletzt hatte seine Stimme Gewicht bei jenen Christen, die keine Berührungsängste mit dem Marxismus hatten. Die die Befreiungstheologie als Weg der Armen als eine Option empfanden.

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Cardenal: Ich bleibe ein christlicher Marxist

Cardenal ging immer seinen eigenen Weg. Er legte sich als Priester mit dem konservativen Papst Johannes Paul II. an und als Dissident mit Nicaraguas Diktator Daniel Ortega, mit dem er einst den brutalen, machtbesessenen Somoza-Clan aus dem Land jagte.

Bei allen Auseinandersetzungen verzichtete er lieber auf die Macht und deren Insignien, wenn sie seiner Überzeugung im Weg standen. Er verweigerte sich dem rechten Diktator Anastasio Somoza Debayle, obwohl es komfortabler gewesen wäre, sich auf seine Seite zu schlagen. Stattdessen schloss er sich der sandinistischen Befreiungsbewegung an, zu der auch der spätere Präsident Daniel Ortega gehörte.

Als die Revolution 1979 triumphierte, übernahm er gegen den ausdrücklichen Wunsch des damaligen antikommunistischen Papstes Johannes Paul II. das Amt des Kulturministers. Es war die Zeit, als die nicaraguanische Revolution von Basisgemeinden träumen ließ, in der alle gleich seien. Als in der in deutschen Kirchengemeinden Geld gesammelt wurde für die Überzeugungstäter aus Managua, die der großen USA die Stirn boten.

Fast ein Jahrzehnt hielt es Cardenal in der Politik aus, doch dann begann die Zeit des moralischen Absturzes der Sandinisten. Erst trat Cardenal wegen des autoritären Führungsstils Ortegas aus der Regierung aus, dann brach er mit der sandinistischen Bewegung. Er habe sich nicht geändert, sondern Ortega, betonte er damals: "Ich bleibe ein christlicher Marxist."

Von priesterlichen Ämtern enthoben

Der Vatikan verbot dem aufmüpfigen Geistlichen und Befreiungstheologen, der sich einen christlichen Marxisten nannte, das Recht, das Priesteramt auszuüben, weil er ein politisches Amt innehatte. Das gilt nach den Regeln der katholischen Kirche als unvereinbar. Ein Bild, das Cardenal beim Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1983 vor diesem kniend zeigt, ging um die Welt. Der Pole hatte ihn mit erhobenem Zeigefinger ermahnt.

Dichter und Theologe Ernesto Cardenal kniet vor Papst Johannes Paul II (Archiv 1983)
Erhobener Zeigefinger: Cardenal kniet vor Papst Johannes Paul II (Archiv 1983)
Quelle: dpa

 

Doch die Macht, das war nicht Cardenals Ding. Er war ein Mann der Überzeugungen. Einer der bereit war, auf Ämter zu verzichten, wenn diese ihn dazu verführte, sich von der Macht korrumpieren zu lassen.

Viele Anhänger in Deutschland

Wegen seines Charismas, seiner exzellenten Dichtkunst und vielleicht auch seines wallenden weißen Haares und dem Bart, das ihn gutmütig großväterlich erschienen ließ, hatte er viele Anhänger in Deutschland. Vor allem in den deutschen Pfarrgemeinden hingen sie in den ersten Jahren nach der Revolution in Nicaragua an seinen Lippen. Er schwärmte von einem Leben in christlichen Basisgemeinden, von einer Symbiose von Christentum und Marxismus. Seine Lesungen waren stets gut besucht, es war die Hochphase der Friedensbewegung und Cardenal war einer ihrer globalen Stars.

Doch im Laufe der Jahre kam es zum Bruch mit dem regierenden Clan Nicaragua. Denn inzwischen hält sich das Präsidentenpaar Daniel Ortega und Rosario Murillo nur noch mit brutaler Gewalt an der Macht. Wie einst Somoza ließ es Studenten erschießen und foltern, brachte es die eigenen Verwandten an den Schaltstellen der Macht unter. Cardenal sprach die Dinge offen aus: "Ortega ist ein kleiner mieser Diktator." Er berichtete über Heckenschützen, die Demonstranten niederschießen und nannte es was ist: Staatsterrorismus. Er war wohl der einzige im Land an dessen Leben sich Ortega nicht wirklich heranwagte.

Mit dem Vatikan seinen Frieden gemacht

Mit dem Vatikan machte er gut ein Jahr vor seinem Tod seinen Frieden. Im vergangenen Jahr feierte Managuas Weihbischof Silvio Baez, den der Papst wenig später wegen Morddrohungen aus dem Ortega-Lager aus Nicaragua ins sichere Exil beordern musste, wieder eine Messe. An Cardenals Krankenbett. Papst Franziskus, der ihm kirchenideologisch deutlich näherstand als Johannes Paul II., hatte ihn wieder in den Kreis der Priester aufgenommen. Eine Rehabilitation, die viele in er katholischen Kirche für längst überfällig hielten.

Seit Sonntag schweigt Nicaraguas wohl wichtigste und unbeugsamste Stimme für immer.

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