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Interview

Russlands Krieg in der Ukraine : Wo der Vergleich mit Tschetschenien hinkt

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Der Ukraine-Krieg weckt Erinnerungen an Tschetschenien. Wo es Unterschiede gibt, was der Ukraine droht und was das mit Russlands Gesellschaft macht, weiß Russland-Experte Mangott.

Blick auf den Rauch und die Geräte in einer ausgebrannten Turnhalle nach Beschuss am 02.03.2022 in Kiew
Eine ausgebrannte Turnhalle in Kiew: Die russische Armee zerstört Teile der ukrainischen Hauptstadt. Die Zerstörung erinnert viele an die Kriege in Tschetschenien.
Quelle: dpa

Militär-Experten vergleichen Wladimir Putins Strategie gegen die Ukraine bereits mit den Tschetschenien-Kriegen, vor allem die scheinbar wahllose Bombardierung ziviler Gebiete und den brutalen Einsatz gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.

Worum ging es damals in Tschetschenien? Und was erschwert den Vergleich mit der Ukraine? Gerhard Mangott, Russland-Experte von der Universität Innsbruck, hat Antworten.

ZDFheute: Können Sie noch einmal kurz zusammenfassen, worum es bei Russlands Tschetschenien-Kriegen in den 1990er-Jahren ging?

Gerhard Mangott: Im ersten Tschetschenien-Krieg ging es darum, einen Zerfall Russlands zu verhindern. Die Tschetschenen hatten 1991 einseitig ihre Unabhängigkeit erklärt - und nicht wie die Ukraine im gemeinsamen Einvernehmen. Der Krieg, der im Dezember 1994 begonnen wurde, sollte als "kleiner, kurzer und erfolgreicher Krieg" die angeschlagene Zustimmung zum damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin wieder stärken. Wladimir Putin ist jetzt nicht aus Gründen der Legitimitätssteigerung zum Angriffsbeschluss gekommen, sondern um aus seiner Sicht unverzichtbare geopolitische Interessen Russlands zu sichern.

Im zweiten Krieg ab dem September 1999 war das ganz anders. Da hat die Bevölkerung den Eindruck gewonnen, dass es nun um die Sicherheit eines jeden einzelnen Staatsbürgers gehe, der durch islamistische Terroristen bedroht sei.

Während des ersten Krieges hatte sich tatsächlich ein islamistisch-radikaler Flügel gebildet, dem es zunehmend nicht mehr darum gegangen ist, Tschetschenien zum unabhängigen Staat zu machen, sondern ein islamisches Emirat im Nordkaukasus auszurufen. Putin konnte sich vor diesem Hintergrund als starker Anführer präsentieren. Und dieser Krieg war damals zumindest zwei Jahre lang ziemlich populär.  

ZDFheute: Wie sieht denn die russische Gesellschaft den aktuellen Krieg gegen die Ukraine? 

Mangott: Der Krieg gegen die Ukraine ist kein Krieg, der von einem größeren Teil der russischen Bevölkerung als legitim oder notwendig erachtet wird. Also kann man den zweiten Tschetschenien-Krieg dahingehend kaum mit dem jetzigen Ukraine-Krieg vergleichen. Vielleicht nur am Rande, wenn Russland auch zivile Ziele bombardiert, und Städte zerstört - wie damals die tschetschenische Hauptstadt Grosny. 

Wenn man an den zweiten Tschetschenien-Krieg denkt, dann spielte sicherlich bei Teilen der russischen Bevölkerung auch ein gehöriges Stück Rassismus gegen die Völker im Kaukasus mit hinein. Die Ukrainer aber werden als Brudervolk angesehen. Das sind Menschen, die in Russland sehr viele Verwandte haben und umgekehrt.

Es ist für die russische Bevölkerung kaum nachvollziehbar, warum Russland und die Ukraine, von denen Putin sogar behauptet, sie seien ein Volk, gegeneinander kämpfen. Warum dort russische Soldaten sterben und die ukrainische Bevölkerung immer mehr von Hass gegenüber Russland erfüllt ist.

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ZDFheute: Was denken Sie: Welchen Einfluss wird dieser Krieg auf die russische Gesellschaft haben? Schon der erste Tschetschenien-Krieg hat viele Wunden hinterlassen.

Mangott: Der aktuelle Krieg wird zu Unsicherheit und Irritation führen, zu Unmut und Unzufriedenheit. Vielleicht auch zu weniger Zuspruch zur Amtsführung Putins. Ich bin schon gespannt auf die ersten Umfragen jetzt nach Beginn dieses Krieges. 

Es wird zu einer weiteren Entfremdung zwischen Macht und Gesellschaft führen. Und das wird - aus Sicht des Kreml - noch mehr Repressionen notwendig machen, um den Menschen Einhalt zu gebieten, die in Russland mit erheblichem Mut öffentlich Widerstand leisten, um gegen diesen Krieg protestieren.  

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ZDFheute: Tschetschenien gilt heute als Kreml-nah, auch durch die harte Hand Ramsan Kadyrows, dem Präsidenten der russischen Teilrepublik. Was ist in der Ukraine zu erwarten, sollte Putin das Land einnehmen?

Mangott: Die Entscheidung für diesen Krieg ist eine fatale Entscheidung. Nicht nur wegen der Menschenleben, die da geopfert werden, sondern weil es ein Krieg ist, den Russland nicht wirklich gewinnen kann. Natürlich kann sich die russische militärische Seite jetzt, wenn sie noch brutaler, noch massiver vorgeht, über die ukrainischen Streitkräfte hinwegsetzen und das Land tatsächlich besetzen. Aber was ist damit gewonnen?

Natürlich würde Russland dann eine Marionettenregierung einsetzen. Aber diese kann nur im Amt gehalten werden, wenn Russland eine Besatzung der Ukraine aufbaut - denn eine solche Marionettenregierung würde sofort aus dem Amt gejagt, wenn kein russischer Soldat mehr auf den Boden von Kiew steht. 

Die Besatzung ist für Russland sehr riskant. Sie ist finanziell teuer, ist militärisch nicht einfach. Es würde sich mit größter Sicherheit eine partisanenartige militärische Aufstandsbewegung entwickeln und die ukrainische Bevölkerung würde sichtbare und demonstrative Zeichen des zivilen Ungehorsams setzen. Das heißt, es ist das eine, eben eine Regierung einzusetzen, aber das andere, eine solche Regierung auch effektiv zu machen.

Das Interview führte Katja Belousova.

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