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Interview

Krieg gegen den Terror - USA zu fixiert "auf kurzfristige Ziele"

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Ein Anschlag erschütterte den ohnehin chaotischen Abzug aus Kabul. Ein Historiker erklärt, welche Fehler die USA in Afghanistan gemacht haben. Und wie sie sich wiederholen könnten.

Soldaten der US-Army am Kabuler Flughafen. Archivbild
Soldaten der US-Army am Kabuler Flughafen.
Quelle: Isaiah Campbell/U.S. Marine Corps via ZUMA Wire/dpa

Ein verlorener Krieg, eine überstürzte Rettung - viele US-Amerikaner und Amerikanerinnen fühlen sich in diesen Tagen erinnert an 1975. Damals mussten US-Truppen schon einmal von heute auf morgen ein Land verlassen, in dem sie jahrelang gekämpft hatten. In Saigon waren es Helikopter, die Menschen von dem Dach der US-Botschaft retten mussten. Heute sind es C-17-Maschinen, riesige Militärtransporter, die so viele Menschen wie möglich vom Kabuler Flughafen evakuieren.

ZDFheute: Haben die USA nicht aus ihren Fehlern in Vietnam gelernt?

Gregory Daddis: Es kommt drauf an, wen man fragt. Befürworter militärischer Einsätze würden sagen, dass die Lehre sowohl aus Afghanistan als auch aus Vietnam lautet, dass in einer gefährlichen Welt mehr Soldaten benötigt werden, um politische Ziele zu erreichen. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele amerikanische Soldaten und Marines es gebraucht hätte, um die politischen Probleme in Vietnam zu lösen.

Im Fall von Vietnam und auch in Afghanistan ist die zentrale Frage: Wie soll die politische Gemeinschaft aussehen, wie definieren wir den Staat und wer führt ihn?

Diese politischen Fragen müssen aber von Akteuren vor Ort und nicht von ausländischen Streitkräften entschieden werden.

Wenn man Vietnam als Beispiel nimmt, dann konnten die US-Streitkräfte die Nordvietnamesen in Schach halten. Aber das konnte bestenfalls zu einer militärischen Pattsituation führen. Und nicht die politischen Probleme im Land lösen. Ich denke, das gilt auch für Afghanistan.

US-Präsident Joe Biden hat Vergeltung für den Anschlag in Kabul angekündigt und seine Militärs überlegen schon, wie das gelingen kann. Gar nicht, sagt einer, der die Lage gut kennt. Es sei denn, die Amerikaner gingen wieder rein – nach Afghanistan.

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ZDFheute: Die USA waren seit den 1970ern in Afghanistan aktiv. Zunächst in einer Art Geheim-Krieg. Die CIA unterstützte damals die Mudschaheddin, afghanische Widerstandskämpfer, gegen die Sowjetunion mit Waffen. Einige dieser Widerstandskämpfer wurden später zu Taliban oder Al-Kaida-Kämpfern, darunter auch Osama Bin Laden. Welche Fehler wurden damals gemacht?

Daddis: Einer der größten Fehler ist wahrscheinlich, dass wir die lokalen Bedingungen mit einem größeren Kalten Krieg verbunden haben. Es fehlte an tieferem Wissen über die Bedingungen vor Ort. Im Kalten Krieg hat eine amerikanische Intervention die Gewalt vor Ort oft verschlimmert.

ZDFheute: Unter den Augen der CIA begann der Opiumanbau zu florieren. Bis heute finanzieren sich die Taliban durch den Export von Opium. Gehört das auch dazu?

Daddis: Ja, das hat sicherlich dazu beigetragen. Wir haben oft kurzfristige Gewinne akzeptiert, ohne über die langfristigen Konsequenzen nachzudenken.

Amerikaner waren und sind ungeduldig, wenn es um Krieg geht. Sie konzentrieren sich oft zu sehr auf kurzfristige Ziele.

Aber ein militärischer Sieg bedeutet nicht immer sozialen oder politischen Fortschritt.

ZDFheute: Im Irak konnte sich so eine neue Terrorgruppe bilden, der sogenannte "Islamische Staat" (IS). Jetzt sehen wir in Afghanistan eine ähnliche Entwicklung, mit dem afghanischen Ableger des IS. Provokativ gefragt: Wie kann es sein, dass es nach dem Abzug der USA jedes Mal eine neue Terrorgruppe gibt?

[Im Video: Wie Afghanistan wieder zur Schutzzone für Terroristen werden könnte:]

Als die Taliban das letzte Mal an der Macht waren, konnten sich internationale Terrorzellen wie Al Qaida dort ungehindert ausbreiten. Droht Afghanistan zum sicheren Rückzugsort für islamistische Terroristen zu werden?

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Daddis: Da entsteht ein Machtvakuum. Jedes Mal, wenn eine Gruppe, die an der Macht ist, diese Macht verliert, gibt es eine andere Gruppe, die bereit ist, die Macht zu übernehmen. Sie füllt dann das Machtvakuum.

Es wird irgendwo auf der Welt immer Gruppen geben, die glauben, dass die Anwendung von Gewalt der effektivste Weg ist, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Ich glaube nicht, dass das so schnell verschwinden wird. Aber wir müssen diese Bedrohung besser bewerten - besser berechnen, ob diese Bedrohungen existenziell sind. Und ob wir Amerikaner uns in lokale Angelegenheiten einmischen.

Vergeltung durch Drohnenangriffe, eine Antwort der USA auf den Anschlag am Flughafen von Kabul. Mehr dazu von USA-Korrespondentin Claudia Bates.

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ZDFheute: Vietnam, Irak, Afghanistan - keiner dieser Kriege endete so, wie sich die USA das gewünscht hätten. Trotzdem hatte Biden wieder und wieder betont, der Afghanistankrieg sei nicht mehr der Krieg der USA. War das der letzte Krieg, den die USA geführt haben?

Daddis: Nein, das glaube ich leider nicht. Die Militarisierung unserer Außenpolitik begleitet uns schon seit Jahrzehnten. Das wird leider so weitergehen, wahrscheinlich unvermindert. Selbst nach der amerikanischen Niederlage in Vietnam war der amerikanische Glaube an Kriege, die bei der Durchsetzung politischer Ziele helfen können, nur vorrübergehend gebrochen.

Wir werden nach Afghanistan etwas Ähnliches sehen. Trotz der Geschehnisse in Afghanistan gibt es immer noch etwa 800 amerikanische Militärstützpunkte auf der ganzen Welt in über 70 Ländern und Territorien. Wir werden weiterhin den Einsatz von Spezialeinheiten sehen und Drohnenaktivitäten. Das wird weiterhin eine tragende Säule der amerikanischen Präsenz im Ausland sein.

Das Interview führte Nina Niebergall.

US-Soldaten sichern den Flughafen von Kabul am 15.08.2021.
FAQ

Deadline 31. August - Was der Afghanistan-Abzug der USA bedeutet 

Bis zum 31. August sollen alle US-Truppen aus Afghanistan raus. Wieso der US-Präsident bei dieser Deadline bleibt und welche Folgen das hat - Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Nina Niebergall, Washington D.C.
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