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Wahlverhalten in Ostdeutschland : Rot, Schwarz oder Blau?

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Nur etwa 20 Prozent aller Wählerstimmen gibt es in Ostdeutschland zu gewinnen. Dennoch hat der Osten einen großen Einfluss auf die politische Zukunft Deutschlands.

Passanten sitzen vor der Kulisse der Altstadt Dresdens am Ufer der Elbe auf einer Mauer am 02.09.2021.
Wahlverhalten in Ostdeutschland: Als größte Verliererin der vergangenen Jahre gilt die Linke.
Quelle: dpa

Zwar leben in ganz Ostdeutschland weniger Wahlberechtigte als in Nordrhein-Westfalen, dennoch hat die ostdeutsche Wählerschaft einen großen Einfluss auf die politische Zukunft der Bundesrepublik.

Rot, Schwarz oder Blau?

In der jüngeren Vergangenheit haben wir gesehen, dass auch wenige Stimmen manchmal einen großen Unterschied machen,

sagt Manuela Blumenberg, Wahlforscherin bei Gesis, dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim.

Im Schlussspurt vor der Bundestagswahl am 26. September bemühen sich vor allem Sozial- und Christdemokraten intensiv um die Gunst der Wähler im Osten. In der jüngeren Vergangenheit mussten die beiden Volksparteien dort je nach Region empfindliche Verluste hinnehmen, während die AfD deutlich hinzugewann.

Immer wieder schauen wir nach Landtagswahlen gebannt in den Osten: Was haben die sich da wieder zusammengewählt? Könnte sich auch die Bundestagswahl im Osten entscheiden?

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11 min
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Geringe Parteibindung, große Überraschungseffekte

Besonders motivierend für die Wahlkämpfer ist das stark volatile Wahlverhalten der Menschen im Osten.

Es gibt keine enge Parteibindung, deshalb ist im Osten immer mit größeren Überraschungen zu rechnen.
Wolfgang Schroeder, Politologe, Universität Kassel

Während sich die Grünen Umfragen zufolge im Osten weiter schwertun, könnte eine große Überraschung das Wiedererstarken der SPD sein. Während sie bei den letzten Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt weit hinter der AfD jeweils nur einstellige Ergebnisse erzielte, scheint es nun eine Trendumkehr zu geben.

Wird der Osten "sozialdemokratische Halbrepublik"?

Derzeit sieht es so aus, als würde der Osten am 26. September zu einer sozialdemokratischen Halbrepublik,

sagt Parteienforscher Schroeder.

In den Umfragen zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der Abgeordnetenhauswahl in Berlin, die am gleichen Tag stattfinden, sieht Schroeder die Kandidatinnen Manuela Schwesig und Franziska Giffey gar "durch die Decke gehen".

Politbarometer Projektion Mecklenburg-Vorpommern,  17.09.2021

ZDF-Politbarometer Extra - Rennen in Berlin eng, Schwerin: Schwesig vorn 

In Mecklenburg-Vorpommern kann Manuela Schwesig laut ZDF-Politbarometer Extra mit einem Wahlsieg rechnen. Bei der Berlin-Wahl gibt es eine große Unzufriedenheit mit den Parteien.

Große Versäumnisse, kaputtes Vertrauensverhältnis

Vorsichtiger drückt sich Wahlforscherin Blumenberg aus. Sie sagt: In den vergangenen Jahren hätten es die Volksparteien im Osten versäumt, die Wählerinnen und Wähler "in ihren Positionen abzuholen".

Große Diskrepanzen in den Einstellungen zwischen Ost- und Westdeutschland gab und gibt es bei Fragen der Einwanderung und der sozialen Absicherung.
Manuela Blumenberg, Wahlforscherin

Beide Themen seien "hochemotional" und lösten Ängste bei vielen Wählerinnen und Wählern im Osten aus. In den vergangenen Jahren sei in Ostdeutschland viel Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des politischen Systems verlorengegangen, konstatiert Blumenberg. "Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, wird viel Arbeit."

Soziologe Engler über schwere Versäumnisse der Linken

Ähnlich sieht es der Berliner Soziologe und Publizist Wolfgang Engler. Als größte Verliererin der vergangenen Jahre betrachtet er die Linke. Sie regiert zwar in Thüringen, in anderen Regionen Ostdeutschlands hat sie nach 2015 aber Hunderttausende Wähler an die AfD verloren.

Die Linke hat Merkels Kurs der uneingeschränkten Willkommenskultur vehement unterstützt und es dabei versäumt, den eigenen Stammwählern zu vermitteln, dass es keine Abkehr von ihnen bedeutet.
Soziologe Wolfgang Engler

Vor allem auf die vielen Linken-Wähler mit starker Sozialstaatsbindung, die sich besorgt fragten "Wenn eine Million Zuwanderer kommen, wo bleiben wir dann?", habe die Linke zu "zögerlich" reagiert, so Engler.

Fehler der Nachwendezeit sorgen für Frust im Osten

In diese Lücke sei vehement die AfD gestoßen. Inzwischen ist sie fast überall im Osten zweitstärkste Partei. Viele Menschen haben Engler zufolge damit einhergehend gespürt: "Hoppla, plötzlich interessiert man sich im Westen für unsere Sorgen und Probleme!"

Die Folgen der weitgehenden Deindustrialisierung des Ostens zu Beginn der 1990er-Jahre, die im Vergleich zum Westen noch immer deutlich höhere Arbeitslosigkeit und weiterhin markant geringere Löhne sind spürbar und sorgen bei vielen Menschen in Ostdeutschland für Frust.

Starker Wunsch im Osten, wertgeschätzt zu werden

Engler prognostiziert daher, dass die AfD im Osten prozentual im Schnitt am 26. September doppelt so viele Wählerstimmen bekommen wird wie im Westen. Er rechnet damit, dass dies vor allem zu Lasten der CDU gehen wird.

"Ich fürchte, das sind in der Mehrheit nicht mehr nur Protestwähler", so Engler. "Da sind Bindungen entstanden und die Wähler sagen: Wenn wir jetzt nachlassen, geraten wir wieder aus dem Fokus und werden nicht wahr- und ernstgenommen."

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von Robert Meyer
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