Sie sind hier:

Wahlanalyse zur Bundestagswahl - SPD-Erfolg und CDU/CSU-Debakel

Datum:

Die SPD könnte der schwächste Wahlsieger aller Zeiten werden, für die Union ist das Ergebnis ein Debakel. Die Grünen legen zu und bleiben doch hinter den Erwartungen. Die Analyse.

Eine Wählerin wirft ihren Stimmzettel in einem Wahllokal in die Wahlurne in Nordrhein-Westfalen.
Eine Wählerin wirft ihren Stimmzettel in einem Wahllokal in die Wahlurne in Nordrhein-Westfalen.
Quelle: dpa

Kanzlerqualitäten bei Scholz, Skepsis bei Koalitionen

Bei der Wahl zum 20. Deutschen Bundestag fällt die CDU/CSU auf ein Allzeittief, die SPD legt zu und ist - dann als schwächster Wahlsieger bei Bundestagswahlen - auf dem Weg zur stärksten Partei. Die Grünen verzeichnen deutliche Zuwächse, die FDP bleibt relativ stabil, AfD und Linke haben Verluste. Die Linke rutscht unter die Fünf-Prozent-Marke, wird aber nach dem Gewinn von drei Direktmandaten dank Grundmandatsklausel im nächsten Bundestag vertreten sein. Die Wahlbeteiligung liegt stabil bei 76,6 Prozent (plus 0,4).

Merkel-Nachfolge: Nur Scholz mit Kanzlerqualitäten

Für das Unions-Debakel und den SPD-Erfolg gibt es zahlreiche Gründe: Bei einer CDU/CSU ohne Angela Merkel an der Spitze kommen zu einem historisch schwachen Kandidaten Imageverluste als Partei und erhebliche Defizite bei den Sachkompetenzen.

Begünstigt von einer indisponierten Union profitiert die SPD vom Wunsch nach sozialdemokratischer Regierungsführung sowie von ihrem Parteiansehen, gewachsenem Politikvertrauen und dem einzigen Kandidaten mit Kanzlerqualitäten: Für 67 Prozent der Deutschen eignet sich Olaf Scholz als Regierungschef. Bei Armin Laschet (CDU/CSU) sehen nur 29 Prozent und bei Annalena Baerbock (Grüne) 23 Prozent die Eignung für dieses Amt.

Grafik: Als Bundeskanzler/in geeignet: Jeweils "Ja"
Grafik: Als Bundeskanzler/in geeignet: Jeweils "Ja"
Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen

Kandidaten: Laschet historisch schwach

So attestiert das Gros der Befragten Scholz den meisten Sachverstand; bei "Glaubwürdigkeit" oder "zukünftige Probleme lösen" führt er weniger deutlich. Baerbock punktet etwas mit "Sympathie", Laschet bleibt überall schwach. Hinzu kommt ein erhebliches Imageproblem: Auf der +5/-5-Skala liegt der CDU-Chef bei minus 0,5. Nie zuvor hatte ein Kanzlerkandidat weniger Ansehen.

Grafik: Laschet, Scholz, Baerbock: wer...
Grafik: Laschet, Scholz, Baerbock: wer...
Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen

Baerbock erreicht nur minus 0,3, wogegen Scholz bei schwacher Polarisierung mit 1,4 positiv bewertet wird, ohne dabei an Angela Merkel (2,2) heranreichen zu können. Letztendlich wünschen sich 48 Prozent Scholz, 24 Prozent Laschet und nur 14 Prozent Baerbock als Kanzler/in.

Grafik: Wen hätten Sie am liebsten als Kanzler/in?
Grafik: Wen hätten Sie am liebsten als Kanzler/in?
Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen

Zukunftsvorbereitung: Defizite bei Union und SPD

Dass die SPD jetzt auch beim Parteiansehen führt, liegt primär an der schwachen Performance der Konkurrenz. Auf der +5/-5-Skala wird die SPD konstant positiv bewertet (1,3; 2017: 1,3), wogegen die CDU/CSU (0,7; 2017: 1,7) einbricht.

Einher geht der Imageverlust der Union mit rückläufigen Sachkompetenzen, die bei "Wirtschaft" und "Zukunft" sehr heftig ausfallen. Erstmals seit 2005 spricht eine Mehrheit von einer schlechten Zukunftsvorbereitung unseres Landes, wobei die SPD im Politikfeld "Zukunft" ebenfalls nicht überzeugen kann.

Sachkompetenzen: Gesamtvorteil SPD

Anders ist das bei "Rente" und "Bildung": In diesen Bereichen lässt die SPD die Union bei den Kompetenzen hinter sich; bei "neue Jobs" verliert die Union nach fast zwei Jahrzehnten ihre Vormachtstellung und bei "soziale Gerechtigkeit" werden die C-Parteien klar deklassiert. Die meisten Deutschen beklagen eine zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, befürworten stärkere Abgaben auf hohe Einkommen und setzen auch beim Thema "Steuern" mehrheitlich auf SPD-Politik.

