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Warum wir rassismuskritisch denken müssen

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Interview mit Tupoka Ogette - Warum wir rassismuskritisch denken müssen

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Tupoka Ogette bringt weißen Menschen bei, rassistische Denkweisen und Sprache zu erkennen. Ein Gespräch über lebenslanges Lernen und Rassismen, die immer noch allgegenwärtig sind.

Die Anti-Rassismus-Beraterin Tupoka Ogette.
"Die größte Erkenntnis ist, wie groß Rassismus eigentlich ist": Anti-Rassismus-Trainerin Tupoka Ogette über ihre Arbeit.
Quelle: Privat

ZDFheute: Frau Ogette, Sie sind Anti-Rassismus-Trainerin. Das Ziel ihrer Workshops: rassismuskritisches Denken, Sprechen und Handeln beibringen. Wie gehen Sie das an?

Tupoka Ogette: So ein Workshop ist nur ein Punkt auf einer idealerweise lebenslangen Reise. Es geht da erst einmal um Wissensvermittlung: Wie wird Rassismus definiert? Wer ist von Rassismus betroffen? Wer profitiert von Rassismus? Welche historische Einbettung gibt es? Wo wirkt er überall? Ganz konkretes Wissen also, denn Wissen ist Macht.

In einem zweiten Schritt beleuchten wir die eigene Sprache. Welchen Effekt hat mein Sprechen? Welche Begriffe sind konkret rassistisch und warum? Und wie kann ich mit Sprache rassismusärmere Räume kreieren?

Wir schauen auch genau darauf, welche Privilegien es gibt. Um danach zu überlegen, wie wir beginnen können, unseren Alltag langsam aber sicher rassismuskritischer gestalten zu können.

Mehr zu Tupoka Ogette und ihrer Arbeit:

ZDFheute: Sie sprechen vor Schwarzen Eltern und vor Unternehmen und Organisationen mit einem überwiegend weißen Publikum. Was löst Ihr Training bei weißen Menschen wie mir aus?

Ogette: Die Auseinandersetzung mit Rassismus kann ganz viele Emotionen hervorrufen. Es gibt eine Wissenschaft darüber, wie es Menschen geht, wenn sie sich mit einer Diskriminierungsform auseinandersetzen, von der sie selbst nicht betroffen sind.

Wir beobachten oft erst einmal ein großes Interesse. Ich will mich damit beschäftigen, weil ich gelernt habe: Rassismus - das sind rechte Parteien, Nazis und Skinheads. Das finde ich schlecht, dagegen möchte ich vorgehen.

Im Laufe des Prozesses verstehe ich aber, dass es um mich selbst geht. Ich muss mich selbst reflektieren. Und das ist eine große, starke Auseinandersetzung, die mit ganz vielen Emotionen einhergeht. Wut, Abwehrreaktionen, Unsicherheiten, Ohnmacht. Das Wichtige daran: Das ist keine individuelle Erfahrung, sondern das ist eine kollektive Erfahrung, das machen fast alle durch. Unser Job ist es, die Menschen da gut durchzubegleiten.

Tupoka Ogette erklärt, warum die kollektive Erfahrung wichtig ist - und wie sie den Menschen bei den Workshops Raum für ihre Emotionen gibt.

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ZDFheute: Bis zum Erkennen, bis zum Aha-Erlebnis?

Ogette: Ich denke, da gibt es sehr viele Aha-Momente. Die größte Erkenntnis ist, wie groß Rassismus eigentlich ist. In Deutschland diskutieren wir Rassismus sehr fatal, nämlich nur im rechten Spektrum. Da erliegt man schnell dem Glauben, dass es gar nicht mehr so schlimm ist; dass es gar nicht mehr ein so großes Thema ist.

Viele Aha-Effekte gibt es auch, wenn wir schauen, wie wir sozialisiert sind. Wenn erwachsene Menschen noch einmal mit einem rassismuskritischen Auge ihre Kinderbücher lesen. Oft fällt ihnen die Kinnlade herunter, wenn sie sehen, wie viele Rassismen da reproduziert werden.

Auch in Schulbüchern, die wir immer noch benutzen. Das ist für viele Menschen sehr schockierend, aber gleichzeitig sehr wichtig, weil wir so ein Verständnis dafür entwickeln, dass Rassismus eigentlich die Norm ist, und nicht die Abweichung.

Warum Tupoka Ogette sich wünscht, dass weiße Menschen Verantwortung für Rassismus übernehmen.

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ZDFheute: Ich denke gerade an meine Kindheit, an die Bücher, die ich gelesen oder vorgelesen bekommen habe. Was sind da prominente Beispiele?

Ogette: Ein ganz prominentes Beispiel, was immer noch viel gelesen wird, ist "Jim Knopf". Preußlers "Kleine Hexe", "Conny" oder "Pippi Langstrumpf".

An Pippi Langstrumpf wird ja auch bis heute sehr gehangen, weil es aus feministischer Sicht erst einmal sehr progressiv daherkommt. Wenn wir aber noch einmal im Buch auf Textbeispiele schauen, dann wird da nicht nur das N-Wort reproduziert.

Da knien auch alle Schwarzen Kinder auf der Taka-Tuka-Insel vor Pippi und weinen. Und als gefragt wird, warum sie weinen, antwortet Pippi: "Weil sie nicht so schön weiß sind wie wir."

Wenn die Leute das noch einmal lesen, dann sind sie schockiert.

Aber genauso funktioniert ja Sozialisierung! Als Kind hast du eigentlich eine schöne Erinnerung. Das hat dir deine Mama vorgelesen. Und wenn du selbst nicht negativ betroffen bist, fällt dir das nicht auf. Und dementsprechend verinnerlichst du das auch.

Als Schwarzes Kind habe ich mich schon immer daran gestoßen. Und in Büchern, in denen das N-Wort stand, habe ich es vor Wut überkritzelt.

Für mich ist das eine ganz klar negative Erfahrung. Aber die machst du nicht, wenn du Teil der Mehrheit bist oder Teil der vermeintlichen Norm.

ZDFheute: Vor Kurzem habe ich „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüsay gelesen. Und obwohl ich mich für reflektiert halte, habe ich über Vieles zum ersten Mal nachgedacht – einfach, weil ich bestimmte Situationen als weißer Mann noch nie erlebt habe und auch nie erleben werde. Was zur Frage führt: Müssten wir diese Bücher nicht eigentlich schon in der Schule lesen?

Ogette: Vielen LeserInnen oder Menschen in unseren Workshops sagen: "Ich wünschte, ich hätte das schon viel früher gelernt."

Wenn ich gefragt werde, dann sage ich sofort: Das muss in die Ausbildung rein! Es muss Schulfächer geben, die "Machtkritisches Denken lernen" heißen. PädagogInnen, Menschen die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die MultiplikatorInnen sind; Menschen, die Presse machen, die in den Medien arbeiten - überall wo Menschen an Schaltstellen sitzen, wo Rassismen reproduziert oder verhindert werden können, müssen wir Rassismuskritik tief und nachhaltig in der Ausbildung verankern.

Das Interview führte Kevin Schubert. Auf Twitter: @waskevinsagt

Eine rassismusfreie Gesellschaft - kann das gelingen? Tupoka Ogette glaubt nicht mehr an diese Utopie.

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