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Interview mit Sahra Wagenknecht - "Ich würde mich nie als Opfer inszenieren"

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Sahra Wagenknecht hat eine Abrechnung mit der "Lifestyle-Linken" geschrieben. Ein Gespräch über Identitätspolitik, die AfD und Wagenknechts Widerwillen gegen "woke" Bewegungen.

Sahra Wagenknecht im Interview - unter anderem über Identitätspolitik, "Fridays for Future" und die AfD

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4 min
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ZDFheute: Frau Wagenknecht, welche Identität haben Sie?

Sahra Wagenknecht: Jeder Mensch hat mehrere Identitäten. Natürlich bin ich Bürgerin dieses Landes. Ich fühle mich auch als Europäerin und ich verstehe mich als Linke. Also ja, Identität ist etwas Wichtiges. Aber was mich ärgert, ist, dass im Rahmen identitätspolitischer Debatten immer das Trennende in den Vordergrund gestellt wird: Es interessiert mich nicht, welche Abstammung jemand hat. Die sexuelle Orientierung ist Privatsache.

Aber die sogenannte Identitätspolitik bläst gerade solche Fragen zu fundamentalen Trennlinien auf, die darüber entscheiden, wer worüber reden darf oder wer ein Opfer ist. Ich habe selbst einen iranischen Vater und wurde als Kind für mein Aussehen gehänselt, weil es in dem Dorf, wo ich gelebt habe, keine anderen Kinder nicht-deutscher Eltern gab. Trotzdem würde ich mich heute nie als Opfer inszenieren. 

ZDFheute: Worum geht es Ihnen also in dieser Debatte?

Wagenknecht: Mir geht es um die schwindende Akzeptanz der gesellschaftlichen Linken. Die aktuelle Situation muss uns doch umtreiben. Die Union zerlegt sich auf offener Bühne - sowohl in der K-Frage als auch durch ihr miserables Krisenmanagement. Und trotzdem kommen SPD und Linke in der Wählergunst zusammen kaum noch auf 25 Prozent. Dafür gibt's doch Ursachen.

Und eine Ursache ist, dass Linke dazu tendieren, Themen in den Vordergrund zu stellen, die an den wirklichen Problemen der Menschen vorbeigehen, mehr noch: die von vielen Menschen als Herabsetzung empfunden werden. Wenn sie etwa von "woken" Akademikern belehrt werden, wie sie zu sprechen und zu denken haben, wenn eine sehr privilegierte Lebensweise als progressiv verklärt wird. E-Auto fahren, Bio-Produkte kaufen oder in der Innenstadt wohnen, wo man mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann - das sind alles Dinge, die man sich erstmal leisten können muss.

ZDFheute: Sie polemisieren in Ihrem Buch gegen Protestbewegungen wie "Fridays For Future". Was haben Sie gegen diese - meist jungen - Menschen, die für Klimaschutz auf die Straße gehen?

Wagenknecht: Ich begrüße es, wenn junge Menschen sich engagieren. Aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Bewegung fast nur von jungen Leuten aus relativ wohlhabenden Elternhäusern getragen wurde, die sich selbst der oberen Mittelschicht zurechnen. Viele der Forderungen sind dadurch geprägt, dass die soziale Frage für einen Großteil der Aktivisten nachrangig ist. Aber wenn Menschen, denen es selbst noch nie an etwas gefehlt hat, anderen Verzicht predigen, dann kommt das bei den weniger Begünstigten naturgemäß nicht gut an.

Die Verteuerung von Sprit und Heizöl bedeutet gerade für die, die um ihr bisschen Wohlstand schon in den letzten Jahren immer härter kämpfen mussten, eine weitere Verschlechterung. Zumal diese Menschen eher nicht in modernen Niedrigenergiehäusern wohnen und es auf dem Lande überhaupt keine Alternative zum Auto gibt. Wir brauchen eine Politik gegen den Klimawandel, aber das scheint mir kein sinnvoller Weg zu sein.

ZDFheute: Die AfD beklatscht Ihre Thesen, wirbt in Sachsen-Anhalt sogar mit Ihrem Konterfei. Wenn Sie selbstkritisch sind: Wie kommt diese Nähe zur AfD zustande?

Wagenknecht: Es gibt keine Nähe. Diese Vereinnahmung ist eine Unverschämtheit und ich gehe rechtlich dagegen vor. Die AfD weiß natürlich sehr genau, dass die Linke mit Identitätspolitik die kleinen Leute verprellt. Und die AfD weiß auch, dass eine Linke, die ein eher populäres Programm hat und sich an die breite Mehrheit richtet, der AfD schaden würde. Natürlich versuchen sie mich deshalb zu diskreditieren. Die AfD wäre ja viel schwächer, wenn sie nicht auch teilweise Dinge ansprechen würde, die Menschen bewegen.

Also haben sie eine Aussage von mir genommen: Zuwanderung begrenzen. Nach Umfragen ist die große Mehrheit der Deutschen der Meinung, dass Zuwanderung in bestimmten Bereichen richtig und legitim ist, aber begrenzt werden muss. Das heißt: Die Aussage ist ja nicht von der AfD, sondern wird von der Mehrheit geteilt. Und wenn die Linke der AfD den Gefallen tut, reale Probleme zu verleugnen, nur weil die AfD sie auch anspricht, dann hilft sie letztlich der AfD. Ich aber will der AfD nicht helfen, ich will sie schwächen.

ZDFheute: Die Linke teilt Ihre Position ausdrücklich nicht, dass Zuwanderung begrenzt werden soll. Jetzt sind Sie gerade Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen geworden und viele in Ihrer Partei fragen, ob Sie eigentlich noch die Grundpositionen teilen. Tun Sie das?

Wagenknecht: Wir sind eine pluralistische Partei und in dem Wahlprogramm stehen viele Dinge, die ich leidenschaftlich unterstütze, gerade im Bereich Soziales. In der Frage der Zuwanderung gibt es eben unterschiedliche Meinungen. Die Sicht auf die Folgen von Migration in unserem Land hat letztlich wieder viel mit der persönlichen Situation zu tun. Als Bundestagsabgeordnete muss ich mit keinem Zuwanderer um meinen Job konkurrieren.

Und wer ein gutes Einkommen hat, der wohnt in Vierteln, in denen die eigenen Kinder in der Schule mit anderen Kulturen allenfalls im Literatur- und Kunstunterricht Bekanntschaft machen. Die Situation, in eine Klasse eingeschult zu werden, in der eine Mehrheit kein Deutsch spricht, wird man da nicht kennenlernen. Wenn Leute, die in einem ökonomisch abgeschotteten Milieu leben, dann diejenigen, die mit solchen Problemen täglich zu tun haben, als Rassisten diffamieren, weil sie hohe Zuwanderung nicht nur als Bereicherung erleben, ist das anmaßend.

ZDFheute: Sie schreiben in Ihrem Buch, die rechten Parteien seien heute die neuen Arbeiterparteien. Sind Sie denn ganz grundsätzlich noch in der richtigen Partei?

Wagenknecht: Ich stelle etwas fest, was uns erschrecken muss: Dass gerade die Arbeiterschaft inzwischen überproportional rechts wählt, nicht nur in Deutschland. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg war die AfD bei den Arbeitern wieder die stärkste Partei. Im Osten hat sie noch höhere Werte. Wer daraus nicht den Schluss zieht, dass die Linken etwas falsch gemacht haben, ist wirklich selbstgerecht.

Das Interview führte Andrea Maurer. Sie ist Redakteurin im ZDF-Haupstadtstudio in Berlin.

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