Sie sind hier:

Insel-Streit mit Griechenland : Türkei mit Gas-Bohrschiff auf Konfliktkurs

Datum:

Im Mittelmeer-Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland droht eine Eskalation. Ankara schickt ein neues Bohrschiff los, um in umstrittenen Gewässern nach Gas zu suchen.

Griechenland und die Türkei streiten schon lange um Erdgasvorkommen im Mittelmeer. Nun ist wieder ein türkisches Gas-Bohrschiff unterwegs. Droht eine neue Eskalation?

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Mit großem Presseaufgebot schickt Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag das türkische Erdgas-Bohrschiff "Abdülhamid Han" auf die Reise ins Mittelmeer. Das neue Schiff trägt den Namen des letzten osmanischen Sultans, der Anfang des 20. Jahrhunderts von nationalistischen Militärs, den sogenannten "Jungtürken" gestürzt wurde.

Die Botschaft Erdogans, türkische Größe und nationalen Stolz auszustrahlen, würde man eigentlich nicht mit dem Namen "Abdülhamid Han" verbinden. Um türkische Machtambitionen geht es aber bei der Veranstaltung. Am roten Schiffsrumpf prangt ein überdimensionierter türkischer Halbmond, von der Brücke hängt für die Kameras noch einmal eine 12 Meter hohe türkische Flagge.

Route könnte zu militärischer Eskalation führen

Wo das Schiff nach Erdgas bohren will, wurde im Vorfeld nicht mitgeteilt. Es besteht aber kaum ein Zweifel daran, dass es irgendwo im Dreieck zwischen der türkischen Küste und den Inseln Zypern und Kreta unterwegs sein wird. Und damit den Konflikt wieder aufflammen lässt, der bereits vor zwei Jahren fast zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den Nato-Verbündeten Griechenland und Türkei geführt hatte.

Karte: Türkei, Zypern, Kreta
Karte: Türkei, Zypern, Kreta
Quelle: ZDF

Die griechische Position ist klar: Die Türken suchen illegal in ihren Gewässern nach Erdgas. Ankara hingegen sieht sich im Recht, weil es eine eigene, türkische Wirtschaftszone in Teilen der Ägäis und des Mittelmeers beansprucht.

Der Streit ist kompliziert und harrt einer rechtlichen Klärung: Es geht um Seerecht, um Hoheitsgebiete und die sogenannten "Ausschließlichen Wirtschaftszonen", die das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen vorsieht. Das allerdings von der Türkei, anders als von Griechenland, nicht ratifiziert wurde.

Zypernkonflikt seit Jahrzehnten ungelöst

Tatsächlich geht es dem türkischen Präsidenten Erdogan aber wohl darum, die türkischen Ansprüche als Regionalmacht auch und gerade gegen den Nachbarn Griechenland durchzusetzen. Da geht es um wirtschaftliche Vorteile bei der Ausbeutung möglicher Gas- und Ölvorkommen, um die Souveränität vieler griechischer Ägäis-Inseln vor der türkischen Küste und um den seit sechzig Jahren ungelösten griechisch-türkischen Konflikt um die Insel Zypern.

In Sotschi vereinbaren Putin und Erdogan eine engere Zusammenarbeit in Wirtschafts- und Energiefragen. Die Türkei trägt als einziger NATO-Staat die Russland-Sanktionen nicht mit.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Beide Volksgruppen hatten sich im Züricher und Londoner Abkommen auf die Gründung einer unabhängigen Republik Zypern geeinigt. Als Schutzmächte wurden Großbritannien und die Türkei festgelegt.

Es folgten Aufstände griechischer Zyprioten, Unruhen, Massaker an türkischen Zyprioten, ein Putsch griechischer Ultranationalisten und der geplante Anschluss Zyperns an Griechenland, der Einmarsch türkischer Truppen, die seit 1974 ein Drittel der Insel im Norden Zyperns besetzen. Seither ist die Insel geteilt. Ein Versuch der Vereinten Nationen, die Insel wieder zu vereinigen, scheiterte bei einer Volksabstimmung 2004 am Nein der griechischen Bevölkerung.

