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"Walk of Steel" - Eine Branche im Umbruch

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Stahlarbeiter appellieren an EU - "Walk of Steel" - Eine Branche im Umbruch

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Bis nach Brüssel marschieren saarländische Stahlarbeiter, um für die Zukunft ihrer Branche zu demonstrieren. Die könnte grün werden, dabei würden aber Standorte wegfallen.

Stahlarbeiter laufen von Völklingen 350 Kilometer nach Brüssel. Mit dem „Walk for Steel“ wollen sie auf die Krise ihrer Branche aufmerksam machen und fordern eine klimafreundlichere Produktion mit grünem Strom.

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Es regnet in Strömen, der Wind ist eiskalt - trotzdem wandert die kleine Gruppe im Stechschritt an der Landstraße entlang. Auf den Windjacken steht: Walk of Steel "Stahl ist Zukunft, CO2 frei, dafür laufen wir". Ihr Wanderweg: Völklingen, Saarland - Brüssel, Europa-Kommission. Ein Hilferuf der besonderen Art. Die Stahlarbeiter und Betriebsräte laufen für ihre Arbeitsplätze, die Branche ist in der Krise.

Forderungen an Frans Timmermans

"Ich hab jetzt miterlebt, wie die ersten Befristeten bei uns im Werk entlassen wurden", erklärt einer der Stahlarbeiter aufgebracht. "Ich muss wirklich sagen: Die Mitarbeiter sind Familienväter, die sich eine Immobilie gekauft und abzubezahlen haben. Die haben bei uns gesessen und bitterlich geweint, ich will sowas nicht haben!"

350 Kilometer-Fußmarsch für den Erhalt der Saar-Stahlindustrie
350 Kilometer-Fußmarsch legen die Stahlarbeiter aus dem Saarland hinter sich.
Quelle: dpa

In einer Plastikröhre haben Sie eine Liste mit Forderungen eingerollt, ein Eisenwerk aus Beckingen hat eine Stahlschraube dazugelegt, ein Gruß an Frans Timmermans, EU-Kommissar, für Klimaschutz.

Deutscher Stahl finanziell unattraktiv

Die Herausforderungen sind groß. Der Markt leidet unter einer Überproduktion von Stahl und Billigimporte aus China, der Türkei, Ukraine, Indonesien und anderer Billigproduktionsländer machen den teuren deutschen Stahl zumindest finanziell unattraktiv.

Weltweit ist Deutschland der siebtgrößte Stahlproduzent. 39,7 Millionen Tonnen Rohstahl wurden im letzten Jahr produziert. So niedrig war die Produktion seit elf Jahren nicht mehr. Die Nachfrage sinkt, auch weil die Automobilbranche und der Maschinenbau sich in einem ständigen Strukturwandel befinden.

Ohne Kohle könnte Stahl klimafreundlich werden

Der CO2-Ausstoß bleibt allerdings beachtlich. 57 Millionen Tonnen CO2 werden bei der Stahlproduktion frei, das sind 30 Prozent der gesamten Emissionen der deutschen Industrie.

Theoretisch ginge das anders. Wenn man Stahl nicht, wie bisher, mit Kokskohle produzieren würde, sondern mit Wasserstoff, könnten die Emissionen um bis zu 97 Prozent gesenkt werden.

"Die Technologie gibt es, um Stahl klimafreundlich herzustellen", sagt Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender von Dillinger und Saarstahl. "Sie rechnet sich derzeit nur nicht. Ich plädiere dafür, dass wir einen verbindlichen Zeitplan vereinbaren, in dem wir die Transformation auch stemmen können."

"Grüner Stahl" benötigt 30 Milliarden Euro

Allerdings brauche man jetzt klare politische Ansagen, um investieren zu können. Die Branche geht davon aus, dass 30 Milliarden Euro investiert werden müssten, um diesen sogenannten "Grünen Stahl" produzieren zu können, aber dieses Geld können sie nicht selbst aufbringen.

Am Sonntag saß Tim Hartmann mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf einem Diskussionspodium - seine Ansage klar: "Die Entscheidung muss in diesem Jahr fallen, jetzt wird sich zeigen, ob wir in Europa Modellregion werden, oder ob wir Klimaversager werden."

Betriebsräte setzen Hoffnung in Wirtschaftsminister Altmaier

Im Publikum auch viele Betriebsräte der saarländischen Stahlunternehmer. Sie haben große Hoffnungen in Peter Altmaier (CDU) gesetzt, in den mächtigen Saarländer in Berlin. Jetzt haben sie Angst, enttäuscht zu werden. Der Wirtschaftsminister verbreitet vorsichtigen Optimismus:

"Ich bin seit Monaten im Gespräch mit den Chefs aller stahlproduzierenden Unternehmen in Deutschland, die Gewerkschaften sind an den Gesprächen beteiligt. Wir treffen uns in der kommenden Woche erneut und ich gehe davon aus, dass wir möglichst bald dieses gemeinsame Konzept haben werden." Dann müsse es parlamentarisch angenommen werden, aber er sei zuversichtlich, dass sich die Große Koalition einig werde.

Stahl-Standorte werden verloren gehen

Sollte es tatsächlich eine Einigung geben, wird dies die Stahlbranche grundsätzlich verändern. "Wenn man deutschen Stahl künftig als grünen Stahl erzeugt - also ohne CO2-Emissionen - dann hat das sicherlich eine Zukunft", erklärt der Stahlexperte Roland Döhrn vom Essener Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung RWI.

Aber das heißt auch: Die Branche ist im Umbruch. Es werden sicherlich nicht alle Standorte erhalten bleiben, oder es wird sogar Stahl an ganz neue Standorte wandern.
Roland Döhrn, RWI

Denn nicht an allen Standorten, an denen heute Stahl produziert wird, sind die Bedingungen für die stromintensive "grüne" Produktion gegeben. Das Saarland zum Beispiel wäre dafür nur bedingt geeignet.

Großdemo der IG Metall abgesagt

Die Forderungen der saarländischen Wanderer des "Walk of Steel" sind die gleichen wie die vieler anderer Stahlstandorte in Deutschland. Deshalb hatte die IG Metall ursprünglich für Montag eine Großdemo in Brüssel geplant. Die wurde allerdings abgesagt, wegen Sturmtief "Sabine".

350 Kilometer-Fußmarsch für den Erhalt der Saar-Stahlindustrie
Die Stahlarbeiter wollen trotz Sturmtief "Sabine" ihr Projekt durchziehen.
Quelle: dpa

Die Saarländer aber ziehen ihr Projekt durch. "Wir haben den Walk of Steel begonnen, wir führen ihn auch zu Ende". Am Montag bekommt Frans Timmermans die Liste überreicht, als Inspiration für die nächsten Gespräche über die Zukunft der Stahlindustrie in Deutschland und Europa.

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