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Interview

Voraussetzung für Evakuierungen - "Taliban-Mächte müssen mitspielen"

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Die Rettungsaktion sei nur möglich, weil die USA mit den Taliban vor Ort "Hand in Hand" arbeiteten, so USA-Expertin Ashbrook. Das zeige erneut, wie abhängig die EU von den USA sei.

Menschen besteigen ein Flugzeug in Afghanistan am Flughafen in Kabul, 18.08.2021
Ohne eine Kooperation seitens der Taliban, wären die USA nicht in der Lage, die Evakuierungen so durchzuführen, meint USA-Expertin Clüver Ashbrook.
Quelle: dpa

Der Abzug aus Afghanistan wirft die große Frage auf, wie es Deutschland und die Nato schaffen, eigenständiger zu agieren. Für die Politologin Cathryn Clüver Ashbrook ist klar: Das wird teuer, auch für deutsche Steuerzahler*innen.

ZDFheute: Die Taliban haben dem Wunsch, die Luftbrücke zu verlängern, eine klare Absage erteilt. Was passiert jetzt?

Cathryn Clüver Ashbrook: Die Tatsache, dass die Luftbrücke zum 31. August beendet werden soll, heißt ja leider, dass die Luftbrücke de facto noch deutlich früher enden muss. Denn wie die Sprecherin des Weißen Hauses Jennifer Psaki erklärte: Die letzten zwei, zweieinhalb Tage müssen dafür genutzt werden, die restlichen amerikanischen Militärs und deren Material aus dem Lande zu schaffen. Das wird auch die deutschen beziehungsweise die internationalen Truppen, die noch vor Ort sind, betreffen.

ZDFheute: US-Präsident Biden sagte, gemessen am momentanen Fortschritt könne der Einsatz am 31. August enden. Von welchem Fortschritt spricht er angesichts der nach wie vor dramatischen Lage?

Clüver Ashbrook: Anfangs war nicht klar, wie schnell, wie viele Menschen die Amerikaner an den Flughafen bringen und wirklich ausfliegen können. Diese Luftbrücke hat wirklich historische Ausmaße, besonders wie schnell es in den letzten paar Tagen voranging.

Um das Chaos vor den Flughafen-Toren zu regulieren, müssen die Taliban-Mächte auf der anderen Seite des Flughafen-Zaunes mitspielen und eine Kooperation ermöglichen.

Aber zur Zeit klappen die Evakuierungsflüge nur deshalb, weil die Amerikaner mit den Taliban vor Ort am Flughafen Hand in Hand arbeiten.
Cathryn Clüver Ashbrook, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Für Evakuierungen wie bisher bleibe „nur noch wenig Zeit“, so ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf, „eine Niederlage für die EU“, sagt ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek.

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ZDFheute: Was hätten die USA noch unternehmen können?

Clüver Ashbrook: Es ist schwer einzuschätzen, was diplomatische Gespräche gebracht hätten. Der CIA-Chef Burns hat sich ja gerade in Kabul mit den obersten Taliban getroffen. Die Tatsache, dass da keine weiteren, neuen Spielregeln rauskamen, zeigt doch, dass in dieser Situation am Kabuler Flughafen die Taliban die lokale Vorherrschaft haben.

Der Präsident beziehungsweise die Pressesprecherin haben beide nochmal verlauten lassen, dass es Kontingenz-Pläne geben, dass auch für andere Umstände geplant werden soll. Es gab aber keinerlei Anzeichen, wie diese aussehen sollten, ob das verbunden wäre mit zusätzlicher amerikanischer Militärpräsenz oder Möglichkeiten diplomatischer oder verteidigungspolitischer Art. Das lässt der Präsident komplett offen.

ZDFheute: Wie wird diese Entscheidung Bidens in den USA wahrgenommen?

Clüver Ashbrook: Vor allem in der Veteranen-Vor- und Nachsorge haben sich die USA in diesen vielen Jahren der kriegerischen Auseinandersetzung eine große Bürde auferlegt.

Für viele Veteranen der längsten Kriege Amerikas, sowohl Irak wie auch Afghanistan, haben die letzten paar Wochen eine schwere Sinnkrise ausgelöst.
Cathryn Clüver Ashbrook, USA-Expertin

Der Bundestag hält heute eine Sondersitzung ab. Zentrales Thema ist der Evakuierungseinsatz in Afghanistan. Die Bundesregierung muss sich der Kritik der Opposition stellen.

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Schwierig wird es für den Präsidenten auch mit seiner eigenen Partei, die sehr hadert mit diesen Entscheidungen. Sehr überraschend sind zwei demokratische Abgeordnete aus dem Unterhaus, die früher in Afghanistan gedient haben, ohne Zustimmung der amerikanischen Regierung nach Kabul geflogen, um sich ein Bild der Situation vor Ort zu machen. Das ist der Biden-Administration sauer aufgestoßen, denn sie versuchen natürlich, ihre eigene Partei so zusammenzuhalten, dass die Entscheidungen des Präsidenten, die durchaus kontrovers sind, nach außen getragen aussehen.

Es könnte sein, dass diese Entscheidung ein ziemlich großes Nachspiel hat. Es ist in jedem Fall keine besonders glückliche Situation für diesen US-Präsidenten.

ZDFheute: Welche Folgen hat das für das Verhältnis USA - Europa?

Clüver Ashbrook: Europa und die europäischen Mitglieder in der Nato werden sich zum neuen strategischen Konzept der Nato, das im Frühjahr in Madrid vorgestellt werden soll, Gedanken darüber machen müssen, wie sich das Verhältnis zu dem übermächtigen Partner USA innerhalb dieses Bündnisses ändern sollte, um ihnen vielleicht mehr Freiheit zu geben. Was das de facto bedeuten wird, ist deutlich mehr finanzielles Engagement, deutlich mehr Nachdenken über eine Kapazitäten-Aufteilung unter europäischen Partnern.

Sehen Sie hier die Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Lage in Afghanistan im Deutschen Bundestag.

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Wenn wir uns jetzt anschauen, dass eine Bundesregierung aus Afghanistan deutlich mehr Afghanen ausfliegen wollen würde, es aber physisch nicht kann, weil die Abhängigkeiten gegenüber den USA so stark sind, dann muss das innerhalb der deutschen Debatte nicht nur neue Fragen aufwerfen, sondern auch für neue Lösungen sorgen. Und das würde bedeuten, dass ein europäischer, ein deutscher Steuerzahler deutlich anders belastet werden muss.

Das Interview führte ZDFheute-Redakteurin Jenifer Girke.

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