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Was wusste der Vatikan über den Holocaust?

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Apostolisches Archiv geöffnet - Was wusste der Vatikan über den Holocaust?

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Der Vatikan öffnet heute die Archive zu Pius XII. Was wusste der Papst (1939 bis 1958) über den Holocaust? Und warum hat er geschwiegen?

Archiv: Was wusste Papst Pius XII. über die Verbrechen der Nationalsozialisten?
Archiv: Was wusste Papst Pius XII. über die Verbrechen der Nationalsozialisten? (Archivbild)
Quelle: DPA

Er gehört zu den umstrittensten Kirchenmännern des 20. Jahrhunderts: Eugenio Pacelli. Von 1939 bis 1958 lenkte er als Papst Pius XII. die Geschicke der katholischen Kirche. Zuvor vertrat er von 1917 bis 1929 den Heiligen Stuhl im Deutschen Reich und der Weimarer Republik. Ab 1930 war er, bis er selbst Papst wurde, als Kardinalstaatssekretär gleichsam Chefdiplomat von Pius XI.

Eugenio Pacelli: vom Diplomaten zum Kirchenoberhaupt

Pacelli war mit den Verhältnissen in Deutschland bestens vertraut und galt als ein exzellenter Diplomat. Als er 1958 starb, schrieb die damalige israelische Außenministerin und spätere Premierministerin Golda Meir: "Wir haben einen Diener des Friedens verloren. Die Stimme des Papstes war während der Nazizeit klar, und sie verteidigte die Opfer."

Doch spätestens mit dem Theaterstück "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth veränderte sich 1963 das Bild des "Engelspapst", wie er von vielen katholischen Gläubigen nach seinem Tod genannt wurde. Der deutsche Dramatiker warf Pius XII. vor, seine Stimme nicht laut genug gegen das NS-Regime erhoben zu haben.

Apostolisches Archiv für die Zeit ab 1938 nicht zugänglich

Zwar haben seitdem viele Historiker das Handeln des Papstes untersucht und ein differenziertes Bild erarbeitet. Doch alle Forschungen standen bisher unter einem gewissen Vorbehalt. Denn die vatikanischen Archive waren für die Zeit ab 1938 verschlossen.

Zum 81. Jahrestag der Wahl Pacellis zum Kirchenoberhaupt am 2. März hat Papst Franziskus nun die Öffnung aller vatikanischen Archive für die Zeit des Pontifikats von 1939 bis 1958 verfügt. Allein im Vatikanischen Apostolischen Archiv, das bis vor kurzem noch "Vatikanisches Geheimarchiv" hieß, lagern nach Angaben des Kirchenhistorikers Hubert Wolf mehr als 200.000 archivalische Einheiten, also Schachteln, Boxen und Mappen mit jeweils bis zu 1.000 Blatt Umfang. Nach Einschätzung von Wolf wird es zwei bis drei Jahre dauern, bis erste seriöse Forschungsergebnisse vorliegen.

Deutsche Historiker werden Akten zu Pius XII. untersuchen

Der Münsteraner Kirchengeschichtler wird mit einem sieben Personen umfassenden Team in den neu zugänglichen Teilen der vatikanischen Archive forschen. Dabei ist die Frage nach Pius XII. und dem Holocaust nur eines von vielen Themen, zu denen sich Wolfs Team und die Forscher aus den anderen Ländern Antworten erhoffen.

So wird es auch darum gehen, welche Rolle Pius XII. und die katholische Kirche in der Nachkriegszeit spielten. Was wusste der Papst über die sogenannte Rattenlinie, also die Fluchtrouten führender Nazis nach Südamerika? Welche Rolle spielte Pius XII. bei der Ost-West-Blockbildung oder der neuen Friedensordnung in Europa? Es sei auffallend, so Wolf, dass Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide de Gasperi Audienzen beim Papst hatten, also genau jene Männer, die später zu den treibenden Kräften eines vereinten Europas wurden.

Neben den politischen gibt es auch eine Reihe innerkirchlicher und theologischer Themen, bei denen die Archivöffnung Licht ins Dunkel bringen soll. So hatte sich Pius XII. 1947 in einem lehramtlichen Dokument zu Fragen der Weihe von Diakonen, Priestern und Bischöfen geäußert und einige Änderungen eingeführt. Die genaueren Zusammenhänge und Hintergründe könnten wichtig sein bei der Frage, ob und wie die kirchliche Lehre in so zentralen Punkten wie etwa der Weihe verändert wurde.

Wenn das in der Vergangenheit möglich war, dann müsste es in der Gegenwart auch möglich sein. Damit bekommt das Thema eine Brisanz in der aktuellen Debatte um Reformen und die Frage nach der Weihe von Frauen für bestimmte kirchliche Ämter.

Hat der Vatikan unangenehme Papiere aussortiert?

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Vatikan heikle Dokumente zu Pius XII. vor der Öffnung aussortiert hat, halten Experten für gering. Zum einen gebe es für viele Vorgänge Dubletten in anderen Archiven, zum anderen würden die Forscher solche Lücken sicherlich bei genauer Recherche finden. Der Imageschaden für die katholische Kirche wäre groß.

Die Öffnung der Archive ist nicht nur für die Forschung ein wichtiger Schritt. Sie kann auch helfen, das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum auf eine solidere Basis zu stellen. Denn die Debatte um Pius XII. und sein Verhalten zum Holocaust während des Krieges und danach belastete die Beziehungen immer wieder. Stets stand der Verdacht im Raum, der Vatikan halte wichtige Informationen zurück. Die Offenlegung aller vorhandenen Dokumente kann hier Abhilfe schaffen.

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