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Tiere in Deutschland haben noch immer kaum Rechte

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Zahnloses Tierschutzgesetz - Tiere in Deutschland haben noch immer kaum Rechte

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Tieren soll nicht unnötig Leid zugefügt werden. Das regelt in Deutschland seit den 1970er Jahren das Tierschutzgesetz. Trotzdem leiden hierzulande immer noch Tiere. Warum?

Das deutsche Tierschutzgesetz ist eindeutig, gleich am Anfang heißt es darin: “Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen." Außerdem verlangt das Gesetz, dass Tiere artgerecht ernährt, gepflegt und untergebracht werden. Im Jahr 2002 wurde der Tierschutz sogar als Staatsziel im deutschen Grundgesetz verankert.

Dennoch stehen Massentierhaltung, mit Antibiotika vollgepumpte Schweine und Kühe, Ferkelkastration und Hähnchenschreddern, nitratverseuchte Böden und Tiertransporte weiter in der Kritik. Die Fleischindustrie sorgt für das erschwingliche Schnitzel auf dem Teller - während im Landwirtschaftsministerium an immer neuen Tierwohl-Labels mit minimalen Verbesserungen für die Tiere gebastelt wird.

Kritikern sind die Gesetze zu schwach

Edmund Haferbeck von der Tierrechtsorganisation PETA kritisiert die bestehenden Tierschutzgesetze dementsprechend deutlich: "Das reicht alles insofern nicht, weil es in der Praxis bei den sogenannten einfachen Gesetzen, die unterhalb der Verfassung produziert werden und erlassen werden, nicht funktioniert. Dort ist das Tier nach wie vor das auszubeutende Geschöpf.“

Im Jahr 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel im deutschen Grundgesetz verankert. Doch geht es den Tieren jetzt besser? Werden ihr Wohl und ihre Würde im Alltag geschützt?

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Tatsächlich tut sich der Gesetzgeber mit konkreten Gesetzen und Verordnungen für mehr Tierschutz schwer. Deutsches Fleisch ist ein Exportschlager. Die wirtschaftlichen Interessen der Agrarindustrie haben im Zweifel immer noch Vorrang vor dem Wohlergehen der Tiere, wenn ein paar Zentimeter mehr Platz im Stall bare Münze kosten - und Arbeitsplätze. Und so lange der Verbraucher trotz aller Lippenbekenntnisse immer noch zu besagtem Billigfleisch aus dem Discounter greift.

Kranke Pute im Stall
Kranke Pute im Stall: Wie wichtig ist den Deutschen Tierwohl tatsächlich?
Quelle: SOKO Tierschutz e.V.

Zwar ist die Mehrheit der Bevölkerung für mehr Tierwohl im Stall, doch bei der Umsetzung schauen dann eben doch nur die Fachleute hin. Im Wirrwarr der vielen privatwirtschaftlichen und staatlichen Tierschutz-Etikettierungen fehlt es den Verbrauchern wohl auch an tragfähigen Entscheidungshilfen an der Fleischtheke. Der Anteil des etwas teureren Biofleischs am gesamten Fleischkonsum ist mit ein bis zwei Prozent immer noch sehr gering.

Das weniger präsente Problem: Haustiere

Die sogenannte "Wohlstandsverwahrlosung" von Haustieren ist ein weitaus weniger präsentes Problem. Tierliebe wird in Deutschland zwar ganz groß geschrieben. Doch im Einzelfall wird der tierische Lebensbegleiter oft nicht artgerecht gehalten. Rund 14 Millionen Katzen und fast zehn Millionen Hunde leben in deutschen Haushalten. Viele davon haben nicht genug Auslauf, bekommen von Herrchen oder Frauchen zu viele Chips oder anderes menschliches Essen serviert, oder leiden unter dem Fehlen von Artgenossen.