Top-Thema Klimaschutz: Grüne Domäne

Die Union gilt als führend bei den Themen "Flüchtlinge/Asyl" und "Corona", die bei der Wahlentscheidung aber eher wenig Einfluss hatten. Beim Top-Thema Klimaschutz, wofür die Politik nach Ansicht von 63 Prozent "zu wenig tut", setzen die weitaus meisten Deutschen auf die Grünen. Diese gelten auch häufiger bei "Zukunft" und "Bildung" als kompetenteste Partei, bleiben bei ökonomischen Themen aber schwach und stagnieren außerdem beim Parteiansehen (0,4; 2017: 0,5).

Grafik: Parteikompetenzen im Bereich ...
Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen

AfD, FDP und Linke: Spezifische Stärken

AfD (minus 3,2; 2017: minus 2,8), FDP (0,3; 2017: 0,7) und Linke (minus 1,2; 2017: minus 0,4) haben Imageverluste und inhaltlich nur spezifische Stärken. Die Linke punktet etwas bei "sozialer Gerechtigkeit", die FDP bei "Wirtschaft" und "Steuern" und die AfD bei "Flüchtlinge/Asyl".

Die AfD wird gewählt von Bürgern und Bürgerinnen, die neben der Merkel-Regierung auch die Kanzlerkandidaten kritisch sehen, die zur Klimapolitik, zu Corona-Maßnahmen oder zu Ausländern sehr eigene Ansichten haben und für die die AfD eine Kommunikationsplattform ist.

Grafik: Bewertung der Parteien
Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen

Wer wählte wen? Union verliert ihre Bastion 60plus

Besonders bemerkenswert ist der SPD-Erfolg in der Generation 60plus: Mit 35 Prozent (plus zehn) liegt sie hier mit der Union (34 Prozent; minus sieben) auf Augenhöhe – in einer hochrelevanten Gruppe, die für die C-Parteien langjähriger Erfolgsgarant war. Bei allen unter 60-Jährigen, hier führt die SPD mit 22 Prozent, liegen die Grünen mit der Union jetzt auf einem Niveau (18 bzw. 19 Prozent).

Bei den unter 30-Jährigen fällt die Union mit nur noch elf Prozent weit hinter Grüne (22 Prozent), FDP (19 Prozent) und SPD (17 Prozent) zurück. Während SPD und Grüne bei Frauen stärker abschneiden als bei Männern, verläuft der Gender-Gap bei AfD und FDP umgekehrt, bei Union und Linke gibt es hier kaum Differenzen.

Die AfD erzielt ihre besten Ergebnisse bei den 30- bis unter 60-jährigen Männern, im Osten wird die AfD bei allen unter 60-jährigen Wähler*innen stärkste Kraft. Die FDP ist besonders stark bei den unter 30-jährigen Männern, bei allen ab 60-Jährigen hat sie Verluste. Bei der Linken gibt es zwischen U-60 und den ab 60-Jährigen geringe Unterschiede, auffällig ist aber ihr Einbruch im Osten, wo die SPD jetzt sehr deutlich zulegen kann.

Regierungsmodelle: SPD-Führung, aber viel Distanz

Für das Parteiensystem markiert die 20. Bundestagswahl eine Doppelzäsur: Mit Ende der Ära Merkel verliert die Union ihren Nimbus als dominante Kraft und zusammen sind die beiden ehemals großen Parteien schwach wie nie. Eine erneute große Koalition lehnen die Deutschen ab, gehen aber auch klar auf Distanz zu "Jamaika" (gut/schlecht: 33/49 Prozent), einer "Ampel" (28/47) oder "Rot-Grün-Rot" (22/64).

Grafik: Eine Koalition aus ... finden:
Grafik: Eine Koalition aus ... finden:
Quelle: ZDF/Forschungsgruppe Wahlen

Konträr zu 2017 wird aber lieber eine SPD-geführte (55 Prozent) als eine CDU/CSU-geführte Regierung (36 Prozent) gewünscht, was sich neben dem inhaltlichen Gesamtplus der SPD mit dem Kandidatentableau erklärt: In einem Land mit einer breiten Problemagenda steht Olaf Scholz für eine Veränderung, die mit dem Abgang einer hochgeschätzten Angela Merkel im Kanzleramt am ehesten qualitative Kontinuität verspricht.

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.388 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Deutschland in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 41.373 Wähler*innen am Wahltag.

ZDFheute Update

Nachrichten | In eigener Sache - Jetzt das ZDFheute Update abonnieren 

Wie laufen die Gespräche über eine neue Regierung? Verpassen Sie nichts mit unserem kompakten Nachrichtenüberblick am Morgen und Abend. Jetzt bequem und kostenlos abonnieren.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.