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Ukrainischer Botschafter Melnyk - Steinmeier-Aussage "Doppelschlag ins Gesicht"

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Darf man den Bau von Nord Stream 2 mit den Opfern des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion begründen? Nein, sagt Kiews Botschafter in Berlin und kritisiert Steinmeier.

Archiv: Andrij Melnyk, Ukrainischer Botschafter in Berlin, aufgenommen am 15.02.2015
Andrij Melnyk, Ukrainischer Botschafter kritisiert Bundespräsident Steinmeier (Archivbild).
Quelle: picture alliance

ZDFheute: Herr Botschafter, als Bundespräsident Steinmeier in der "Rheinischen Post" den Bau der Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 verteidigte, hat er an die 20 Millionen Opfer des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion erinnert. Was ist daran falsch?

Andrij Melnyk: Dieses Plädoyer zugunsten von Nord Stream 2 und vor allem die merkwürdige Rechtfertigung mit der Kriegsschuld gegenüber Russland hat uns Ukrainer wie ein Doppelschlag ins Gesicht getroffen. Wir fanden erstaunlich, dass man die Seelen von toten Menschen in die Waagschale wirft, sie zur Verhandlungsmasse erklärt, um eine sehr gefährliche Pipeline zu pushen.

Es steht im Buch der Psalmen: Ein Menschenleben kann man nicht mit Gold aufwiegen. Und ich kann nur hinzufügen:

Kein Opfer, kein Kriegsopfer, kann und darf man mit russischem Gas aufwiegen.
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Der ukrainische Botschafter zeigt sich empört über ein Interview, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Nord Stream 2 gegeben hat. Darin verteidigt Steinmeier den Bau.

ZDFheute: Steinmeier wollte an die "sehr wechselvolle Geschichte mit Russland" erinnern.

Melnyk: Auch die Ukraine hat in diesem Krieg, vor 80 Jahren, mindestens acht Millionen Einwohner verloren. Darüber weiß man leider in Deutschland zu wenig.

Es klafft eine Lücke in der Erinnerungskultur, die geschlossen werden muss.

Wir hoffen, dass in den nächsten Jahren hier in Berlin eine Gedenkstätte entstehen kann. Als Zeichen der Erinnerung an diese Opfer und auch als Zeichen der Versöhnung. 

ZDFheute: Steinmeier nennt die Energiebeziehungen "fast die letzte Brücke zwischen Russland und Europa". Sollte man die wirklich abreißen?

Melnyk: Auch das ist aus unserer Sicht ein ziemlich merkwürdiges Argument. Es gibt so viele Brücken, die in den letzten Jahren gebaut wurden: Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Städtepartnerschaften - und diese Reihe könnte man fortsetzen. Alles nur auf eine Gaspipeline zu reduzieren, ist aus unserer Sicht ziemlich naiv und sehr kurzsichtig.

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ZDFheute: Es treten ja in Deutschland eine ganze Menge Politiker für diese Pipeline und für mehr Nachsicht mit Russland ein. Wie nimmt man das in der Ukraine wahr?

Melnyk: In der Tat gibt es in Deutschland sehr viele, die eine Annäherung an ein Russland fordern, das seit sieben Jahren einen blutigen Krieg in der Ukraine führt. Einen Krieg, der leider fast aus den Schlagzeilen verschwunden ist, auch wegen der Pandemie und anderer Sorgen, die die Menschen hier in Deutschland, aber auch in der Ukraine, bewegen.

Ich kann nur die Einladung meines Präsidenten wiederholen und Politiker wie zum Beispiel Manuela Schwesig nach Kiew, aber auch in die Ost-Ukraine, einladen.

Damit sie mit eigenen Augen sehen, welches Leid, welche Verwüstung dieser Krieg, der Tag und Nacht andauert, hinterlässt. Und dann hoffen wir, dass man die ein oder andere Äußerung doch noch korrigiert.

ZDFheute: Diese Einladung hat Präsident Selenskyj vor anderthalb Jahren bei seinem Antrittsbesuch in Berlin ausgesprochen. Wie viele der eben genannten Kritiker haben sie denn angenommen?

Melnyk: Ja, da ist das Ergebnis sehr dürftig. Es gab keinen einzigen Politiker.

Das Interview führte ZDF-Hauptstadtkorrespondent Andreas Kynast. Folgen Sie ihm auf Twitter.

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