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Kais Saied 100 Tage im Amt - Tunesier enttäuscht von ihrem Präsidenten

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Vor 100 Tagen haben die Tunesier Kais Saied zu ihrem Präsidenten gewählt, vor allem die Jugend hat ihm ihre Stimme gegeben. Doch die Begeisterung ist mittlerweile verpufft.

"Er hat seine Maske fallen lassen", sagt Saussen Mabruk dem ZDF und verzieht das Gesicht. Mabruk ist 36 Jahre alt, lebt in Medenine, einer Stadt im Süden Tunesiens und sie ist tief enttäuscht vom neuen Präsidenten.

Saussen Mabruk
Saussen Mabruk.
Quelle: ZDF

Sie hat in Tunis Jura studiert und ihr Professor war damals kein geringerer als Kais Saied, das heutige Staatsoberhaupt. Und sie war begeistert. Im vergangenen Jahr hat Mabruk seinen Wahlkampf in Medenine organisiert - sie hat an ihn geglaubt. "Ich war beeindruckt von seiner starken Persönlichkeit und ich war überzeugt, dass er die Lage in Tunesien verändern kann. Er war mutig und hatte eine sehr demokratische Einstellung."

"Robocop" konnte die Jugend begeistern

In Medenine hat Kais Saied über 90 Prozent der Stimmen erhalten. Medenine, einst blühende und einflussreiche Handelsstadt auf der Route der Karawanen, unterscheidet sich in einem Punkt nicht von den meisten anderen Städten des Landes. Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch, sie liegt bei 19 Prozent.

Nicht nur Saussen Mabruk, sondern viele, die Saied im Oktober gewählt haben, haben den etablierten Parteien mit ihrer Klüngelwirtschaft und Korruption eine Abfuhr erteilt - sie setzten alles auf diesen parteilosen Außenseiter, der keinerlei politische Erfahrung hatte. Seine Stärke: Er galt und gilt als unbestechlich. Für die meisten Beobachter war diese Wahl eine große Überraschung, denn der Verfassungsspezialist hat wenig charismatische Ausstrahlung, seine Reden trägt er monoton und stakkatohaft vor, er wirkt steif - hinter vorgehaltener Hand wird er "Robocop" genannt. Und ausgerechnet diesem Mann ist es gelungen, die Jugend für sich zu begeistern.

Karte: Tunesien - Tunis - Medenine
Medenine liegt im Südosten des Landes und war eine blühende und einflussreiche Handelsstadt.
Quelle: ZDF
Die Mehrheit der Jugend sucht einen Platz in der Gesellschaft, weil sie bei der Revolution 2011 eine tragende Rolle gespielt hat.
Foued Ghorbali, tunesischer Soziologe

"Die Mehrheit der Jugend sucht einen Platz in der Gesellschaft, weil sie bei der Revolution 2011 eine tragende Rolle gespielt hat. Bislang aber gab es für sie dafür keine Anerkennung." erklärt der Soziologe Foued Ghorbali, der die Revolution selbst aktiv miterlebt hat. "Kais Saied hat in seinem Wahlkampf meisterhaft auf diesem Register gespielt. Er hat erklärt, dass die jungen Menschen die wichtigsten Akteure des Staates seien und die Fähigkeit hätten, alles zu verändern."

Folgen den Worten keine Taten?

Auch Saussen Mabruk hat sich in diesen Worten wiedererkannt. Doch es hat nicht lange gedauert, bis sie gemerkt hat, dass den Worten keine Taten folgten. Nach 100 Tagen sieht die Bilanz des Präsidenten mager aus. "Er hat weder ein konkretes Programm noch hat er eine politische Strategie. Er hat keine einzige mutige Entscheidung getroffen, die irgendetwas verändern würde", klagt sie.

Was anfangs als Stärke galt - dass er nicht der politischen Elite angehört - erweist sich nun als Schwäche: Kais Saied hat keine eigene Partei, die ihn im Parlament stützt. Das hat Folgen, denn nun muss er zwischen allen Parteien lavieren, und das ohne politische Erfahrung. Der designierte Premierminister - traditionell stammt er aus der stärksten Partei im Abgeordnetenhaus, in diesem Fall aus der islam-konservativen Nahda-Partei - ist vom Parlament nicht bestätigt worden. Schachmatt.

Nun kann Saied laut Verfassung zwar einen eigenen Kandidaten vorschlagen, doch ob das Parlament ihm das Vertrauen ausspricht, weiß zurzeit niemand.

Für den Soziologen Foued Ghorbali ist allein dieser Prozess ein Erfolg. "Das zeugt doch von einer großen demokratischen Reife, das zeigt, wie lebendig die Demokratie hier ist, wenn eine Regierung nicht einfach abgenickt wird."

Diese positive Sicht der Dinge teilen bei weitem nicht alle. In der Hauptstadt Tunis sagen viele Menschen, es habe sich nichts verändert im Land, es sei alles wie vorher.

Die Presse feiert Tunesien

Gebetsmühlenartig wird vor allem in der ausländischen Presse wiederholt: "Tunesien ist das einzige Land des Arabischen Frühlings, das den demokratischen Wandel geschafft hat." Darauf sind die Tunesier auch stolz, aber für sie geht es um viel mehr, um viel Konkreteres: Die Wirtschaft dümpelt vor sich hin, die Arbeitslosigkeit, vor allem bei den jungen Tunesiern ist besorgniserregend hoch und die Zahl derer, die das Land in Richtung Europa verlassen wollen, steigt wieder an. Tunesien läuft Gefahr, seine Jugend, vor allem die gut ausgebildete Jugend - Ärzte, Ingenieure, Anwälte - zu verlieren.

Es wird, so schätzt Foued Ghorbali, in den nächsten Monaten zu Streiks kommen, zu Protesten. Die Unzufriedenheit wird wachsen. "Doch eine Revolution macht man nicht alle Tage."

Saussen Mabruk bleibt bei aller Enttäuschung optimistisch, was die Zukunft angeht. "Es gibt immer Hoffnung, wir können einfach nicht aufhören, daran zu glauben, dass unsere Zukunft einmal besser wird." Nur was den neuen Präsidenten betrifft, da steht ihre Meinung fest: "Er hat sich total verändert. Als ich bei ihm studiert habe, da war er sehr bestimmt, etwas steif, aber er hatte eine klare Haltung. Jetzt sind seine Entscheidungen nicht klar, was zum Beispiel die Gleichheit zwischen Mann und Frau anbelangt. Das, was wir suchen, ist Sicherheit. Wir wollten einen starken Präsidenten - und jetzt haben wir Unsicherheit."

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