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Interview

78 Jahre Warschauer Aufstand : Augenzeuge: "Am 1. August war ich frei"

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Am 1. August 1944 erhoben sich in Warschau Zehntausende Menschen gegen die NS-Terrorherrschaft. 78 Jahre später berichten zwei Augenzeugen, wie sie diese Tage erlebten.

Zeitzeugen Jerzy Mindziukiewicz (links) und Jerzy Substyk (rechts) vor dem Denkmal des Warschauer Aufstands
Die Zeitzeugen Jerzy Mindziukiewicz (links) und Jerzy Substyk (rechts) vor dem Denkmal des Warschauer Aufstands.
Quelle: ZDF

Jerzy Józef Mindziukiewicz und Jerzy Substyk wurden beide im Jahr 1927 in Warschau geboren. Mit 17 Jahren beteiligten sie sich am Warschauer Aufstand. Heute sind sie Vorsitzender und Vizevorsitzender des Verbandes der Warschauer Aufständischen.

ZDFheute: Am 01. August 1944 begann der Warschauer Aufstand. Wie blicken Sie darauf zurück?

Jerzy Substyk: Historiker fragen sich heutzutage, ob der Aufstand nötig war. Für mich - damals ein junger Mann, der sich fünf Jahre wegen des Kriegs verstecken und rennen musste, voller Angst - war der 1. August der Tag, an dem ich frei war. Auf den Straßen weiß-rote Fahnen, ich - mit der Waffe in der Hand - kämpfte gegen den Okkupanten.

Die 63 folgenden Tage waren die schönsten Tage in meinem damaligen Leben.
Jerzy Substyk, Aufständischer in Warschau

Jerzy Mindziukiewicz: Es gab Sirenen. Ich wartete auf meine Kollegen der Untergrundbewegung, aber niemand ist gekommen. Ich war aufgelöst. Ich sah rennende Jungen, kaum bewaffnet. Nur einer hatte eine Waffe, der Rest hatte nur Flaschen mit Benzin, also war ich verwirrt. Ich wollte zu meinen Kameraden. An einer Ecke wurde ich so beschossen, dass nicht viel fehlte und ich wäre da nicht lebend raus gegangen.

Vor 78 Jahren begann der Warschauer Aufstand, der von den Nazis blutig niedergeschlagen wurde. In Zeiten des Ukraine-Krieges bekommt das Gedenken eine besondere Bedeutung.

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2 min
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ZDFheute: Woher wussten Sie, wie man kämpft?

Mindziukiewicz: Vor dem Aufstand war ich in einer Untergrundbewegung. Uns wurde gezeigt, wie man Pistolen zerlegt, zusammenbaut und wie man zielt. Dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Granate geworfen. Ich gebe mit Scham zu, dass ich etwas Angst hatte. Man musste zählen: 101, 102, 103. Ich wusste nicht, ob ich nicht zu langsam zählte. Aber es klappte.

Substyk: Schon im Jahr 1942 trat ich in die Untergrundbewegung ein. Ich war 15 Jahre alt, aber ich fühlte mich wie ein Erwachsener, da ich gemeinsam mit den Erwachsenen gegen den Feind kämpfte.

ZDFheute: Der Feind war der Deutsche. Was fühlen Sie heute, wenn sie Deutsch hören?

Substyk: Als man zur Zeit der Okkupation Deutsch hörte, hieß es Menschenjagd. Sie schossen, man hatte Angst.

Wenn ich heute die deutsche Sprache höre, nehme ich sie einfach als eine der Sprachen Europas hin.
Jerzy Substyk, Aufständischer in Warschau

Mindziukiewicz: Ich denke, das ändert sich. Ich habe viele traurige Dinge vergessen. Allerdings habe ich auch in Erinnerung, dass viele Freunde verstorben sind.

Im August 1944 hatte sich die Polnische Heimatarmee gegen die Besatzungsmacht der Nazis erhoben. Nach 63 Tagen war der Warschauer Aufstand blutig niedergeschlagen.

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1 min
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ZDFheute: Sie aber haben überlebt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Mindziukiewicz: Anfang August wurde ich verletzt und wurde nach dem Krankenhaus in ein Lager gebracht. Das war wie eine Halle: Hunderte Menschen, keine Luft zum Atmen. Das Bild war schrecklich, der Geruch noch schlimmer. Ich ging raus. Da stand ein deutscher Soldat, der sagte, dass ich ihn schrecklich an seinen Sohn erinnerte.

Er schickte mich zu einem Essenswagen, mit zwei Küchenhilfen. Eine zog ihre Binde herunter und zog sie mir über meine Hand. Dann fuhr ich mit dem Wagen zur Küche und dort arbeitete ich.

Wer hätte gedacht, dass im Lager zu mir ein Deutscher kommt, der mich davor rettet, nach Deutschland oder vielleicht sogar nach Auschwitz weiter verlagert zu werden.
Jerzy Mindziukiewicz, Aufständischer in Warschau

Substyk: Nach dem Aufstand war ich in zwei deutschen Kriegsgefangenenlagern. Im April 1945 wurden wir von der britischen Armee befreit. Ende 1946 kehrte ich ins Land zurück. Ich kam am 24. Dezember in Warschau an, Heiligabend. Gegen eine Schachtel amerikanische Zigaretten fuhr mich ein Kutscher heim.

Meine Mutter öffnete die Tür und erkannte mich nicht. Da ich in britischer Uniform war, wusste sie, dass ich aus dem Westen kam und fragte, ob ich Nachricht von ihrem Sohn brachte. Ich sagte, Mama, das bin ich. Wir weinten, das war mein erster Heiligabend gemeinsam mit meiner Familie nach 2,5 Jahren. So endete meine Epoche des Aufstandes.

Um die Deutschen und ihre Erinnerungskultur geht es bei einer Podiumsdiskussion im NS-Dokumentationszentrum in München. Anlass ist die ZDF-Serie „Krieg und Holocaust – der deutsche Abgrund“.

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2 min
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ZDFheute: Die heutige PiS-Regierung spricht zurzeit viel über Reparationen aus Deutschland. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Substyk: Viele Länder haben Reparationen erhalten. Dass die heutige polnische Rechte (rechtsorientierte Regierung, Anm. d. Red.) diese Reparationen bekommen möchte, unterstütze ich.

Mindziukiewicz: Polen ist unabhängig. Es gibt nichts Wichtigeres, als Freiheit und Unabhängigkeit. Ich möchte kein Geld. Mir geht es darum, dass wir in der EU bleiben. Wir haben gute Beziehungen mit allen Nachbarn.

Lass uns nichts machen, was Unruhe ausrufen würde. Krieg ist eine schreckliche Sache.
Jerzy Mindziukiewicz, Aufständischer in Warschau

Das Interview führten Melanie Herbig und Kinga Woloszyn-Kowanda.

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