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Interview

Wahlumfragen zur Bundestagswahl - "Union kann noch stärkste Kraft werden"

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In Umfragen liegt die Union hinter der SPD. Aber noch kann sich bei der Bundestagswahl alles ändern, sagt Wahlforscher Jung. "Die Wahlentscheidung findet erst am Sonntag statt."

Matthias Jung
Wahlforscher Matthias Jung
Quelle: imago

ZDFheute: Im Moment bekommt man das Gefühl: Ein neuer Tag, eine neue Umfrage. Wie verlässlich sind die aktuellen Wahlumfragen?

Matthias Jung: Das ist von Institut zu Institut unterschiedlich, weil alle das mit unterschiedlicher Professionalität betreiben. Generell muss man auch sagen: Sehr oft wird das Ergebnis einer Meinungsumfrage als Prognose für den Ausgang einer Wahl gesehen und das kann eine seriöse Umfrage eigentlich nie leisten. Sie kann nur, wenn sie sauber erhoben ist, den Zustand beschreiben zum Zeitpunkt der Durchführung der Umfrage. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

ZDFheute: Die Bundestagswahl ist ja nur noch ein paar Tage hin. Wie hoch sind die Schwankungen, mit denen man rechnen muss?

Jung: Mit Differenz zwischen Umfragen und den wirklichen Wahlergebnissen am Ende kann man eigentlich nicht rechnen. Bei der Umfrage geht es um einen Zeitpunkt einige Zeit vor der Wahl, der betrachtet wird, und dabei geht es lediglich um eine Wahlabsicht. Die Wahl ist dann ein Zeitpunkt danach, der neu zu betrachten ist und bei dem es um tatsächliches Wahlverhalten geht, nachdem ein Entscheidungsfindungprozess zum Ende gekommen ist. Was wir aber feststellen, ist eine hohe Volatilität, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Das heißt, die Bindung von Wählern an eine bestimmte Partei ist nicht mehr in dem Maße vorhanden, wie sie es früher mal war.

Die Wähler sind also viel flexibler geworden. Deshalb sind größere Veränderungen möglich und auch zu beobachten.
Wahlforscher Matthias Jung

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ZDFheute: Konkret: Ist der Wahlsieg für die Union noch möglich?

Jung: Also, wenn man sich den Vorsprung der SPD anschaut, den wir jetzt im Politbarometer in der vergangenen Woche hatten, dann ist der auf jeden Fall noch veränderbar. Es fängt schon damit an, dass die Umfragen ja gewisse statistische Fehlerbereiche in der Größenordnung von zwei bis drei Prozentpunkte haben.

Von daher kann das sogar nur eine Unschärfe in der Messung sein. Auch die Briefwahl ist nicht so entscheidend. Selbst wenn jetzt die Hälfte schon gewählt hätte, dann verbleiben immer noch einige Millionen Wähler, die ihre Entscheidung erst am Sonntag treffen müssen. Da sind zwei oder drei Prozentpunkte rauf oder runter auf jeden Fall möglich.

Natürlich kann die Union bis zum Sonntag noch stärkste Kraft werden.

Das ist überhaupt gar keine Frage, aber nur weil es sein kann, heißt das noch lange nicht, dass es auch so sein wird.

ZDFheute: Und für die Grünen?

Jung: Da haben wir schon eine größere Differenz. Da müsste schon sehr viel passieren. Aber wie gesagt, die Hälfte der Wähler hat die Entscheidung noch vor sich. Bei Umfragen reden wir immer nur über Wahlabsichten. Die Wahlentscheidung findet, zumindest bei den Urnenwählern, erst am Sonntag statt.

ZDFheute: In aktuellen Umfragen sind "Andere" mit sieben bis neun Prozent ausgewiesen. Müssen wir auch bei den kleinen Parteien mit Überraschungen rechnen?

Jung: Das ist grundsätzlich nicht auszuschließen. Beim Politbarometer haben wir aber die klare Regel: Wir weisen kleinere Parteien erst aus, wenn sie mindestens drei Prozent haben. Das liegt einfach daran, dass bei der Stichprobengröße von gut 1.000 Befragten man so kleine Prozentbereiche nicht solide ausweisen kann. Man muss aber auch sagen: Von den drei Prozent bis zu den fünf Prozent ist es auch immer noch ein relativ weiter Weg.

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ZDFheute: Spielen Umfragen in diesem Wahlkampf eine besondere Rolle?

Jung: Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Man meint immer, der aktuelle Wahlkampf ist was ganz besonderes, das ist aber eigentlich gar nicht so. Denken Sie zum Beispiel an 2017 und an den Hype um Martin Schulz oder die Elbe-Flut im Bundestagswahlkampf 2002, wo dann Umfragen eine wichtige Rolle gespielt haben und viel Bewegung messbar war.

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ZDFheute: Wie beeinflussen Umfragen den Wahlkampf?

Jung: Umfragen sind natürlich ein wichtiges Medium, mit dem man versucht, sich ein Bild über die Lage zu machen. Für manche Menschen, die sich  politisch sehr interessieren, ist das schon etwas, an dem man sich orientiert, um eine Einschätzung zu bekommen, was die strategisch vermeintlich beste Stimmabgabe ist.

Von daher beeinflussen Umfragen schon die Wahrnehmung, aber das ist sicher nicht das Einzige, was die Einschätzung der Wähler über die aktuelle Lage beeinflusst. 

Das Interview führte Nils Hagemann

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