Ankara drängt auf Zwei-Staaten-Lösung

Auch deshalb hat sich Erdogan von der Idee eines föderalen Miteinanders von Türken und Griechen verabschiedet. Ankara drängt jetzt auf eine Zwei-Staaten-Lösung. Das türkische Nord-Zypern, das wirtschaftlich in hohem Maße abhängig ist von der Türkei, würde damit praktisch eine türkische Provinz.

Der Erdgasstreit, so glaubt die Politologin und Energieexpertin Professor Filiz Katman von der Istanbuler Aydin Universität, ist eng mit der ungelösten Zypernfrage verbunden.

Ohne eine Lösung im Zypernkonflikt ist auch keine Annäherung in den anderen strittigen griechisch-türkischen Fragen in Sicht. Beide Seiten müssten sich erst einmal auf eine gemeinsame Diskussionsgrundlage einigen.
Filiz Katman, Aydin Universität Istanbul

Eiszeit zwischen Türkei und Griechenland

Die ist nicht in Sicht. Noch im März dieses Jahres keimte Hoffnung auf, als der griechische Ministerpräsident Mitsotakis in Istanbul mit Erdogan zusammentraf. Doch schon im Mai wütete der starke Mann der Türkei öffentlich: "Mitsotakis existiert für mich nicht mehr!"

Zwei Monate lagen dazwischen, und eine Rede von Mitsotakis vor dem US-Kongress in Washington, in der er die US-Parlamentarier davor warnte, den aggressiven Türken weitere Waffen zu liefern - ohne sie beim Namen zu nennen.

Korrespondent Luc Walpot informiert über den aktuellen Stand der Getreidelieferungen und über die Konflikte bei den Gesprächen in Istanbul. Walpot spricht von einem neuen Ton.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Das kam in Ankara nicht gut an. Es trifft eine Achillesverse der Machtambitionen Erdogans. Er braucht eine hochgerüstete, moderne Armee, um seine Forderungen bei Bedarf mit militärischem Nachdruck zu unterstreichen. Milliarden hat Ankara in den letzten Jahren in die heimische Rüstungsindustrie investiert.

Die türkischen Kampfdrohnen gelten inzwischen als begehrter Exportschlager. In einigen High-Tech-Bereichen wie Kampfflugzeugen oder Abwehrraketen ist man aber noch auf Importe angewiesen. So bemüht sich Ankara um den Kauf modernisierter US-Kampfjets. Eine Zusage Washingtons steht aber noch aus.

Türkei geht eigenen Weg - auch gegen Nato-Verbündete

Das Ablegen des Bohrschiffs am Dienstag ist daher auch eine Unmutsäußerung gegenüber Griechen und Amerikanern. "Die türkische Seite", so Expertin Katman, "hat Interesse an einem Dialog. Aber wenn sie türkische Interessen verletzt sieht, wird Ankara nicht zögern, auch harte Mittel einzusetzen. Obwohl das nicht angestrebt wird."

Die Türkei, so Erdogans Botschaft an die Staaten, mit denen er zwar noch in der Nato verbunden ist, die er aber nur schwerlich als seine Partner bezeichnen würde, geht ihren eigenen Weg. Da, wo es für Ankara passt und Vorteile bringt, gerne zusammen mit vermeintlichen Partnern. Und wo es nicht passt eben auch ohne Partner - oder gegen sie.

Recep Tayyip Erdogan am 20.07.2022 in Teheran

Zwischen Moskau, Kiew und EU - Erdogans doppeltes Spiel 

Im Ukraine-Krieg spielt Präsident Erdogan den Vermittler - ein heikler Balanceakt. Den Bruch mit Russland kann er sich nicht leisten, seine Wähler erwarten einen starken Mann.

von Luc Walpot
Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Zur Altersprüfung

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Möglicherweise hast du einen Ad/Script/CSS/Cookiebanner-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert. Falls du die Webseite ohne Einschränkungen nutzen möchtest, prüfe, ob ein Plugin oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus.