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ZDF-Recherchen zur NS-Zeit - Späte Ehrung eines mutigen Lebensretters

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Jahrzehntelang blieb unbekannt, dass er viele Juden vor dem Tod gerettet hatte. Nun erhält Helmut Kleinicke posthum die Auszeichnung als "Gerechter unter den Völkern".

Jahrzehntelang blieb unbekannt, dass der Deutsche Helmut Kleinicke viele Juden vor dem Tod gerettet hatte. Einer von ihnen ist Josef Königsberg, der sich auf die Suche nach seinem Lebensretter macht.

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Josef Königsberg vermag es kaum zu glauben. Fassungslos betrachtet er das leicht vergilbte Briefmarkenalbum in seinen Händen. Die Marken hat er selbst eingeklebt - vor über einem Dreivierteljahrhundert. Das Relikt aus seiner Kindheit hatte er schon längst verloren geglaubt. Jetzt ist es sein einziges Erinnerungsstück an eine Zeit, die für ihn im Zeichen des sicheren Todes stand. Und an den Mann, der es einst für ihn verwahrt hatte: Helmut Kleinicke, der einzige Deutsche, der den jüdischen Jungen im besetzten Polen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs wie einen Menschen behandelte - und dem Josef Königsberg sein Leben verdankt.

ZDF recherchiert Identität des Retters 

Seit seiner Befreiung 1945 von einer Odyssee durch die Lager des NS-Regimes ist er auf der Suche nach Helmut Kleinicke. Doch erst jüngste Archivrecherchen von ZDF-History und dem "Spiegel" erbrachten endlich Aufschluss über die Identität des 1979 verstorbenen Retters und führten zu dessen Tochter.

Kleinicke mit Tochter
Helmut Kleinicke mit Tochter Jutta Scheffzek
Quelle: Jutta Scheffzek

Jutta Scheffzek hatte ihren Vater eher in sich gekehrt erlebt. Was damals im Krieg geschehen war, blieb ein Thema, das niemand gerne berührte. Erst als Jutta Scheffzek auf Einladung des ZDF zum ersten Mal Josef Königsberg traf, lernte sie ihren Vater auf überraschende Weise neu kennen - und lieben. Die Erzählungen des rüstigen Überlebenden, ergänzt durch Archivdokumente, Briefe und Unterlagen aus dem Nachlass, zeichneten das Bild eines im Wortsinn gewissenhaften Menschen. Obwohl NSDAP-Mitglied seit 1931 und nach dem deutschen Überfall auf Polen als Kreisbaumeister nach Chrzanów, damals Krenau, beordert, schien ihm das dort vorherrschende Herrenmenschen-Gehabe wesensfremd.

"Schnell hatte sich herumgesprochen", erinnert sich Josef Königsberg, "dass Herr Kleinicke sympathisch ist und bereit, Juden zu helfen." Der damals 16-Jährige fasste sich eines Tages ein Herz und vertraute ihm sein Briefmarkenalbum an. "Er hat nicht lange überlegt und gesagt: 'Gut, ich nehme es. Sollten wir überleben, bekommst du es zurück.'"

Rettung in letzter Sekunde

Die Aussichten dafür waren gering. Von 1941 an führten Transporte aus dem Ghetto in das nur 20 Kilometer entfernte Vernichtungslager Auschwitz. Später musste Königsberg mit ansehen, wie seine Mutter und seine Schwester dorthin deportiert wurden - ein Anblick, der ihm für immer das Herz zerriss. Er selbst wurde um die Jahreswende 1942/43 durch das beherzte Eingreifen seines Gönners aus dem Todestransport geholt. "Hätte Kleinicke mich an diesem Tag nicht als unentbehrlichen Arbeiter für sich reklamiert, wäre ich wohl noch am selben Tag vergast worden", sagt er im Rückblick.

Wie weitere Nachforschungen des israelischen Fernsehsenders KAN ergaben, war Königsberg keineswegs ein Einzelfall. Überlebende aus Chrzanów in Israel rühmen Kleinicke als "ihren Schindler". Sie berichten, wie er Juden in Kellerräumen und Gewächshäusern der Kreisgärtnerei versteckte, wie er ihnen mit gefälschten Papieren zur Flucht verhalf oder sie selbst über die Grenze brachte - stets unter akuter Lebensgefahr. Über ein Dutzend Rettungsfälle sind nachweisbar, die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.

Späte Würdigung

Als Kleinickes Tochter Jutta Scheffzek vor zwei Jahren in Jerusalem Menschen traf, die ihr Vater vor dem sicheren Tod bewahrte, war sie überwältigt von der herzlichen Aufnahme und dem überschwänglichen Lob für ihren Vater, dem sie sich nun erst richtig verbunden fühlt. "Er hatte zu mir gesagt: 'Es waren viel zu wenige, denen ich helfen konnte.'" Manche aus dem Heer der einstigen Täter und Untätigen, die nun Karriere machten, mieden ihn wie einen Verräter.

Mit dem positiven Bescheid der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auf den ZDF-Antrag, Helmut Kleinicke als "Gerechten unter den Völkern" zu ehren, die nun heute mit der Überreichung der Urkunde an seine Tochter ihren festlichen Ausdruck findet, erfährt er eine späte Würdigung - als einer von nur gut 600 Deutschen unter 27.000 Geehrten. "Er war ein Mensch mit menschlichen Gefühlen - leider eine große Ausnahme," bezeugt Josef Königsberg. Das Briefmarkenalbum, das Jutta Scheffzek ihm wiedergab, erinnert den 95-Jährigen nun fortwährend daran. 

Peter Hartl ist Redakteur bei ZDF-History.

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