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"Man sollte sie nicht zu Helden machen"

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Gedenken an Widerstand - "Man sollte sie nicht zu Helden machen"

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Sie wollten Hitler töten, doch es misslang: Heute wird an den deutschen Widerstand 1944 erinnert. Philipp von Schulthess, Enkel von Graf von Stauffenberg, hält die Gedenkrede.

Archiv: Blick auf eine Gedenktafel für die Hinrichtungsopfer vom 20. juli 1944 in der Gedenkstätte deutscher Widerstand im Bendlerblock.
Archiv: Blick auf eine Gedenktafel für die Hinrichtungsopfer vom 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte deutscher Widerstand im Bendlerblock.
Quelle: AP

ZDFheute: Was bedeutet es Ihnen, die Rede bei der Gedenkveranstaltung zu halten?

Philipp von Schulthess: Ich finde es wichtig, dass wir als Familienmitglieder dort sprechen. Wir haben einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte. Das tut dem Gedenken gut. Ich bin dankbar, dass Antje Vollmer mich vorgeschlagen hat und wir die Rede gemeinsam schreiben konnten.

ZDFheute: Wie schwierig ist es, überhaupt noch Aufmerksamkeit für die Frauen und Männer des 20. Juli zu bekommen?

Schulthess: Es wird schwieriger, aber das ist die Aufgabe, die wir haben. Nicht nur wir als Nachkommen, sondern auch als Gesellschaft, von Politikern, Historikern. Wir müssen immer wieder erklären, warum es wichtig ist, das Gedenken an den Widerstand lebendig zu halten.

ZDFheute: Warum ist es das?

Schulthess: Das hat etwas mit Identität zu tun. Der Widerstand ist ein wichtiger Teil unserer Identität bis heute, damit wir nicht zurückschauen und sagen müssen, wir waren entweder Teil oder Mitläufer des NS-Regimes. Wir sind mittlerweile die dritte Generation nach dem Krieg.

Auch für mich ist es ein Hoffnungsfunke, dass es Widerstand in dieser schrecklichen Zeit gab.

ZDFheute: Auch als Vorbild für heute?

Schulthess: Schwierig. Man kann vielleicht heute die Tugenden, die die Widerständler geleitet haben, zum Vorbild nehmen. Dass man Verantwortung trägt für das, was um einen geschieht. Aber man kann 2020 nicht mit 1945 vergleichen. Damals sind die Widerstandskämpfer zu dem Schluss gekommen, dass das Problem Hitler nur mit Gewalt zu lösen ist. Ich sehe heute in Deutschland kein Problem, das nur mit Gewalt gelöst werden kann.

ZDFheute: Welches Bild haben Sie zu Hause von ihrem Großvater mitbekommen?

Schulthess: Das ist ein großes Puzzle, was vermutlich nie ganz fertig wird. Es setzt sich aus Büchern zusammen, und natürlich aus dem, was mir meine Familie mitgegeben hat. Das sind vor allem Emotionen, oft Details, wie er war. Das ist eben das Problem von Biografien:

Wenn man sich nur auf das Attentat konzentriert, dann vergisst man, was er noch alles war.
Philipp von Schulthess

ZDFheute: Gibt es eine Diskrepanz zwischen dem Widerständler Stauffenberg aus den Büchern und dem Großvater, von dem Ihre Großmutter erzählt hat?

Heute ist der 76. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats der Offiziere um Graf von Stauffenberg. Das Gedenken hieran ist bei der Bundeswehr hoch aktuell.

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Schulhess: Die gibt es. Es gibt einen Brief von ihm, in dem er sich sehr abfällig gegenüber den Polen äußert. Das passt nicht zu dem mitfühlenden Familienvater, den ich kenne. Aber wir wissen nicht genau, warum er das zu diesem Zeitpunkt geschrieben hat. Und wer hat nicht auch schon Fehler in seinem Leben gemacht? Ein Mensch ist immer komplexer.

ZDFheute: Werden denn zu dem Puzzle noch heute neue Teile hinzugefügt?

Schulthess: Als ich mit Antje Vollmer die Rede für Montag besprochen habe, sind wir durch die Bewegung "Black Lives Matter" und die Rassismus-Diskussion darauf gekommen, dass es nie gut ist, Menschen auf einen Sockel zu stellen. Den Widerstandskämpfern ist auch nicht alles gelungen in ihrem Leben. Man sollte sie nicht zu Helden machen. Es ist schlecht, diese Menschen vom Sockel zu stoßen. Aber es ist noch schlechter, sie draufzustellen.

ZDFheute: Wie bringen Sie Ihren Töchtern heute bei, wer ihr Urgroßvater war?

Schulthess: Wir versuchen es gerade. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. Alles ist furchtbar schwarz-weiß: Hitler böse, Widerstandskämpfer gut. Aber wie rechtfertige ich heute, dass die den Bösen umbringen wollten, wenn ich ihnen sonst beibringe, den Bösen nicht zu schlagen? Erst später, so war es auch bei mir, kann man begreifen, dass die ganze Geschichte viel komplexer ist.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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