Einen amtlich vorgeschriebenen "Führerschein“ für Tierhalter gibt es nicht. Regelmäßige Prüfungen der Lebensumstände von Haustieren ebenfalls nicht, sie wären auch nicht praktikabel durchführbar. Und so bleibt es dem "gesunden Menschenverstand" und Verantwortungsbewusstsein von Tierhaltern überlassen, wie sie mit ihren Vier- oder Zweibeinern umgehen. Edmund Haferbeck von PETA: "Die Menschen wollen zwar Gutes für die Tiere, aber es sind Laien. Das Heimtierschutzgesetz muss eine ganze Reihe von Tieren verbieten. Eine ganze Reihe von exotischen Tieren gehören nicht in Privatwohnungen. Und für die wirklich klassischen Haustiere - wie Hunde, Katzen, oder Meerschweinchen - müssen klare Haltungsbedingungen festgelegt werden.“  

Tiere gelten immer noch nicht als Lebewesen

Bislang werden nur schlimme Fälle von Tierquälerei geahndet. Noch immer gelten Tiere rechtlich als "Sache" - doch das ändert sich langsam. Durch ein Gerichtsurteil weltweit bekannt wurde die Affen-Dame Sandra. Sandra war 1986 im Rostocker Zoo geboren und 1994 nach Argentinien gebracht worden. 2014 erstritten Tierschützer gerichtlich ihre Freilassung, weil die Affen-Dame im Zoo eine "ungerechtfertigte Gefangenschaft" erleide. Allerdings tat sich nach dem Urteil zunächst wenig, Sandra lebte weiter im Zoo von Buenos Aires. Im September letzten Jahres durfte der Orang-Utan dann in ein weitläufiges Tier-Reservat in Wauchula im US-Bundesstaat Florida umziehen. Erstmals war mit dem Urteil ein Zootier dem Menschen zum Teil rechtlich gleichgestellt worden.

Gruppe von Hunden
Nicht jedes Haustier in Deutschland wird artgerecht gehalten.
Quelle: colourbox.de

Auch in der Forschung tut sich was: Wissenschaftler können mittlerweile immer verlässlicher Gefühle bei Tieren messen. Stresserkennungsprogramme für Schweine analysieren, welche Laute die Tiere von sich geben, was Stress im Stall erzeugt und was nicht. Mit den Ergebnissen könnte auch die Tierhaltung verbessert werden - auch in Mastbetrieben könnte so die Produktivität gesteigert werden, mehr Tierschutz und kommerzielle Interessen besser in Einklang gebracht werden. Denn die Forscher wiesen nach, dass gut gelaunte Schweine ein besseres Immunsystem haben und gesünder sind. Auch bei Schafen, Ratten, Hühnern, Kühen und sogar bei Bienen konnten die Wissenschaftler Gefühle messen. Dass manche Tiere sogar auf Kinderniveau denken können, ist ebenfalls nachgewiesen worden. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen durch derartige Forschungsergebnisse zunehmend.

Es gibt Alternativen für Tierversuche

In der Medizinforschung zumindest gibt es bereits Fortschritte: Tierversuche werden seit Jahren immer weiter eingeschränkt und - wo immer möglich - durch in-vitro-Methoden oder Computersimulationen ersetzt. Auch wenn viele Experimente immer noch medizinisch unumgänglich sind -  ihre Zahl nimmt stetig ab, es werden fast ausschließlich Mäuse geopfert. Stefan Treue, Mediziner von der Initiative "Tierversuche verstehen", stellt die Relation her: "Wie viele Tiere braucht die Forschung für Weiterentwicklungen der Medizin? Es sind Pi mal Daumen 1.000 Tiere, die wir im Laufe unseres Lebens essen als durchschnittliche Mitteleuropäer - und gut zwei Tiere, die wir für die Forschung brauchen. Zwei Mäuse nämlich, weil die Mäuse einfach den allergrößten Anteil der Tierversuche darstellen." Und auch die leben immer besser, immer artgerechter im Labor.

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