ZDFheute

Bundeswehr "als Ganzes heute nicht einsatzfähig"

Sie sind hier:

Wehrbeauftragter über die Truppe - Bundeswehr "als Ganzes heute nicht einsatzfähig"

Datum:

Ein Übergangszustand mit großen Ausstattungs-Mängeln: Der Wehrbeauftragte Bartels übt im Interview Kritik am Zustand der Truppe. Zwei konkrete Maßnahmen könnten helfen.

Mangelnde Ausstattung, Kostensteigerungen: Der Wehrbeauftragte fordert im Interview mit Andreas Orth Reformen vor allem in der Verantwortung innerhalb der Streitkräfte.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Der Wehrbauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels, hat heute seinen jährlichen Bericht vorgelegt. Darin macht er konkrete Vorschläge für Veränderungen bei der Truppe. Im ZDF-Interview erklärt und kritisiert Bartels die aktuell massiven Ausstattungsprobleme bei der Bundeswehr.

heute.de: Was muss jetzt geschehen?

Hans-Peter Bartels: Die Vollausstattung muss jetzt schnell kommen. Da hat man nicht Zeit bis 2031, sondern alles, was man jetzt beschaffen kann von den kleinen Dingen wie Schutzwesten, Rucksäcke, Nachtsichtgeräte bis zu den größeren wie Hubschrauber oder Schützenpanzer. Das braucht die Bundeswehr jetzt. Sie braucht es für die Aufgaben, die sie heute schon hat. Und dann gibt es sicher manche Projekte, die werden ein bisschen länger dauern. Das darf dann auch gerne gründlich und mit der entsprechenden Sorgfalt gemacht werden, aber schnell zur Vollausstattung kommen ist ein Haupterfordernis der Reform, die man braucht.

heute.de: Wie schlimm ist die materielle Situation bei der Bundeswehr?

Bartels: Die Bundeswehr ist lange nicht mehr zu 100 Prozent ausgestattet, sondern sie hat nur einen Teil der Ausstattung, die da sein müsste. Also keine Vollausstattung. Und es gibt personell große Lücken, die daran hindern würden, dass ganze Verbände geschlossen in Einsätze gingen. Man muss immer wieder zusammenstücken - also zusammenstellen für bestimmte Zwecke. Die Bundeswehr als Ganzes ist heute nicht einsatzfähig.

Bundeswehrsoldat bei Grundausbildung

Vorstellung des Wehrberichts -
Trendwende bei Bundeswehr noch nicht spürbar
 

Der Wehrbeauftragte legt seinen Mängelbericht der Bundeswehr vor. Und singt zum fünften Mal in Folge das bekannte Lied: zu wenig Material, zu wenig Personal, zu viel Bürokratie.

von Christiane Hübscher

heute.de: Was bedeutet das: Die Bundeswehr ist nicht einsatzfähig?

Bartels: Also Teile kriegt man immer in Einsatz. Das funktioniert auch gut. Auch mit guter Ausbildung und dann moderner Ausrüstung: Wenn wir an den Balkan, Afghanistan, Mali, den Nahen Osten denken. Also wenn es um die Auslandseinsätze mit kleinen, überschaubaren Kontingenten geht, dann funktioniert das. Aber für kollektives Verteidigen in Europa bräuchten Sie die ganze Bundeswehr. Und als Ganzes ist die Bundeswehr heute nicht einsatzfähig.

heute.de: Wie würden Sie diesen Zustand bewerten?

Bartels: Es ist ein Übergangszustand und ich hoffe, dass dieser Übergang kürzer wird, als es sich im Moment andeutet. Also man hat nicht Zeit bis 2031, bis es dann spürbar wird. Es sollte jetzt in den nächsten Jahren spürbar sein.

Eigentlich hätte es schon spürbar werden müssen, denn es gibt mehr Geld für die Bundeswehr, und der Personalumfang soll auch größer werden. Also insofern: Die politischen Beschlüsse sind gefasst, jetzt kommt es auf das Management an.

heute.de: Liegt es also nicht am Geld allein?

Bartels: Es liegt nicht am Geld allein, sondern man braucht auch eine innere Reform: Eine Reform des Beschaffungswesens und eine Reform der Verantwortung innerhalb der Streitkräfte selbst. Der Bericht macht zwei wesentliche Vorschläge: Das eine ist die innere Reform, was die Verantwortung in der Truppe angeht. Also Kommandeure brauchen mehr Verantwortung für Personal, Material, Infrastruktur.

Und man braucht Veränderungen beim Beschaffungswesen. Also ich mache da eine Unterscheidung und sage: Das Eine ist eigentlich 'Ikea-Beschaffung': Man kann das aussuchen, bezahlen und mitnehmen. Dann muss man nicht den ganz großen umständlichen Weg gehen von: Ausschreibungen europaweit, dann Angebote einholen, neu erfinden, den Auftrag vergeben, zertifizieren, testen und dann über 15 Jahre in die Bundeswehr einführen - von einfachen Dingen wie Rucksäcken. Sondern sie brauchen ein normales Einkaufswesen, das auf dem Markt das kauft, was verfügbar ist, und das jetzt zu vernünftigen Preisen.

Und dann gibt es natürlich Dinge, die neu entwickelt werden müssen: Das nächste Kampfflugzeug, der nächste Kampfpanzer. Dafür braucht man große Budgets, braucht man Entwicklung, braucht man eine Beschaffungs-Organisation, die auf der Höhe der Industrie - ingenieurwissenschaftlich - mitreden kann.

Das Interview führte ZDFzoom-Autor Andreas Orth.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.